Man musste in Manchester weit gehen, um einen Baum zu sehen. John Savage

Joy Division

Im Herzen der Finsternis

  • vonChristian Seidl
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Jon Savage erzählt von Joy Division und ihrem Sänger Ian Curtis, der vor 40 Jahren starb.

Britannien ging unter, doch aus den dunklen Schlünden der Tiefe hallte noch eine Stimme: „Guess your dreams always end/They don’t rise up just descend/But I don’t care anymore/ I’ve lost the will to want more“, so sang sie in unheilvollem Bariton, mehr umhüllt denn begleitet von maschinenhaften Schlagzeugschlägen und einer auf der Bassgitarre gespielten mollgetönten Melodie.

Ian Curtis hieß der Mann hinter dieser Stimme, und seine Songs über Sterben und Verderben, Isolation und Deprivation, die er auf der Bühne mit Inbrunst, wirrem Blick und marionettengleichem Gezappel vortrug, gehören bis heute zum Soundtrack jedes sensibel pubertierenden Jugendlichen. Die Wucht der lediglich zwei Alben, die er mit seiner Band Joy Division Ende der Siebziger aufgenommen hat, scheint ungebrochen – und ihr hochvoltiger Depri-Sound konsensfähig von der Gothic- bis zur Rave-Kultur, die in Curtis’ Heimatstadt Manchester ihren Anfang nahm.

Nichts davon erlebte er mehr. Am 18. Mai 1980 fand man ihn mit einer Wäscheleine um den Hals in der Küche seines Hauses, auf dem Tisch eine halb leer getrunkene Flasche Scotch und im Videorekorder Werner Herzogs „Stroszek“. Nur 23 Jahre ist er alt geworden – durch seinen ikonischen Künstlertod jedoch unsterblich und in einer Reihe mit Jim Morrison, Kurt Cobain und anderen Schmerzensmännern, die, wie Jon Savage sagt, „wirklich gemeint haben, was sie gemacht haben“. Ian Curtis und seine Kombattanten, Gitarrist Bernard Sumner, Bassist Peter Hook und der Schlagzeuger Stephen Morris, seien nicht in der Band gewesen, weil sie Karriere machen wollten. „Die wollten sich ausdrücken. Sie waren ganz sie selbst. Ich glaube, das berührt heute noch viele.“

Savage, hochdekorierter britischer Pophistoriker, hat dieser Band zum 40. Todestag von Ian Curtis ein bemerkenswertes Buch-Projekt gewidmet. „Sengendes Licht, die Sonne und alles andere“ heißt es. Und es erzählt vom Mythos von Joy Division als Oral History: Savage kuratiert die Stimmen von Zeitzeugen, komponiert die Erinnerungen von Kollegen, Freunden, Musikjournalisten, die aufs Unterhaltsamste durcheinanderreden, sich mal ergänzen, mal widersprechen, zu einer ingeniösen Montage, die selber ein bisschen wirkt wie ein Joy-Division-Song. Erzählt wird die Geschichte vor allem über Manchester, das in den siebziger Jahren eine Ruinenstadt war, zwischen deren nie weggeräumten Weltkriegstrümmern buchstäblich kein Gras mehr wuchs, sondern lediglich die rußigen Fabrikschlote in den Himmel ragten.

Das Buch:

John Savage: Sengendes Licht, die Sonne und alles andere. A. d. Engl. von Conny Lösch. Heyne, München 2020. 384 S., 20 Euro.

Bernard Sumner musste neun Jahre alt werden, um den ersten Baum zu sehen. Die Ecke, aus der er und seine Freunde kamen, der Vorort Salford, war gewissermaßen das Epizentrum des Verfalls, „die Metapher für alles Schmutzige, Versiffte und Kaputte an Manchester“, wie der Journalist Paul Morley in dem Buch erzählt.

Die Neurosen, die auf diesem Dreck blühten, brachen sich in Prügelorgien und Alkoholkonsum Bahn – ehe im Juni 1976 die Sex Pistols in die Stadt kamen und den Jugendlichen eine weitere Möglichkeit aufzeigten: Musikmachen. „Es klang furchtbar, und aus irgendeinem irrsinnigen Grund gelangte man dadurch zu der Erkenntnis, dass man das auch machen konnte“, erinnert sich Peter Hook, der – wie auch Sumner und Curtis – zu den 43 zahlenden Gästen des Gigs gehörte.

Es war die Geburtsstunde der Band. Und ihr stilbildender Sound im Grunde ein Sound des Nichtkönnens. Da Hook keine tiefen Töne hören konnte, spielte er den Bass eine Oktave höher, und Sumners Fähigkeiten an der Gitarre gaben nicht mehr her, als das Instrument perkussiv einzusetzen. Genau das aber war perfekt, um die dunkle Lyrik von Curtis zu vertonen, der nach außen hin ein fürsorglicher Familienvater war, in stillen Momenten jedoch von trüben Gedanken geplagt, Kafka und Nietzsche las und sich mehr als Dichter sah, denn dass er Rockstar werden wollte.

Als Ende 1978 eine Epilepsie bei Ian Curtis diagnostiziert wurde, wollte er sich eigentlich zurückziehen und aufs Bücherschreiben verlegen. Aber da hatte er schon vom Ruhm gekostet, eine Geliebte, die Aussicht, der Manchester-Tristesse zu entkommen. Und er geriet in einen Teufelskreis: Je erfolgreicher die Band wurde, desto schlechter wurde Curtis’ Zustand. Jetzt lag er nach manchem Konzert blutend auf der Bühne, nachdem er sie zuvor zerlegt hatte. Was war Performance, was Kontrollverlust, was war Kunst, was das Leben? Am Ende wusste es Curtis wohl selbst nicht mehr. Und das zerriss ihn.

Er sei ein lieber Mensch gewesen, erzählt ein Begleiter, doch aus seiner Musik habe jemand gesprochen, der im Herzen der Finsternis lebt: „Er ist da, seelenlos und auf dem Weg zur Vernichtung. Es ist schwarz und weiß, und ich denke, Ian wollte immer das Weiße zurückhaben, aber das hat er nicht geschafft.“

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