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Blumig und unverblümt: Katja Kettu.
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Blumig und unverblümt: Katja Kettu.

Katja Kettu „Feuerherz“

Hexenwissen, Hexenschuss

Die Finnin Katja Kettu legt einen wilden Roman über wilde Frauen mit einem „Feuerherz“ vor.

Von Sabine Vogel

Diese „verdammten naturfürchtigen Hirnis“! Muksa hat die Nase voll von diesen „Baumficker-Geschichten“, diesem ganzen Schwachsinn von Geistern und Göttern und heiligen Hainen, in denen ein wiederauferstandenes Gespenst nicht das Unwahrscheinlichste ist. Muksa ist ein Kerl der Gegenwart, in der es Trolle nur noch im Internet gibt und die Krim gerade durch eine Volksabstimmung erobert wurde. Muksa fummelt gern an einem Videospielgerät herum, in dem „ein Gorilla mit Fässern schmeißt“.

Der Rüpel mit der „Stirn eines Neandertalers“ ist mit Kostja in einem Lada in das Dorf Larwa im Mariland gekommen, um der alten Elna dort ihr Grundstück abzuschwatzen. Das Land soll einem russischen Staudamm weichen. Sturköpfig weigert Elna sich zu unterschreiben, nicht mal die Knarre des bräsigen Schaufelgesichts von der Spezialtruppe jagt ihr Angst ein. Der andere Hüne mit dem Stoppelhaar ist ihr Ziehsohn, Kostja oder Kozla, der Waldbub, und der wird es eben dort bald aufs Schwitzigste mit der „Touristin“ Verna aus Finnland treiben. Deren Handy hat keinen Empfang in dem abgelegenen Kaff. Das ganze Dorf ist „stumm“.

Verna ist neben Elna, die eigentlich Irga ist, die zweite weibliche Hauptfigur dieses an miteinander verbandelten Personen und Geschichten, historischen Zeitebenen und mythologischen Legenden übervollen Romans. Die Finnin Katja Kettu verschränkt mit „Feuerherz“ in einem furiosen Erzählbogen die Geschichten von zwei bärenstarken Frauen und dem Volk der Mari, einer ethnischen Minderheit in der Grenzregion von Finnland und Russland.

Da sprotzt der Saft, da rotzt die Kraft

Verna hat es im Jahr 2015 dorthin verschlagen, weil ihr Vater Hendrik, Alkoholiker und Professor für Völkerkunde, ihr etwas über ihre Herkunft berichten wollte. Doch als Verna ankommt, ist der gerade gestorben, seine bös verunstaltete Leiche liegt aufgebahrt auf einer Scheunentür. Ein Ohr ist abgerissen, ein Milizionär zieht noch einen Nachtfalter aus seinem offenstehenden Mund. Das ist die Seele, zumindest eine davon, denn nach den Glaubensvorstellungen der Mari hat man davon drei.

77 Jahre zuvor, im eisigen Winter 1937, stakte die 15-jährige Irga, die „Tochter des Weißen Generals“, auf Skiern aus Lappland in die Sowjetunion zu Wolfszahn, der ein kommunistischer Agitator war und sie geschwängert hat. Kurz vor ihrem Aufbruch wurde ihr von eine Horde blöder Dorfrüpel die Zunge abgeschnitten. Die Meute ihrer Verfolger kann sie nur durch ein Wunder abschütteln: Aus ihrem Gürtel lässt sie einen Windknoten los, und schwupps, verbirgt sie eine Wand aus Wind und Schnee.

Ihre Odyssee führt Irga bis nach Workuta ins Gulag, wo sie, willkürlich zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, im Kohlebergwerksstollen schuftet, verschüttet wird, sich dank eines wirren Wichtelopas retten kann und wieder Opfer gewalttätiger Männer wird. Überhaupt sind alle Männer dieses Epos über die Gräuel des 20. Jahrhunderts und die Niederungen der menschlichen Natur üble, eklige, stinkige Wüstlinge mit Herpes in den Schamhaaren, die nichts in der Birne haben außer Fusel und den Trieb zur Demütigung Schwächerer. Um zu überleben, erschlägt Irga ihre „Schwester“ und nimmt deren Identität an. Damit sich der Reigen aus Mord, Totschlag, Gulag-Barbarei, Sex, Schamanenzauber, Baumgeistern und Hexenwissen rundet, stellt sich heraus, dass Vernas Vater Irgas totgeglaubter Sohn war, den man ihr im Gulag wegnahm, ihr anderer Sohn, Wowa, verbreitet als Zar, Despot, psychopathischer Diktator bizarre Furcht und Schrecken und lässt zur Tilgung seiner Herkunft das Dorf niederbrennen.

Derb und heftig geht es zu, da sprotzt der Saft, da rotzt die Kraft, das riecht und schmeckt nach schwitzigen Nachmittagen und Rauch in nasser Wolle. Hemmungslos blumig und unverblümt, haltlos erfindungsreich und voll jeden guten Geschmack auslachenden Witzes ist die metaphernreiche Sprache Katja Kettus. Da raunen keine elfenzarten Mythen, da donnert und gewittert es gewaltig zwischen den Seiten dieses geschichts- und legendensatten Märchens. Kitsch oder Kunst? Egal, mutig, wild und einfach mal toll!

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