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Hier spielt die Musik

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Von: Sylvia Staude

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Den Menschen drängt es zur Musik, egal, ob ein anderer den Ton angibt oder nicht.
Den Menschen drängt es zur Musik, egal, ob ein anderer den Ton angibt oder nicht. © REUTERS

Ein Komponist als Biohacker: Der klang- und forschungsintensive Künstlerroman „Orfeo“ von Richard Powers.

Auf eine Thriller-Spur führt Richard Powers seine Leser mit den ersten, furiosen Seiten von „Orfeo“: Ein Notruf, mysteriöse Angaben („Jetzt ist es gut“) und geheimnisvolle Geräusche („Ein weiterer gedämpfter Schlag“). Darum am gleichen Abend noch ein misstrauischer Polizeibesuch beim Anrufer. Aber Peter Clement Els, pensionierter Musikprofessor, hat nur seinen geliebten alten Hund Fidelio verloren, der plötzlich aus dem Maul blutete und starb. Die beiden Beamten wollen schon gehen, doch die Tür zum Arbeitszimmer von Peter Els steht offen: „Wozu brauchen Sie die ganzen Petrischalen?“, fragt die Polizistin. „Wohnungen für Bakterien. Genau wie wir“, sagt Els lässig.

Er setzt damit etwas in Gang, ähnlich der Bakterienvermehrung (das durchaus haushaltsübliche Serratia marcescens) in seinen Petrischalen. Zuerst besuchen ihn zwei Ermittler von der Joint Security Task Force, Teil der berüchtigten US-amerikanischen Homeland Security. Sie schießen Fotos, nehmen einen Teil seiner Hobby-Laborausrüstung zu weiteren Untersuchungen gleich mit. Vor allem ein arabischer Notendruck aus dem 16. Jahrhundert macht sie nervös, der geheimnisvollen Zeichen wegen. Dann, Els kommt vom morgendlichen Joggen, sieht er, „wie ein Mann im Schutzanzug auf seinem Dach mit einer Stange im Schornstein stocherte.“ Er fährt einfach weiter, wird zum Flüchtigen. Und Powers beginnt auch noch eine Art Roadmovie.

Vor allem anderen aber – weit mehr als Thriller, Wissenschaftsroman oder literarisches Roadmovie, mehr sogar als Powers’ eigener musikalischer Vorläuferroman „Der Klang der Zeit“ (2003) – ist „Orfeo“ ein Künstler- und ein leidenschaftlicher Komponistenhuldigungsroman. Powers, geboren 1957, einst Physikstudent und Computerprogrammierer (unter anderem!), hatte zwar für seinen – bereits elften – Roman als später Praktikant in einem Labor der Stanford University angeheuert. Doch viel entscheidender für „Orfeo“ ist, dass dieser Autor vieler Talente auch schon professionell Cello gespielt und komponiert hat. Die riesige Welt der Musik wie überhaupt der Klänge und Geräusche ist sein unerschöpflicher, liebevoll zelebrierter Stoff.

Nach zwei Seiten „Ouvertüre“, während der der Hobbyforscher still arbeitet, beginnt der Text schon zu klingen: Da ist der fatale Notruf und gleich auch die Ankunft der Polizisten vor Els’ Haus; sie hören: „Ahornzweige knackten im Frühlingswind. Gedämpftes Gelächter drang über zwei Rasenflächen aus einem Nachbarhaus. Hoch oben das Heulen zweier Düsen, ein Regionalflugzeug im Landeanflug. Das zischende Geräusch der Autos auf der Schnellstraße, vier Häuserblocks entfernt.“

Wie DNA-Stränge flicht Powers nun die musikalische und die naturwissenschaftliche Suche Peter Els’ ineinander; der Unterschied dieser Informationsketten ist in den Augen des Komponisten und spätberufenen „genetischen Bastlers“, nicht groß: „Musik und Viren bringen beide ihre Wirte dazu, sie zu replizieren“. Sätze wie diese sind immer wieder eingeblockt, erst am Ende des Romans stellt sich heraus, wer ihr Verfasser ist: Els, die Medien nennen ihn inzwischen „Biohacker-Bach“, hat unter dem trotzigen Namen @terrorchord das Twittern entdeckt. Um zu erklären. Um zu bekennen. Unschuldig? Unschuldig ist er nicht, sagt Els zu seiner Tochter Sara. Ein wenig kokettiert er sogar damit, dass er den Menschen Angst einjagt.

Man hat Richard Powers vorgeworfen, dass seine Romane überwiegend Konstrukt und intellektuell-philosophische Versuchsanordnung seien. Zu kühl-klug und debattenhaltig, als dass man den Figuren nahe käme. Doch sein Orpheus Peter Els ist nicht nur glaubwürdig, sondern manchmal geradezu rührend in seiner Besessenheit. Man hört ihm beim Hören zu, man ist etwa Teil seines Erwachsenenbildungskurses, wenn er – Seite um Seite – die Geschichte und das Wunder von Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ erklärt. Immer wieder lässt Powers ihn hören (lässt also den Leser lesend mithören): John Cage, Steve Reich, Harry Partch. Schostakowitsch. Mahler. Mozart. Bach. Schließlich auch die Metal-Band Anthrax, da es eh schon egal ist, was Els anklickt. Man wird ihm auch aus seinen Internet-Suchanfragen einen Strick drehen.

Powers stellt dem (jungen und mitteljungen) Komponisten in Rückblicken einen regieführenden Freund zur Seite, die beiden wollten einst die Bühnen- und Klangkunst aufmischen. Els’ Kompositionen sollten Waffe sein, um die Welt – oder mindestens: ein paar Leute – zu verändern. Je mehr Skandal, desto besser. Nur ja kein „virtuoser Kitsch“, nur ja keine Klassik, nur ja kein Kompromiss. Auch kein Familien-Kompromiss: Els verlässt Frau und kleine Tochter, der Musik wegen. Er wird es bereuen. Und endlich, alt und mild geworden, nur nach einem suchen: „ein kleines Geräusch, das euch alle erfreut“. Mit Einsprengseln von herrlicher Ironie wird in diesem Roman eine Avantgarde-Debatte geführt sowie eine über die Wirkmacht – oder doch die Machtlosigkeit? – von Kunst („Zeitgenössische Oper im Nachrichtenprogramm: das war die Macht von Gefahrenstufe Orange“). Richard Powers schlägt sich dabei auf keine U-, E- oder sonstige Seite, besteht allerdings auf Freiheit für die Kunst. Oder eigentlich: für den Künstler.

Alle Musikbeispiele erhalten von ihm die gleiche – vorzügliche – sprachliche Behandlung, so dass man hin und her gerissen ist, ob man sich etwa Steve Reichs „How small a thought“ im Internet suchen und lesend anhören soll (Zeile um Zeile, Pausen an den richtigen Stellen, denn die Beschreibung eilt der Musik dann doch voraus) oder ob man nicht im Text alles schon findet, was man braucht, um zu verstehen.

2004 wurde in den USA der BioArt-Künstler Steve Kurtz wegen „Bioterrorismus“ verhaftet und musste jahrelang um seine Rehabilitation kämpfen. Er dürfte Vorbild für die Figur Peter Els gewesen sein. Der doch nur versucht, Bakterien-DNA als Speichermedium für eine kleine Musiksequenz zu nutzen, auf dass diese sich teile, lebe und erfreue bis in alle Ewigkeit.

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