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Ein Polizist hat vor einem Tokioter Schrein ein wachsames Auge.

Krimi-Erzählungen

Hideo Yokoyama: Kommissarin Hirano hat ihre Gründe

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Zwei unaufgeregte Kriminal-Erzählungen von Hideo Yokoyama, Autor von „64“.

Hideo Yokoyamas „64“ ist eine Kraft, die die tektonischen Platten diverser Kriminalroman-Genres nicht so sehr verschiebt, als dass sie sich von so einer Platte ein Stück abbricht, um darauf ganz allein zu thronen. Vieles scheint darin dem japanischen Autor geradezu gleichgültig zu sein, zum Beispiel der Spannungsaufbau. Seine Polizisten aus diversen Tätigkeitsbereichen sind vor allem damit beschäftigt, gegen keine der vielen Hierarchieregeln zu verstoßen. Oder vielleicht ein wenig zu verstoßen. Aber während sie durch Gänge eilen, vor den Türen von Vorgesetzten-Büros sitzen, sich den nächsten taktischen Zug überlegen, interessieren sie die Leserin ganz immens. Lange passiert in diesem Roman nichts an kriminalistischer Arbeit, oder doch fast nichts. Aber im Untergrund knistert es. Denn die japanische Gesellschaft wird in „64“ gerade so ausführlich und so sparsam beschrieben, um faszinierend, aber auch seltsam und fern zu sein.

„64“ erhielt den Deutschen Krimipreis, war aber nicht nur unter Kritikerinnen und Kritikern ein beachtlicher Erfolg. So brachte der Schweizer Atrium-Verlag in schönem Design und erneut in einer Übersetzung aus der englischen Übersetzung nun zwei Geschichten Hideo Yokoyamas heraus und überschrieb sie „2“. Was natürlich die Erinnerung an „64“ wecken soll, aber anders als bei diesem Roman, der sich auf ein bestimmtes Jahr kaiserlicher Regierung bezieht, kaum Sinn macht.

Die beiden Geschichten von „2“ sind bereits 1998 erschienen; einer westlichen Leserin fällt das nicht unbedingt auf. In „Zeit der Schatten“ ist man im Präsidium der Präfektur D einmal mehr beschäftigt mit Regeln, ausgesprochenen und unausgesprochenen, und in der Verwaltungsabteilung sitzt Inspektor Futawatari und muss die Liste der Versetzungen fertigstellen. Genau austarierte Versetzungen, bei denen wie bei einem Puzzle jeder an seinen Platz geschoben werden muss. Futawatari, das kann man schon sagen, ist ein Meister der Listen. Doch dann weigert sich Osakabe, ehemaliger Direktor des Kriminaluntersuchungsamts, nun Vorstandsvorsitzender einer „Stiftung zur Überwachung der Entsorgung von Industriemüll“, seine Stelle nach den fest vereinbarten drei Jahren zu räumen. Das bringt alle Pläne durcheinander.

Es geht, das kann man sich auch als begriffsstutziger Europäer denken, um anderes, eben um mehr als die ehrenhafte Einhaltung einer Absprache. Osakabe, der einst brillante Ermittler, hat seine Gründe.

In „Schwarze Linien“ hat Kommissarin Hirano ihre Gründe, just verschwunden zu sein (und es zu bleiben), obwohl sie den Spitznamen „Spürnase“ hat und von allen als pünktlich und zuverlässig gerühmt wird. Man macht sich Sorgen, ist sie doch am Morgen wie immer um halb acht von ihrer Unterkunft aufgebrochen. Gruppenleiterin Tomoko Nanao hat die undankbare Aufgabe, nach ihr zu suchen. Auch hier lässt sich Hideo Yokoyama Zeit, er ist kein Autor von Actionszenen, obwohl der Verlag „Thriller“ aufs Cover schreibt. Düfte spielen bei Nanaos Suche eine Rolle, ein zurückgelassenes Auto spielt eine Rolle.

Die Geschichten von „2“ sind ein bisschen vertrackt, aber doch auch gelassen. Man liest sie, wie „64“, mit dem Abstand des immer leicht Staunenden. Die Menschen darin handeln anders, als sie es in einem amerikanischen oder deutschen Polizeiroman täten. Aber das und die lakonische, ganz und gar nüchterne Art der Erzählung machen den Reiz der Erzählungen Hideo Yokoyamas aus.

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