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„Ein Dramatiker ist gestern auf der Bühne der Kammerspiele angelangt“: Zur Uraufführung von Brechts „Trommeln in der Nacht“, 1922.
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„Ein Dramatiker ist gestern auf der Bühne der Kammerspiele angelangt“: Zur Uraufführung von Brechts „Trommeln in der Nacht“, 1922.

Weimarer Republik

Hermann Sinsheimer über das Theater: „Gemach, gemach!“

  • VonWilhelm v. Sternburg
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Aufregendes Theater in aufgeregter Zeit: Kritiken und Briefe schließen eine Edition mit Werken von Hermann Sinsheimer ab.

Im Gegensatz zu Alfred Kerr, Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Herbert Ihering oder Siegfried Jacobsohn gehört Hermann Sinsheimer zu den weitgehend Vergessenen aus der Riege der großen Kritiker, die in den späten wilhelminischen Jahren und dann in der kurzen Epoche der Weimarer Republik das Theaterpublikum in Rage brachten und in Begeisterung versetzten. Um so begrüßenswerter ist es, dass unter der Gesamtherausgeberschaft von Deborah Vietor-Engländer nach den Erinnerungen („Gelebt im Paradies“, 2013) und Sinsheimers Texten zu jüdischen Themen („Shylock“, 2017) nun die dreibändige Werksausgabe ausgewählter Schriften mit dem letzten Band vollendet worden ist: „Was ich lebte, was ich sah“.

Die Sinsheimer-Edition gehört zu den Veröffentlichungen, die keine Bestseller, ja wohl nicht einmal einen minimalen kaufmännischen Gewinn versprechen. Solche Verlagsabenteuer zeigen aber einmal mehr, welch hohe Bedeutung die Zuschüsse aus Stiftungen oder öffentlichen Fonds für die Kultur haben – in diesem Fall handelt es sich um die Stiftung Irene Bollag-Herzheimer, Basel, und die Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur. Ohne das materielle und idealistische Engagement solcher Förderer wäre nicht nur der Buchmarkt erheblich ärmer, sondern unser kulturelles Gedächtnis würde sehr bald dramatische Lücken aufweisen.

Der neue Sinsheimer-Band enthält zahlreiche Briefe aus den Jahren 1912 bis 1950 an Freunde, Kollegen und seine beiden Ehefrauen, dazu kommen die wichtigsten Kritiken, die der 1883 in der Pfalz geborenen und 1950 in London gestorbene Feuilletonist und leidenschaftliche Theaterfreund zwischen 1905 und 1934 veröffentlicht hat. Am Ende stehen einige wenige Filmkritiken, die er nach dem Zweiten Weltkrieg für den Berliner „Tagesspiegel“ schreibt.

Nach einem Jura-Studium (das seinen Namen sogar kurzzeitig im Ludwigshafener Anwaltsverzeichnis auftauchen lässt) beginnt Sinsheimer seine Kritikerkarriere in der von Jacobsohn gegründeten und geleiteten „Schaubühne“. Hier schreiben Julius Bab, Polgar und bald auch Tucholsky ihre ironischen, nicht selten scharfen, immer bis ins Akrobatische verspielten Theater- und Literaturbesprechungen.

Seit April 1910 erscheinen Sinsheimers Kritiken in der „Neuen Badischen Landeszeitung“, vorwiegend über Aufführungen des Mannheimer Nationaltheaters. „Provinztheater! Das Wort hat einen gräßlichen Klang, eine ominöse Nebenbedeutung, den theaterstolzen und theaterverwöhnten Berlinern läuft dabei eine Gänsehaut über den Rücken. Gemach, gemach!“

Der Krieg verhindert, dass er einem Ruf zur Mitarbeit an der neuen Freien Volksbühne in Berlin folgen kann. Als kurzzeitiger Theaterleiter der Münchner Kammerspiele (1916/17) scheitert er und wird 1919 Redakteur bei der rasch untergehenden Zeitschrift „Der Wagenlenker“. Zwischen 1920 und 1924 erscheinen seine Kritiken in den „Münchner Neuesten Nachrichten“.

Das Buch

Hermann Sinsheimer: Was ich lebte, was ich sah. Briefe und Theaterkritiken. Hg. v. Erik und Gabriele Giersberg. Quintus. 452 S., 25 Euro.

Ein genauer Beobachter der Bühnenereignisse bleibt Sinsheimer in diesen wilden, revolutionären und für die gesellschaftliche Moderne nicht unwichtigen Theaterjahren. Im Zentrum seiner Kritiken steht weniger die Arbeit der Regie, sondern nahezu immer Interpretation und Bewertung des Stückes. Sie lesen sich wie kenntnisreiche und meinungsfreudige Einführungen in neue Bühnenwerke, die – mit Uraufführungen von Brecht, Sternheim, Hofmannsthal – für das Publikum häufig intellektuell und gesellschaftspolitisch eine beachtliche Herausforderung darstellen.

Sinsheimer erkennt schon bei seiner ersten Begegnung mit einem Werk des damals noch unbekannten Bertolt Brecht („Trommeln in der Nacht“), welch ein genialer Autor sich hier zu Wort meldet. „Ein Dramatiker ist gestern auf der Bühne der Kammerspiele angelangt. Das heißt: ein Mensch, dem sich Wort, Gestalt und Idee in einem Griff und Bild ergeben.“ Über die Aufführung eines Stückes von James Joyce („Verbannte“) weiß er skeptisch zu berichten: „Das Stück ist wie man leicht erkennt, erotischer Grillenfängerei eines schriftstellerisch begabten Schwärmers entsprungen.“

Als der Antisemitismus in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ nicht mehr zu überlesen ist, verlässt der Jude Sinsheimer das Blatt und wird für fünf Jahre Herausgeber der schon in den wilhelminischen Jahren gegründeten satirischen Wochenzeitschrift „Simplicissimus“. Er wird nicht für dieses Blatt schreiben, aber die neue Position macht ihn endgültig zu einem bekannten und einflussreichen Mitglied der süddeutschen Kulturszene.

1929 zieht er nach Berlin um und schreibt Kritiken für das „Berliner Tageblatt“. Erster Theaterkritiker des von Theodor Wolff geleiteten Blattes ist Alfred Kerr. Die Beziehung zwischen ihm und Sinsheimer bleibt unterkühlt. Im Londoner Exil werden sie zeitweise im gleichen Haus leben, ohne eine Begegnung zu suchen.

Sinsheimer unterschätzt den Aufstieg Hitlers und dessen juden- und demokratiefeindlicher Gefolgschaft. Im „Berliner Tageblatt“ vom 9. April 1931 zeichnete er aber unter dem Titel „Dr. Goes“ doch ein so spöttisches wie scharfes Psychogramm von Hitlers Berliner Statthalter Joseph Goebbels: „An seiner Wiege ist ihm wenig gesungen worden, besonders aber nicht, das er sich einmal als politischer Heldensänger hervortun werde. Es wurde ihm nichts Melodisches mitgegeben, weder seinem Körper, noch seinem Geist.“

Als Alfred Kerr ins Ausland fliehen muss, übernimmt Sinsheimer dessen Position, was ihm seitens des deutschen Exils den Ruf eines „Verräters“ einbringt. Die jahrzehntelange Freundschaft mit Heinrich Mann zerbricht in diesen Monaten. In seinem Essayband „Der Hass“, erschienen 1933 bei Querido in Amsterdam, lässt Mann den einstigen engen Weggefährten und Taufpaten seiner Tochter in einem fingierten Dialog mit Göring und Goebbels als üblen Opportunisten auftreten. Sinsheimer spricht von einer „faustdicken Verleumdung“, zu Recht, denn zumindest die in diesem Band veröffentlichten Kritiken zeigen ohne Einschränkung, dass er sich in den knapp sieben Monaten nach dem erzwungenen Weggang Kerrs am 14. Februar 1933 im „Berliner Tageblatt“ mit keinem Wort den neuen Machthabern angedient hat. Im Gegenteil: Zu runden Geburtstagen des Schriftstellers Jakob Wassermann und des Theaterregisseurs Max Reinhardt veröffentlicht der selbst überaus gefährdete Kritiker in diesen Monaten zwei hochachtungsvolle Artikel. Seine späteren Briefe zeigen, wie sehr ihn das Verhalten Heinrich Manns verbittert hat. „Mit H. M. bin ich endgültig zerfallen! Er ist ein Schwein“ (22.12.1949).

Nach kurzer Mitarbeit im „Jüdischen Gemeindeblatt“ verlässt Sinsheimer 1938 Deutschland. London wird für die letzten zwölf Jahre seines Lebens zum Wohnsitz. Er hält sich vom Kreis der Exilanten fern, heiratet eine Engländerin und wird Deutschland nur noch als seltener Besucher erleben. Wenige Monate vor seinem Tod schreibt er im August 1950 während eines kurzen Aufenthaltes in Wiesbaden: „Meine pfälzische Heimat besuche ich nicht, da ich in London ein Gelübde getan habe, sie nicht mehr zu betreten, als ich erfuhr, dass die dortigen Nazis das jüd. Altersheim angezündet und die Insassen in den Wald gejagt haben, wo sie durch Mord, Selbstmord oder Entkräftung alle umgekommen sind.“

Die Neubegegnung mit Sinsheimers Werk lässt nicht zuletzt die glanzvolle, aufreizende und immer auch ein wenig leichtfertige Theaterwelt der Weimarer Jahre wieder aufleuchten. Die sorgfältig zusammengetragenen und ausführlichen Fußnoten bieten eine Personengalerie der großen Bühnenwelt dieser Zeit.

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