Essay

Hier ein Auge, dort eine Pfote

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Die russische Autorin Maria Stepanova öffnet in ihrem poetischen Langessay „Nach dem Gedächtnis“ einen weiten Reflexionsraum über unser Verhältnis zur Vergangenheit.

Was für ein wunderbarer Titel. „Nach dem Gedächtnis“ komprimiert in seiner Mehrdeutigkeit bereits das gesamte Paradox des Unterfangens, das Maria Stepanova mit diesem Buch verfolgt: eine vergangene Lebenswirklichkeit zu erfassen, an die es kaum noch Erinnerungen gibt. Stepanova macht sich auf die Suche nach ihrer Familie, nach Groß- und Urgroßmüttern und -vätern, und auch nach deren Eltern, soweit es eben möglich ist. Manche haben Spuren hinterlassen, andere fast nichts; dramatische Lebensläufe sind nicht dabei. „Bei allen anderen bestand die Familie aus Protagonisten der Geschichte, bei mir nur aus ihren Untermietern“, schreibt sie. Keiner ihrer Vorfahren habe an der Front gekämpft, niemand sei politisch verfolgt worden, niemand unter deutsche Besatzung oder „eines der großen Gemetzel des Jahrhunderts“ geraten.

Gegenstand dieses Buches ist daher nicht nur die (Familien-)Geschichte an sich, sondern in erster Linie die Reflexion einer Suche nach deren verbliebenen Spuren. Es beschreibt das Bemühen darum, etwas einzufangen und zu bewahren, das längst verloren ist, und thematisiert gleichzeitig das Wissen um die Vergeblichkeit des Vorhabens. Ein beharrliches, und herrliches, „Trotzdem!“ steckt in diesem Paradox. Denn auch das Scheitern an der Vergangenheit ist nicht vergeblich, wenn sich auf diese Weise, so intellektuell skrupulös und dabei doch weite poetische Assoziationsräume öffnend, darüber schreiben lässt.

Das titelgebende „Gedächtnis“ entlarvt sich sehr bald als trügerisch. Die Autorin schildert eine Reise – es ist einer von vielen Recherchetrips, die sie in eine jener Städte unternahm, in denen Vorfahren von ihr lebten; in diesem Fall ist es Saratow. Maria Stepanova hat eine Adresse in Erfahrung gebracht, unter der einer ihrer Urgroßväter gewohnt hat. Sie sucht das Haus auf, es steht noch. Obwohl sie selbst nie hier gelebt hat, scheint der Ort ihr gleich nah und vertraut, „so präsent war mir hier alles, so genau und fraglos wusste ich mit einem Mal, wie es bei uns hier gewesen war“. Erst eine Woche nach ihrer Abreise erfährt sie, dass man ihr versehentlich die falsche Hausnummer gegeben hatte.

„Die Vergangenheit heranzuholen und zu begreifen, gleicht jenem Spiel, bei dem man anhand eines Bilds eine Geschichte erzählen oder – schlimmer noch – anhand von drei, vier Punkten (Auge, Schwanz, Pfote) eine Figur fertigzeichnen soll“, schreibt Stepanova. Und eben das tut sie nicht; sie zeichnet nicht fertig, was unter Zuhilfenahme reiner Phantasie rekonstruiert werden müsste. Stattdessen konzentriert sie sich intensiv auf Auge, Schwanz, Pfote, die teilweise eben doch das Ihre erzählen über einen größeren Ausschnitt Wirklichkeit, der daneben nur nicht zu sehen ist. Jene Urgroßmutter etwa, die als junge Frau wegen revolutionärer Umtriebe kurzzeitig in einem zaristischen Gefängnis einsaß und dann in Paris Medizin studierte (und später im hohen Alter plötzlich begann, nur noch Französisch mit der Familie zu sprechen), kann zwar nicht mehr zu ihrem längst beendeten Leben befragt werden; doch ein paar Fotografien aus alter Zeit, etliche Briefe, viele Spaziergänge in Pariser Straßen und etwas allgemeine historische Lektüre lassen immerhin valide Ahnungen zu über das einstige Leben einer jungen Russin in Paris (1914 stammten an die 80 Prozent der weiblichen Medizinstudierenden in Paris aus Russland). Von einer anderen Urgroßmutter, die auch gern Ärztin geworden wäre, es aber nicht durfte, sind dagegen nur sehr wenige Dokumente erhalten, so dass ihr Leben kaum noch nachvollzogen werden kann. Von einem Urgroßvater, der jung starb, gibt es gar nur ein einziges Foto, das man gerade deshalb mit um so mehr Bedeutung aufladen möchte.

Als plastisch begreifbare Metapher für diese nur noch bruchstückhaft erkennbaren Biographien fallen Maria Stepanova auf einem Flohmarkt Porzellanpüppchen in die Hände, denen hier und da Teile von Gliedmaßen fehlen. „Frozen Charlottes“ nannte man die kleinen Figuren einst in Amerika, wohin sie in riesiger Stückzahl gelangten, hergestellt irgendwo im Süden Deutschlands. So sehr Stepanova auch sucht, unter den Püppchen auf dem Markt findet sie keines, das ganz intakt wäre. Man erzählt ihr sogar, dass diese billigen, massenhaft hergestellten Porzellanfiguren einst als Füllmaterial beim Transport von wertvolleren Gütern dienten. Wer weiß schon, ob das stimmt. Aber was sie über die frozen Charlottes, diese „Fußsoldaten der Spielzeugwelt“, zu erfahren imstande ist, erzählt die Autorin jedenfalls ebenso gewissenhaft nach wie die Bruchstücke ihrer Familienbiographie.

Sie bewegt sich schreibend gewissermaßen permanent zwischen verschiedenen Erzähl- und Wahrnehmungsebenen. Die Reflexion über das Erinnern, das Vergegenwärtigen, die Suche nimmt dabei den größeren Raum ein beziehungsweise ist vom Erzählen über das, was war, gar nicht zu trennen. Letztlich ist es auch von ihr selbst nicht zu trennen, denn, wie sie schreibt: „Der Autor kann nicht im Schatten bleiben, ob er will oder nicht, dieses Buch handelt von ihm.“ Und von allen anderen, die nicht anders können, als sich ihrer Identität auch immer wieder über diejenigen vergewissern zu wollen, die vor ihnen kamen. Wenn nur „Untermieter der Geschichte“ darunter waren, muss das ja nicht das Schlechteste sein.

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