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Hier putzt der Held (nicht) selbst

Ein Fall von "Nouveau nouveau roman": Christian Oster verkehrt den Lauf der Liebe

Von Carsten Hueck

Sie leistet der Entropie Widerstand, ist gesellschaftlich nicht besonders hoch angesehen, doch kann Wunder wirken: die Putzfrau. Jede Woche bringt sie frischen Glanz in schmuddelige Welten, ordnet verkommenes Leben neu. Sie hilft uns, reinen Tisch zu machen. Genau das will Jacques, der knapp 50-jährige Ich-Erzähler in Christian Osters Roman mit dem schönen Titel Meine Putzfrau. Jacques ist verlassen worden. Nach einem halben Jahr Wundenlecken inmitten schmutziger Teller, verschimmelter Vorräte und ergrauter Bettwäsche, gibt er sich einen Ruck. Er beschließt, dass es Zeit ist für einen Neuanfang. Zeit, sich eine Putzfrau zu nehmen: Laura ist Mitte Zwanzig, halb so alt wie er. Jacques versteht sich als Arbeitgeber, Laura als Dienstleistende. Das Verhältnis der beiden ist gewollt unpersönlich.

Christian Oster ist in Frankreich kein Unbekannter. Der 54-jährige hat Krimis, Kinderbücher und an die zehn Romane geschrieben. Er zählt zur Gruppe der "Minimalistes": Autoren der Editions de Minuit - unter ihnen Jean-Philippe Toussaint, Patrick Deville, Jean Echenoz - die in den 1980-er Jahren den "post" oder auch "nouveau" Nouveau Roman erfanden: alltägliche Geschichten, reduziert im Stil, humorvoll erzählt. Ihre Handlung ist banal und absurd zugleich, die Protagonisten sind oft tragikomische Ich-Erzähler.

In seinem ersten ins Deutsche übersetzten Roman Meine große Wohnung (Eichborn, 2001) ergibt sich aus dem Verlust eines Wohnungsschlüssels eine Kette absurder Ereignisse. Was seiner plumpen Hauptfigur an existenziellen Unbilden, aber auch Freuden widerfährt, beschreibt der Autor sachlich, distanziert - und erzeugt dadurch eine wunderbare Komik. Genau so funktioniert Meine Putzfrau.

Oster zeichnet Jacques als originellen Melancholiker. Desillusioniert und kritisch betrachtet er die Welt, klebt aber im eigenen, engen Kosmos fest. Oster denunziert die Figur nicht, auch wenn er sie verschroben und verkrampft zeigt. Jacques ist kein übler Kerl. Je ernster man ihn nimmt, desto besser versteht man ihn. Vom Scheitern seiner Liebe hat er sich nicht erholt, auch wenn er das Gegenteil beteuert. Putzfrau Laura erfüllt sein Bedürfnis nach Struktur und Gesellschaft - ohne die Gefahr emotionaler Unordnung. Natürlich klappt das nicht. Erst wünscht Jacques, dass Laura häufiger kommt, dann bittet sie darum, vorübergehend einziehen zu dürfen.

Die sachliche Romanze gipfelt in gemeinsamer Haushaltsführung, geteilten Mahlzeiten und Kompromissen bei der Wahl des Fernsehprogramms. Christian Oster parodiert also die übliche Chronologie einer Liebesgeschichte: Er lässt sie beginnen, wo sie normalerweise endet. Vor der Passion kommt der geregelte Alltag.

Der wird bedroht, als Jacques' alte Liebe Constance überraschend auftaucht. Um das Implodieren seiner mühsam erworbenen Neuordnung zu verhindern, flieht Jacques Hals über Kopf ans Meer. Putzfrau Laura begleitet ihn, im Kofferraum den Staubsauger. Eines Tages lässt sie sich den Schädel rasieren, und plötzlich ergreift Jacques ungestüme Begierde. Laura erwidert wilde Lust und zärtliche Nähe, zum ersten Mal duzen sich die beiden. Im Haus eines Hühner malenden Sozialhilfeempfängers verbringen sie ihren Honeymoon. Sonne, Meer und Lauras Sinnlichkeit entspannen Jacques. Seine Verstocktheit löst sich, sein Job in Paris ist ihm egal. Er lässt sich gehen. Doch genau der Versuch, die Idylle zu institutionalisieren, zerstört sie - wie kann es anders sein.

Im atypischen, alltäglichen, eigenartigen und realistischen Erzähluniversum Christian Osters ist alles immer in Bewegung. Überraschend variiert und verschränkt der Autor bestimmte Motive seines Romans und spielt mit der Lesererwartung. Bevor Jacques sich im neuen Glück einrichten kann, räumt die Putzfrau noch einmal auf: Sie verliebt sich am Strand in einen Gleichaltrigen. Eine Laura, das weiß man seit Petrarcas Canzoniere, steht eben für das Gegenteil von Erfüllung. Der Held ist am Ende verlassen wie am Anfang. Meine Putzfrau ist ein ironisches Spiel mit Wahrnehmungs- und Wirklichkeitserfahrung. Christian Oster bestätigt vergnüglich, dass immer alles anders kommt, als man denkt - und dabei doch in Ordnung geht.

Christian Oster: Meine Putzfrau. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2003, 191 Seiten, 18,90 €.

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