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Hernan Diaz „Treue“: Wie Harold, Andrew, Ida und Mildred es sehen

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Von: Cornelia Geißler

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Die Wall Street am „Schwarzen Donnerstag“, 24. Oktober 1929.
Die Wall Street am „Schwarzen Donnerstag“, 24. Oktober 1929. © AFP

Hernan Diaz’ fabelhaft raffinierter Roman „Treue“ dreht sich um Geld und Geschichte, Fakten und Fiktionen sowie die unterdrückte Macht der Frauen.

Hernan Diaz treibt in seinem Roman „Treue“ ein Spiel mit Leser und Leserin. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem aufregenden Gedankenabenteuer belohnt. „Treue“ handelt von einem New Yorker Finanzkapitalisten, der in den 1920er Jahren der Börse immer einen Schritt voraus war und den großen Crash von 1929 nicht nur ahnte, sondern mit befeuerte. Und von seiner Frau. Börsenromane gibt es immer wieder einmal. Hernan Diaz zeigt klar, dass es bei Literatur nicht aufs Thema ankommt: Die große Wirkung dieses Romans besteht darin, welche Mittel der Autor wählt, in der Anlage des Ganzen und im Detail.

Das Buch besteht eigentlich aus vier Büchern. Das erste ist das konventionellste, ein Roman von Harold Vanner (so steht es da), dessen zentrale Helden das scheue Finanzgenie Benjamin Rask und seine sehr viel jüngere Ehefrau Helen sind. „Verpflichtungen“ heißt dieser Teil, er widmet sich zunächst parallel dem Anwachsen seines Reichtums und ihrem Aufwachsen in einer anstrengenden Familie in Europa.

Mit dem Zusammentreffen der beiden zeigen sich ihre Unterschiede in Geschmack und Interessen. Sein Wirtschaftsspürsinn und ihr mäzenatischer Einsatz für Musik und Kunst ergänzen sich. „Die Geschwindigkeit, mit der Benjamin sein Vermögen vermehrte, und die Weisheit, mit der Helen es verteilte, betrachtete man als öffentliche Bescheinigung der engen Bande zwischen ihnen.“ Die gebremste Leidenschaft füreinander hindert ihn später nicht daran, sich für ihre bestmögliche medizinische Versorgung einzusetzen, als sie schwer psychisch erkrankt.

Der nächste Teil des Buches heißt „Mein Leben“, angeblich verfasst von einem Andrew Bevel. Und obwohl das zunächst bieder bis eitel daherkommt, beginnt es nun spannender zu werden. Einiges von dem, was dieser Bevel über sich sagt, glaubt man aus dem ersten Teil von Benjamin Rask zu kennen. Es ist allein die Perspektive des Geldmenschen, etwa so: „Der feine Herr von heute ist der Emporkömmling von gestern. Doch hinter diesem Wechselspiel steht eine konstante Gegenwart: der Financier.“ Auf seitenlang flüssig erzählte Passagen folgen Stichworte wie „Weitere Beispiele seiner Geschäftstüchtigkeit. Seinen Pioniergeist veranschaulichen.“ – als wäre das Buch nicht fertig. Oder: „Kurzer Absatz über Mildred, Freuden der Häuslichkeit.“ Mildred ist Andrew Bevels Frau. Ganze Kapitel sind von Stichworten bevölkert, bevor es erzählend weitergeht. Durchaus historisch interessant übrigens, etwa wenn der Zuwachs an Automobilen in den USA von rund 8000 zum Anfang des 20. Jahrhunderts auf fast 30 Millionen im Jahr 1929 benannt wird. Die am meisten wachsende amerikanische Branche jener Zeit war, wir ahnen es, „die der Finanzen“.

Etwa in der Mitte des Buches beginnt der dritte Teil, seltsam tautologisch „Erinnerte Memoiren“ überschrieben, „von Ida Partenza“, und da fängt es an, Spaß zu machen. Eine 70-jährige Schriftstellerin erinnert sich aus aktuellem Anlass an ihre Jugend in New York, da sie noch bei ihrem Vater, einem aus Italien stammenden Anarchisten, lebte. In seiner zur Wohnung gehörenden Druckerei produzierte er Einladungskarten und andere Kleinaufträge im Handsatz, heimlich stellte er politische Flugschriften her. (Hier unterläuft Hernan Diaz ein Fehler, indem er diesem Mann eine schlechte Rechtschreibung andichtet: Eine mangelhafte Orthografie ist für Schriftsetzer so hinderlich wie ein Gehörschaden für Musiker.)

Das Buch:

Hernan Diaz: Treue. Roman. A. d. Engl. v. Hannes Meyer. Hanser Berlin 2022. 414 Seiten, 27 Euro.

Vater und Tochter standen unter dem Eindruck einer italofeindlichen Einwanderungspolitik und der Hinrichtung der Anarchisten Sacco und Vanzetti 1927, sie misstrauten dem amerikanischen Traum, dem angeblich für alle erreichbaren Wohlstand. „Jeder Dollarschein ist auf dem Fetzen eines Sklavenkaufbriefs gedruckt“, soll der Vater wiederholt gesagt haben. Und Ida Partenza zitiert ihn weiter: „Schau dir dieses Land und die moderne Welt an: Ohne Sklaven keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine Industrie; ohne Industrie kein Finanzkapital. Die unaussprechliche Ursünde.“

Ida bewarb sich in Nachbarschaft zur Wall Street auf eine Stelle als Sekretärin und betrat damit jene Sphäre, die das absolute Gegenteil zu ihrer Herkunft bildete. Und anders als der auktoriale erste Teil, der den Reichen Rask nah am Kitsch zum Helden stilisiert, ist dieser einnehmend geschrieben, mit einer reflektierenden Gegenwartsebene und lebendigen, die Zeit 20 Jahre zuvor einfangenden, dialogreichen Kapiteln. Die gesellschaftlichen Widersprüche werden nicht nur benannt, sondern in Details sichtbar. Damit allein könnte Diaz einen ordentlichen Roman vorlegen. Was diesen, sich auf den Seiten 205 bis 367 ausbreitenden Text aber zum puckernden, mitreißenden Herzstück von „Treue“ macht, sind unzählige Bezüge zur ersten Hälfte des Buches.

Die junge Ida Partenza las Harold Vanners Roman „Verpflichtungen“ und sie arbeitete für den Finanzspekulanten Andrew Bevel.

Wie genau alle drei Teile und auch noch der kurze zum Schluss des Buches zusammenhängen, darf im Interesse des Lesevergnügens hier nicht weiter ausgeführt werden. Auf den Verknüpfungen beruhen Entdeckungen, vergleichbar mit dem Lesen von Italo Calvino, Carlos Ruiz Zafón – oder Jorge Luis Borges. Über den Meister des fantastischen Erzählens hatte Hernan Diaz, wie Borges in Buenos Aires geboren (erst 1973), noch vor seinem Romandebüt „In der Ferne“ (2018) sein erstes Buch geschrieben. Er beherrscht die Tricks; Diaz nimmt sogar innerhalb des dritten Teils eine Spiegelung seines Verfahrens vor, indem er seine Autorin davon erzählen lässt, wie sie aus Angst vor Verfolgern zwei verschiedene Manuskripte verfasst.

Der dritte wie der vierte Teil brauchen jeweils die vorhergehenden, um zu wirken. In Zeiten, da mehr Menschen die Ruhe und Geduld für das Lesen verlieren, ist das ein Wagnis. Der Autor tut anfangs wenig, um sein stilistisches Chamäleon attraktiv zu halten, das erst mit dem Farbwechsel zu schillern beginnt. Da muss das Versprechen des Inhaltsverzeichnisses mit den vier Teilen und vier Autorennamen reichen.

Der Titel des Ganzen könnte für den Börsenmann und seine Frau stehen, auch für Ida Partenzas Loyalität dem Vater gegenüber, es soll vielleicht die Treue verdeutlichen, mit der man für eine Überzeugung einsteht. Um wahrheitsgetreues Erzählen geht es jedenfalls nicht: Hernan Diaz führt vor, wie misstrauisch man Geschichtsschreibung betrachten sollte, wenn es um die Märkte geht, um Macht und um die Rolle von Frauen. Womöglich ist der Blick auf den Financier nur eine Ablenkung. Denn der letzte Teil steht unter der Autorschaft seiner Frau, Mildred Bevel.

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