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Szene aus dem heutigen Russland, ein Junggesellinnenabschied.

"Rotes Licht"

Heute liberal, gestern KGB, vorgestern Imperialist

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Maxim Kantors schier unüberschaubarer Roman "Rotes Licht" beleuchtet die russische Geschichte eines ganzen Jahrhunderts.Achten Sie auf die Zahl Drei! Ein Orientierungsversuch.

Drei ist eine magische Zahl, Primzahl dazu und, auf die Geometrie angewandt, gleichzeitig jene Zahl, die der räumlichen Wahrnehmung Geltung verschafft. Dreimal muss im Märchen dasselbe passieren, bis eine entscheidende Wendung eintreten kann.

Auch Maxim Kantors Roman „Rotes Licht“ ist nur auf den ersten Blick „überbordend“, „gargantuesk“ (wie auf dem Buchumschlag formuliert) und unüberschaubar. In seinen Grundzügen lässt er sich – zumindest in großen Teilen – auf die Zahl Drei zurückführen und zieht damit einen weiten geschichtlichen Raum auf. Kantors Fokus richtet sich, nicht ungigantoman, auf das gesamte vergangene Jahrhundert. 

Die Eingangsszene spielt in der nahen Gegenwart: Ein alter Mann, Historiker, Philosoph, Jude, liegt auf den Tod; Solomon Richter sein Name. Während seiner letzten Tage im Krankenhaus wütet im Hintergrund der Krieg in der Ost-Ukraine. Die Berichte im Fernsehen und das nationalistische Gebrabbel von Mitpatienten und Personal stören den Alten beim ruhigen Dahinscheiden. Ein Pfleger brüstet sich mit Kriegserlebnissen und behauptet, einen russischen Kommandeur persönlich zu kennen: Deschkow sein Name. Dieser Deschkow, der etwas später damit eingeführt wird, dass er versucht, andere Soldaten am Foltern ukrainischer Kriegsgefangener zu hindern, ist eine Nebenfigur in diesem Roman, so wie letztlich fast alle Personen Nebenfiguren sind, denn es gibt so viele. Eine Überblicksliste, wie man sie aus russischen Romanen des 19. Jahrhunderts kennt, hätte gar nicht geschadet. 

Erschwert wird die wiedererkennende Einordnung noch dadurch, dass es oft gleich drei Personen mit demselben Nachnamen gibt, die Zeitebenen aber mitunter nahtlos ineinander übergehen. „Drei Generationen umspannen ein Jahrhundert, aus dem Dreifach-Reim der Generationen gibt es kein Entkommen“, lässt der Autor zum Schluss seine eigene Poetik von seiner zentralen Romanfigur, dem alten Solomon Richter, erklären (sicher ist sicher). „Der Liberale von heute ist der KGB-Mann von gestern und der Imperialist von vorgestern.“ Eigentlich gilt im Roman allerdings eher die Maxime „wie der Vater, so der Sohn“. 

Drei Generationen von männlichen Deschkows gibt es, allesamt Militärs. Drei Generationen von Skuratows, allesamt Geheimdienstler. Drei Generationen von Richters, allesamt Akademiker. Alle Deschkows, Richters, Skuratows wohnen in ein und demselben Moskauer Haus. Der letzte Skuratow, in der Jetztzeit ohne leibliche Angehörige, lebt zusammen mit drei adoptierten Großmüttern, die offenbar schon zu allen Zeiten gelebt haben, schon immer Großmütter gewesen sind und die genau dasselbe tun wie der Autor selbst, der sich und ihnen literarische Absolution erteilt, wenn er fragt: „Darf man denn alle Schicksale in einer einzigen Geschichte vermischen? Man darf, wie man sieht.“

Allerdings reicht der Zauber der Dreizahl nicht hin, um den Roman im Ganzen zu einer Dreieinigkeit zu zähmen. Zu stark ist die historische Unwucht, die vom Zweiten Weltkrieg ausgeht. Fast unter ferner liefen wird die revolutionäre Phase zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgehandelt, praktisch völlig ignoriert die späte sowjetische Phase seit der Zeit des Tauwetters; kaum der Rede wert ist die Phase des Zerfalls. Kantors Erzählung umkreist vornehmlich zwei Zeitzonen: zum einen die Jetztzeit mit ihrem Moskauer Haifischbecken aus neureichen Halunken, imperial denkenden Poststalinisten und opportunistischen Intellektuellen. In dieser Gegenwart wird jemand umgebracht, ein tatarischer oder auch tschetschenischer Chauffeur, und alle, die des Mordes verdächtig sein könnten, schieben sich die Schuld gegenseitig in die Schuhe.

Die Staatsmacht nutzt derweil den Vorfall aus, um einen neureichen Oppositionspolitiker hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die andere, eigentlich zentrale Zeitzone sind die dreißiger und vierziger Jahre, angefangen mit dem Jahr 1937, in dem der stalinistische Terror richtig Fahrt aufnahm, bis zu den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Die Schlacht um die Stadt Rschew, eine der blutigsten des Krieges, spielt eine große Rolle, denn praktisch alle Beziehungs- und Generationenfäden, die zwischen den Figuren gespannt sind, laufen genau hier durch. 

Und zwischendrin sinniert einer, der sein wahres Gesicht erst zum Schluss des Romans zu erkennen geben wird: Vorläufig firmiert er als Ernst Hanfstaengl, seines Zeichens persönlicher Sekretär Adolf Hitlers, ein Nihilist reinsten Wassers, der alles gesehen hat, an nichts glaubt und in der Gegenwart auf seine Greisentage komfortabel in britischer Haft lebt. Dass Hanfstaengl weit mehr ist als der an sich harmlose Diener des Bösen, lässt sich schon an dem überlegenen Gestus erkennen, mit dem er über weite Strecken als Erzähler fungiert.

Zweifellos ist „Rotes Licht“ ein Buch, in dem „alle Schicksale in einer einzigen Geschichte vermischt“ sind, und noch so einiges mehr. Was darin steckt, hätte für mehrere Romane gereicht und daneben noch für ein Dutzend historische Abhandlungen oder philosophische Essays. Man findet herrlich absurde Dialoge und ein trockenes Referieren von Daten und Fakten, hier Anklänge an alte Volksmärchen, dort spannende historische Kolportage, dann wieder ausdauerndes Philosophieren. 

Über weite Strecken ist „Rotes Licht“ ein Thesenroman, wobei je nachdem, wer gerade spricht oder erzählt, manche These mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. Möglicherweise ist ja Ernst Hanf-staengls zynischer Nihilismus ansteckend und hat auch andere Charaktere befallen. Im Laufe der Drei-Generationen-Kette, die Kantor auch in unwichtigeren Nebenfiguren bis in die Gegenwart fort- und vorführt, ist jedenfalls nicht viel zu spüren von einem eventuellen Fortschritt der Menschheit. Das ist, auch wenn der alte Solomon Richter, der die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit verkörpert, immerhin als „unabhängiger, stolzer Mensch“ stirbt, ziemlich deprimierend. Denn wer weiterlebt, ist Ernst Hanfstaengl (oder jener, für den Ernst Hanfstaengl steht). Aber möglich und zu hoffen ist immerhin, dass nach Erfüllung der Drei-Generationen-Triade doch etwas Neues kommt. Auch im Märchen tritt ja die entscheidende Wendung erst ein, nachdem dreimal dasselbe passiert ist. 

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