Briefwechsel

Hermann Broch und Frank Thiess: „Ich weiß, dass Sie optimistischer als ich denken“

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Zum Briefwechsel von Hermann Broch und Frank Thiess, die über Grenzen hinweg im Gespräch blieben.

Sie konnten als Künstler und Menschen nicht verschiedener sein. Auf der einen Seite der im heutigen Lettland geborene Frank Thiess (1890-1977), ein zeitweise recht erfolgreicher Autor, dessen Romanwerk bei aller Gewandtheit gelegentlich an die Kitschromane seiner Zeitgenossin Hedwig Courths-Mahler erinnern und dessen historischen Bücher vom sich nicht selten irrenden Zeitgeist geprägt waren. Auf der anderen Seite Hermann Broch (1886-1951), ein deutschsprachiger James Joyce, der mit seiner Romantrilogie „Die Schlafwandler“ zum Jahrhundertautor wurde.

Thiess neigte in den Weimarer Jahren zum weitverbreiteten Deutschtum und arrangierte sich mit den neuen Herren, als diese im Januar 1933 die Macht in Berlin übernahmen. Der österreichische Jude Broch sah mit erheblich schärferem Blick, auf welche Zivilisationsbrüche die Zeit zusteuerte. Schon im August 1931 schrieb er an Thiess: „Wem das Metaphysische am Herzen liegt ... der muss vom Einbruch der geistigen Barbarei tief erschreckt sein: ich weiß, dass Sie dieserhalben optimistischer und aktiver als ich denken... .“ Thiess verachtete den Nationalsozialismus, einige seiner Bücher verschwanden aus den Buchläden, und er überlebte vor allem mit Filmarbeiten die Nazi-Jahre. Broch wurde nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 kurzzeitig verhaftet, floh nach Großbritannien, und mit der Hilfe von Thomas Mann und Einstein gelang ihm die Einreise in die USA, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Hermann Broch und Frank Thiess: Briefwechsel. 1929-1938 und 1948-1951. Hrsg. v. Paul Michael Lützeler. Wallstein, 616 S., 34 Euro.

In den späten Weimarer Jahren lernten sich die Schriftsteller kennen, und Broch-Biograf Paul Michael Lützeler hat ihren umfangreichen Briefwechsel nun herausgegeben und kommentiert. Am Anfang dieser Künstler-Freundschaft stand die Bitte Brochs an den vier Jahre jüngeren Kollegen, ein Manuskript zu beurteilen. Es handelte sich um den ersten Teil der Schlafwandler-Trilogie („Pasenow oder die Romantik“) und Thiess war begeistert. Bald korrespondierte man ziemlich regelmäßig und diskutierte über die gerade entstehenden Werke, klagte (wahrhaftig nicht zu Unrecht) über den Weltenlauf und verachtete nicht ohne geistigen Hochmut die Dummheit der Welt. So schreibt Thiess im Oktober 1934 angesichts der politischen Veränderungen, damit werde nun „mehr und deutlicher die Welt des Geistes von der Welt herrschender Wertvorstellungen getrennt. Das aber ist gut, denn es schafft eine Auslese“.

Thiess wählte nicht das Exil. „Es schadet nichts“, lässt er Broch im März 1933 wissen, „wenn wir gezwungen werden, uns auf den Kontinent der seelischen Welt zurückzuziehen.“ Wenig später erscheint im „Hannoverschen Tagblatt“ unter der Überschrift „Ein Dichter bekennt sich zum neuen Staat“ ein Interview mit Thiess, der sich zugleich der Illusion hingibt, man könne sich „unter Tarnung und Vermummung ... langsam eine Gemeinde von Hörern“ schaffen. Broch, für den das Bleiben lebensgefährlich gewesen wäre, schreibt dem Freund: „Das Problem der Emigration ist eben nur entsetzlich schwer. Denn schließlich gehört man eben doch zum deutschen Sprachraum, so wenig auch dieser Sprachraum für uns Platz hat: es ist ja auffallend, dass dieses Volk, das sich seiner deutschen Dichter unausgesetzt rühmt, eigentlich überhaupt kein Verhältnis zur Dichtung hat. dass sie ihm nur ein Teil der „Bildung‘ ist ... Zwischen Genie und Irrsinn steht in Deutschland der Unteroffizier, und wir werden es nicht ändern.“

Thiess wird nach dem Krieg mit seiner Polemik gegen Thomas Mann eine folgenreiche Debatte auslösen. Dem von ihm wenig geliebten Autor des 1947 erschienenen „Doktor Faustus“-Romans und der Emigration insgesamt wirft er vor, sie hätten bequem von der „Balkonloge“ aus die Ereignisse in Deutschland und im Kriegs-Europa betrachten können, während die „innere Emigration“ im Lande opponiert und gelitten habe. Broch, der Thomas Mann schätzt und ihm nie seine Hilfe bei der Flucht vor den Nazis vergisst, schweigt gegenüber seinem Briefpartner zu dessen unsäglichen Thesen. Er erlebt auch nicht mehr mit, dass Thiess in den Jahren der Bundesrepublik zunehmend in kuriosen Rechtsblättern veröffentlicht und sein sich im Nationalkonservativen verlierender Blick auf die neue demokratische Zeit erstaunen lässt.

Lützeler hat den Briefwechsel, der zwischen 1938 und 1948 unterbrochen war, kenntnisreich kommentiert. Seine Anmerkungen bieten die notwendigen biografischen Informationen und Werkhinweise und sie verbergen mit Blick auf Thiess auch nicht das Zwiespältige dieses Autors.

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