Genreliteratur

Das Herz und die Welt

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Jenseits der Stereotype: Christina Talbergs gewitzter Liebesroman „Nur ein Wort“.

Anspruchsvolle Liebesromane – kann es das heute überhaupt noch geben? Aber ja, meint die Programmchefin des 2014 gegründeten ProTalk-Verlags, Patricia Arnold und liefert die Begründung für die dort verortete Sparte „Heart“ gleich mit. Schließlich gehe es nicht nur darum, dass zwei sich ineinander verlieben, aufgrund verschiedener Konflikte nicht zusammenkommen und sich dann am Ende doch noch kriegen. Zwischendrin, so meint Arnold, passiere doch noch eine ganze Menge mehr. Die Helden ihrer Reihe seien zwar im Begriff, ihr Herz, aber nicht ihren Kopf zu verlieren. Gesellschaftskritik, Ironie und Biss seien auch für einen Liebesroman wesentliche Bestandteile.

Deswegen geht es in dem Debütwerk der Journalistin Christina Talberg auch nicht nur darum, wie und ob die beiden in Paris gestrandeten Hauptfiguren Anna und Pedro zusammenkommen. Diskutiert wird unter anderem auch die Frage, warum kolumbianische Sozialarbeiter ermordet werden, welchen Einfluss multinationale Konzerne auf die Entwicklungspolitik haben und warum katholische Priester nicht heiraten dürfen. Vor allem der letzte Punkt ist wichtig, denn Pedro ist Priester und dem Zölibat verpflichtet. Christina Talberg hütet sich allerdings vor Dornenvögel-Wallungen. Sie zerlegt das Thema wie durch ein Kaleidoskop in verschiedene Facetten, mit gehöriger Distanz und einer großen Portion Humor.

Alle, die hier auf 240 Seiten zu Wort kommen, wollen die Welt ein wenig freier und gerechter machen. Dieses ebenso kreative wie politisch aktive Völkchen, Anna, ihre Schwester Nat, der Kolumbianer Viktor und Annas Nichte Paola, die nicht auf den Mund gefallen ist, diskutiert mit Verve bei frittierten Kochbananen über die Grenzen der Wachstumsgesellschaft und muss gleichzeitig überlegen, wie in der teuren Stadt der Liebe die Stromrechnung bezahlt werden kann: La Bohème im 21. Jahrhundert.

Als Anna und Nats Eltern aus dem schwäbischen Örtchen Willsberg zu Weihnachten an die Seine kommen, zeigt sich schnell, dass die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt: Der frühe Tod des Vaters hat Wunden hinterlassen, die heimliche Beziehung der Mutter dazu geführt, dass Anna ihrer Wahrnehmung nicht trauen kann. „Wir werden es nie schaffen, wir selbst zu sein“, erkennen die beiden Schwestern, „egal, wohin wir reisen.“ Aber da sie nicht nur sensibel, sondern auch klug und witzig sind, kommt das Ganze nicht als Psychodrama daher, sondern als eine lakonische Feststellung.

Es ist vor allem die Sprache, die diesen Liebesroman zu einem besonderen macht: Sie ist direkt, voller überraschender Metaphern für Gefühle, manchmal schnoddrig, manchmal voller Wärme. Eine Sprache, die Herz und Kopf erreicht und somit das Genre Liebesroman aus den Fesseln der Stereotypen erlösen könnte.

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