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Die Herren des Schreibtischs

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Ein kulturgeschichtlicher Sammelband erforscht Kunst und Bürokratie der Sekretäre

Von MICHAEL ADRIAN

Kein okzidentaler Rationalismus ohne okzidentale Rationalisten, keine arbeitsteilige Schriftkultur ohne Schreiber. Nicht allein auf abstrakten Strukturen, Technik und ein paar biographieträchtigen Helden fußt die Erfolgsgeschichte der abendländischen Bürokratie, sondern auf anonymen Akteuren, die in Massen auftreten. Wie sie Funktionen mit Leben erfüllen und wie sich ihr Leben mit Funktionen füllt, das vermisst ein von Bernhard Siegert und Joseph Vogl herausgegebener Sammelband zur Kultur der Sekretäre. In fünfzehn kultur- und mediengeschichtlichen Probebohrungen geht es vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart, von den frühen Anerkennungskämpfen, in denen sich der Sekretär vom bloßen Schreiber abzusetzen bemüht, bis hin zu jenen Poetiken, die schreibende Sekretäre und sekretariatsbesessene Dichter in der Moderne ausgebildet haben.

Kurioserweise ist im ganzen Buch kaum einmal die Rede davon, wie und warum Sekretäre historisch zu Sekretärinnen wurden - als hätte die Frage, wer warum und mit welchen Aufgaben in den Vorzimmern und Hinterstübchen der Macht sitzt, nicht auch eine geschlechtliche Dimension. Eine Dialektik von Ermächtigung und namenlosem Dienst jedenfalls, von Verwaltungsroutine und poetischem Höhenflug scheint dem jahrhundertelang männlich besetzten Sekretärswesen von Anfang an innezuwohnen. Bei Jan-Dirk Müller, der sich dem Sekretärswesen um 1500 widmet, heißen die Pole dieser Spannung "Archiv und Monument". Unter Kaiser Maximilian I. ist der secretarius ein Geheimnisträger, der den inneren Zirkel der Macht verwaltet und nach außen abschirmt - und allen persönlichen Ehrgeiz darauf verwendet, sich vom bloßen Schreiber abzugrenzen.

Doch wie das, nachdem ihn vom elenden Skribenten ja keine sichere Standesgrenze trennt und sein Tagwerk nun mal durchaus im Registrieren, Verwalten und formelhaften Ausfertigen und Ausschmücken von Schriftstücken besteht? Müller zeigt, wie sich die Sekretäre am kaiserlichen Hof selbstbewusst in die Tradition des antiken Rhetors stellen, der dank seines Wissens und seiner Bildung öffentliche Angelegenheiten in öffentlichen Reden verhandelt. In dieser intendierten Nachfolge halten die Verwaltungsexperten ein humanistisches Bildungsideal hoch, das ihrer prosaischen Arbeit eine poetische Seite verleiht, und bekränzen ihre Dienstherren mit Lobgedichten in kunstvollem Latein.

Einerseits beanspruchen die Sekretäre aufgrund ihrer humanistischen Bildungsideale eine Zuständigkeit fürs "Gedächtnis" im Sinne der kulturellen Überlieferung, die das Exemplarische und Besondere tradiert. Andererseits zwingt sie der wachsende Umfang des professionellen Schriftverkehrs dazu, systematische Formen des Registrierens und Archivierens zu entwickeln. So bringen Sekretäre statt monumentaler Erinnerungswerke eher Bürokratien hervor. Rüdiger Campe zeichnet in seinem Beitrag über "Barocke Formulare" nach, wie die "Sekretariats-Künste" - Lehr- und Musterbücher mit Unterweisungen und Beispieltexten für angehende Sekretäre - allmählich die Formalisierung der juristisch, politisch und poetisch gebildeten Kanzleitätigkeit betreiben.

Ausschwärmen mit Formularen

Auch hier begegnen wir den Abgrenzungskämpfen zwischen gelehrten Sekretären und bloßen Schreibern: Während diese nach dem dreißigjährigen Krieg mit Formularen ausschwärmen, um Land und Leute zu inventarisieren und also in statistische Daten zu verwandeln, halten sich die Sekretäre zugute, an Staatsaktionen mitzuwirken - und normieren doch in Wirklichkeit mit ihren formulae genannten Mustertexten die politische Kommunikation, gleichen sie letztlich den Formularen an.

Bisweilen geraten auch Dichter in den Bannkreis der Sekretariatskünste. Uwe Jochum etwa zeichnet die Bibliotheksreformen des zuständigen Weimarer Ministers Goethe nach, der die Weimarer und Jenaer Bibliotheken organisatorisch zusammenlegen und durch einen gemeinsamen Katalog erschließen lassen soll ("Goethes Bibliotheksökonomie"). Goethe erweist sich als beschlagener Bürokrat, der zunächst einmal die Tätigkeit der Bibliothekare aufwertet - diese gehören wie ihr Dienstherr selbst bald zu den eifrigsten Ausleihern Goethescher Werke. Herder hingegen muss endlich seine Dauerleihgaben zurückbringen!

So bleibt Geist an Organisation gebunden. Sabine Mainberger führt in ihrem schönen Aufsatz "Schreibtischporträts" verschiedene Formen "enumerativen", also mit Aufzählungen arbeitenden Schreibens vor, bei dem die Autoren Art und (Un-)Ordnung der Hilfsmittel an ihrem Arbeitsplatz aufs engste mit ihrer Poetik verschmelzen. So etwa der wunderbare Liebhaber künstlicher Zwänge Georges Perec, dessen mal überbordend vollen, dann wieder in die Tabula rasa eines Chef-Schreibtischs verwandelten Arbeitsplatz die Autorin als Lokus eines dialektischen Spiels beschreibt, in dem sich kategorisierendes Ordnen und unabschließbares Inventarisieren all dessen, was da ist, stets aufs Neue hervorbringen.

Damit aber der Schreibtisch eines richtigen Chefs eine leere Fläche bleiben kann, muss eine Schar von Helferlein den Diskurs des Herrn organisieren. Für die politische Sphäre illustriert das Ethel Matala de Mazza in ihren Schlaglichtern auf "Angestelltenverhältnisse - Sekretäre und ihre Literatur" anhand der Memoiren des Baron Fain, der zwischen 1806 und 1815 Napoleons Privatsekretär war. Dessen Regieren, von Carl Schmitt als letzter Versuch einer Repräsentation großen Stils verstanden, war auf einen perfekten Verwaltungsapparat angewiesen, dem es oblag, die Kohärenz des kaiserlichen Subjektes für jene grandiosen Staatsaktionen sicherzustellen. Denn Fain zufolge setzte sich Napoleon über Regeln der Orthografie bedenkenlos hinweg, schrieb Wörter nicht aus und konnte seine eigene Handschrift kaum entziffern. "Bald hieß es Ebro statt Elba, bald Smolensk statt Salamanca und umgekehrt", seufzt der Baron über das Gekritzel seines Herrn.

Beim Diktieren wiederum legte Napoleon ein Tempo vor, das die im Schreiben nicht mitkommenden Sekretäre zu nachträglichen Rekonstruktionen des imperialen Willens verurteilte. So musste der Sekretär über die laufenden Staatsgeschäfte genausogut informiert sein wie sein Herr, um selbstlos für dessen öffentliche Kohärenz zu sorgen - und ein sprechendes Bild für eine Figur zu liefern, die stumm einer fremden Rede dient und sich doch nur zu gern die Zunge lösen lässt.

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