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Das Wetter ist halt schlecht, und manchmal muss man eine Treppe runter. Negative Narrative aber, so Münkler, können „den Wahrnehmungshorizont der realen Welt verdunkeln“.

Losverfahren als Ergänzung zu Wahlen

„Die notorischen Motzer können es sich dann nicht mehr in ihrem Schmollwinkel bequem machen“

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Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler über Negativ-Erzählungen, die zu Hysterie oder Apathie führen, über der Zerfallen der Mitte als eigentliches Drama der Demokratie und über neue Formen der Mitsprache.

Herr Professor Münkler, den „Abschied vom Abstieg“ fordern Sie – gemeinsam mit Ihrer Frau – in Ihrem neuen Buch. Fußballfans wissen: Reden allein hat da noch selten genutzt.
Das stimmt. Allerdings vollzieht sich der Abstieg, den wir vor Augen haben, auch weniger auf der Grundlage von Fakten, wie etwa verlorenen Spielen und fehlenden Punkten, als vielmehr einer großen Erzählung, eines Narrativs, das die Zuversicht aufzehrt. Das wiederum verbindet unsere Überlegungen dann doch mit der Situation von Fußballvereinen, die vom Abstieg bedroht sind: Wer keine Zuversicht hat, hat auch keine Chance, die Liga zu halten.

Sind Erzählungen stärker als Tatsachen?
Auf jeden Fall bekommen bloße Fakten erst durch die Erzählungen einen Sinn. Nehmen Sie den „Glücksatlas“, dem zufolge die Deutschen – auch die Ostdeutschen – sich als so glücklich empfinden wie schon lange nicht mehr. Dennoch erliegen die Ostdeutschen dem Narrativ von den „abgehängten Bürgern zweiter Klasse“. Das heißt: Jenseits der Faktizitäten werden die Narrative zu einer eigenen Wirklichkeit, die den Wahrnehmungshorizont der realen Welt verdunkelt.

Aber Szenarien einer drohenden Wirtschaftskrise oder der Klimakatastrophe haben doch eine reale Grundlage. Die kann man auch nicht einfach wegerzählen.
An der Klimadiskussion können Sie sehr gut den Pendelausschlag der Untergangs-Narrative ins andere Extrem sehen, in eine Hysterisierung nämlich, die vernünftige Lösungen eher blockiert als ermöglicht. Alle diese Negativ-Erzählungen haben den politisch unangenehmen Effekt, dass sie handlungshemmend wirken und wahlweise Hysterie oder Apathie erzeugen, hektische Betriebsamkeit oder aber ein resignatives „Hände in den Schoß legen“.

Herfried Münkler, geb. 1951, ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Seine Frau Marina, geb. 1960, ist Professorin für Literaturwissenschaft am Institut für Germanistik der TU Dresden. Das Buch: Herfried Münkler und Marina Münkler: Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland. Rowohlt Verlag Berlin, 512 S., 24 Euro.

Als Bezugssysteme für Abstiegs-Szenarien dienen den Historikern, aber auch Ihnen häufig der Untergang des antiken Römischen Reichs und das Ende der Weimarer Republik. Einmal geht es um angebliche moralische Dekadenz, das andere Mal um einen Mangel an Extremismus-Resistenz. Was können wir heute daraus lernen?
Weimar ist vor allem interessant, weil ab 1930 die politische Mitte in Deutschland zerfallen ist. Die Mitte ist aber der eigentliche Ort der demokratischen Resistenz gegen die politischen Extreme, die es immer gab und immer geben wird. Zum Problem werden die Extreme jedoch erst, wenn eine starke, das demokratische System tragende Mitte das Zutrauen zu sich selbst verliert und in Panik verfällt. Dann gerät auch die Demokratie ins Wanken. Demgegenüber ist der Verweis auf das antike Rom heute, würde ich sagen, eher ein Nachzittern oder Nachbeben von Untergangs-Narrativen vergangener Jahrhunderte.

Ist die Warnung vor einem zersetzenden Werteverfall oder vor einer bedrohlichen Völkerwanderung wirklich so weit weg? Im – wie Sie sagen würden – Narrativ der AfD sind beide Motive doch ständig präsent.
Das stimmt. Aber die AfD geht mit dem historischen Vergleich sehr eigenwillig um. Üblicherweise hat sich die ideologische Rechte in ihrer Erzählung vom Zerfall das Römischen Reichs immer positiv mit den „Barbaren“ identifiziert, die als urwüchsige, unverdorbene, nicht verweichlichte Völker in das, so die Erzählung, innerlich ausgehöhlte, moralisch verwahrloste, dekadente Römische Reich einbrachen. Weil solche Narrative aber immer frei verfügbar sind, kehrt die AfD heute kurzerhand drinnen und draußen um, schlägt sich sozusagen auf die Seite der Römer und polemisiert gegen die Bedrohung durch die „Fremdvölker“, die von außen heranstürmen.

Auch Sie selbst zeichnen ein Verlust-/Abstiegsszenario, nämlich den Verlust an politischen und gesellschaftlichen Errungenschaften, und beschreiben eine „schwere Krise der Demokratie“.
Die Krisensymptome sind ja auch unbestreitbar. Wir haben uns aber drei Bereiche herausgesucht, in denen wir glauben, dass dem Abstieg der Abschied gegeben werden kann: Bildung, Demokratie und die EU. Wir sind überzeugt, dass sich die zweifellos negativen Entwicklungen umkehren lassen, wenn den Abstiegsszenarien Elemente der Stabilisierung und Erneuerung entgegengesetzt werden.

Die Rettung sehen Sie in der Gemeinwohl-Orientierung und einer erneuerten Debattenkultur. Das mutet ziemlich idealistisch an.
Ich halte unsere Ideen weder für wolkig noch für sozialromantisch, sondern für sehr konkret und auch zeitnah umsetzbar. Ein durchaus provokantes Beispiel: Ergänzend zu den demokratischen Wahlen schlagen wir ein Losverfahren vor, mit dem einzelne Bürger zur Mitwirkung an Problemlösungen bestimmt und herangezogen werden. Das macht ernst mit der grunddemokratischen Vorstellung vom Gemeinwesen als der „Sache aller“. Die notorischen Motzer, Eckensteher und Nicht-Wähler können es sich dann nicht mehr in ihrem Schmollwinkel bequem machen und ihr destruktives Stammtischgerede anstimmen, dass sie ja alles viel besser wüssten, aber leider nichts zu sagen hätten. Unser Modell klingt beim ersten Hören vielleicht etwas utopisch. Es ließe sich aber sehr leicht umsetzen – am leichtesten übrigens in den Städten und Gemeinden, wo der Gedanke der politischen Teilhabe sofort ganz anders Gestalt gewänne. Und wer dann noch glaubt, auf „die Eliten“ schimpfen, zugleich aber jeden eigenen Beitrag zur Problemlösung verweigern zu können, der ist dann aus dem Spiel bzw. steht permanent im Abseits.

Sie wollen das Prinzip der direkten Demokratie denen entwinden, die jetzt dauernd davon reden, den wahren Willen des Volkes zu vertreten?
Exakt. Volksentscheide und Referenden, so wie wir sie kennen, haben den fatalen Hang zu Denkzettel-Entscheidungen. Wozu das führt, haben wir zuletzt beim Brexit-Referendum gesehen. Nach unserem Modell wäre Volksentscheiden auf jeden Fall eine konstruktive Lösungssuche vorgeschaltet, die von ausgelosten Bürgern betrieben wird. Über das, was dabei herauskommt, kann man immer noch das Volk abstimmen lassen. Aber da geht es dann um konkrete Alternativen, nicht um ein unbestimmtes Dafür oder Dagegen.

Sie sehen die Mitte als den entscheidenden stabilisierenden Faktor einer Gesellschaft. Sie sagen aber auch: In der Mitte ist es langweilig. Ein Dilemma?
Langeweile greift vor allem um sich, wenn die Mitte zum Mittelmaß wird und sich in der Mittelmäßigkeit einrichtet. In einer auf Unterhaltung fixierten Gesellschaft, die immer auf der Suche nach einem neuen Kick ist, ist das ein Problem. Manche finden den ultimativen Thrill beim S-Bahn-Surfen oder Bungee Jumping. Andere beschließen, jetzt einfach mal ein paar gefährliche Gedanken zu denken. So gelangen diese intellektuellen Salon-Abenteurer zur Infragestellung bestimmter Überzeugungen, die in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg selbstverständlich und unangreifbar Konsens waren: Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz! Die Infragestellung dessen ist gefährlich, weil hinter den Anti-Langeweile-Aktionen immer politische Projekte stehen. Ein Moment der Attraktivität gewinnen sie allein schon dadurch, dass sich einige vom „langweiligen Mittelmaß“ abheben, indem sie sich „etwas trauen“. Jüngere Studien bestätigen das: Rechtspopulistisch zu sein, ist in bestimmten Kreisen nicht so sehr Ausdruck eines Gefühls von Abgehängtsein, sondern es ist einfach chic.

Wie wird die Mitte wieder sexy?
Nicht durch Masse und schiere Größe, sondern durch Aktivität. Im Prinzip weiß man das ja auch. Nicht umsonst ist ständig die Rede von der Bedeutung einer vitalen Zivilgesellschaft. Nur das ist eben leider leichter gesagt als getan.

Wie bekommt man die Mitte aktiviert?
Darin liegt genau die Herausforderung und das eigentlich Aufregende: Demokratie als eine Veranstaltung wahrzunehmen, in der es kein Ausruhen auf vermeintlich sicherem Terrain gibt, kein selbstzufriedenes „Jetzt haben wir es geschafft“. Vielmehr muss jeder erreichte Erfolg als Aufforderung zum Aufbruch ins nächste Tätigkeitsfeld verstanden werden.

Interview: Joachim Frank

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