Henrietta Mahlow und das Bismarckbraun

Martin Klugers Charité-Roman "Die Gehilfin" über ein Frauenschicksal zwischen Wissenschaft, Camouflage und ResignationDer Schriftsteller Martin Kluger ist ein poetischer Darwinist. Die Gehilfin ist wiederum ein Anstaltsroman in der Tradition des Zauberbergs.

Von KATRIN HILLGRUBER

Der Schriftsteller Martin Kluger ist ein poetischer Darwinist. Vor vier Jahren führte er in seinem Zooroman Abwesende Tiere, der alle Dimensionen der selbstgenügsamen deutschen Gegenwartsliteratur sprengt, eine tragische Liebe am Raubtiergehege vor. Deren Spuren reichten bis zur Berliner Olympiade 1936 zurück. Unter mehr als fünfzig Protagonisten aller Gattungen verkörperte der ostafrikanische Graupapagei Schiefhals mit seinem Schlüpfdatum 1897 gar die koloniale Sehnsucht Deutschlands als verspäteter Nation. "Globusgroß" nahm die Historie in der animistischen Zeitlosigkeit des Tiergartens Gestalt an, im ewigen Kreislauf von Geburt und Tod.

Neun Jahre lang hatte der 1948 in Berlin geborene Anglist, Übersetzer und Drehbuchautor täglich den Zoo im Westteil der Stadt besucht, bis aus der Betrachtung von Tieren, Wetter und Jahreszeiten auf tausend Seiten ein einzigartiges Konglomerat entstehen konnte. Dabei huldigte der profunde Rechercheur Kluger den zoologischen "Logbüchern der großen Beobachter".

"Niemals hätte Virchow die Leichen der Charité mit Koch und dessen Leuten geteilt", heißt es in sachlicher Kälte über die humanmedizinischen Fixsterne des neuen Buches Die Gehilfin, wiederum ein Anstaltsroman in der Tradition des Zauberbergs. Im Hygienesaal des 1710 gegründeten Militär- und Lehrkrankenhauses Charité verkündete am 24. März 1882 Robert Koch die Entdeckung des Tuberkuloseerregers.

Für die Romanheldin Henrietta Mahlow, die erfundene "Gehilfin" des pommerschen Bakteriologen, gerät dieses Datum zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Existenz: "Unsere Stadt, am 24ten März abends dreiviertel acht, und du bist überall, in jeder schmerzlich kurzen Einzelheit des Lebens, und ich vermisse dich schrecklich." So wendet sie sich im inneren Monolog an ihre Mutter Luise, die bei der Geburt der Tochter in der Charité starb.

Gefährlicher Erreger Herz

Fest entschlossen, niemals zu weinen, wächst das aufgeweckte Mädchen beim Vater auf, einem trunksüchtigen und gewalttätigen Tischler. In aller naturalistischen Brutalität, dem aufkommenden Stil der erzählten Zeit, zeichnet Kluger, der sich intensiv mit dem Leben Heinrich Zilles beschäftigt hat, das Soziogramm der Ostberliner Keibelstraße. Es herrscht Aufbruchstimmung, "Bahnhofszeit". Von ferne ist das Fauchen der Lokomotiven zu hören, und am Sedanstag wird von der Firma Siemens & Halske probehalber eine ganze Straße elektrisch beleuchtet. Zwischen 1885 und 1900 verdreifachte sich fast die Einwohnerzahl Berlins auf 3,8 Millionen.

Der Roman kontrastiert das Berlin der "Fassadenbewohner" mit dem der Zilleschen Hinterhöfe. Dort, unter den Tagelöhnern und Heimarbeitern, suchte sich die grassierende Schwindsucht bevorzugt ihre Opfer. Nach seinem unabwendbaren Konkurs findet der Schreiner Mahlow in der Klinik Aufnahme als Krankenwärter. Die lästige Tochter bringt er mit. Rudolf Virchow persönlich nimmt die Halbwaise mit dem seltenen "Blick fürs Moribunde" unter seine Fittiche.

Und sie setzt alles daran, sich als Leichenwäscherin, Laufbotin und Laborantin für "Onkel Rudis" Forscherteam des Kaiserlichen Gesundheitsamtes unentbehrlich zu machen: "Bald begann Henrietta, mutterseelenallein mit den Experimenten, deren Stimmen zu hören, Zeichen zu lesen, sah, wie die entscheidende violette Schweißperle sich auf Kartoffelscheibe achtundvierzig formte und schmale graue Schatten auftauchten aus der Tiefe der Braunfärbung von Meerschweinchen-Wrobel-Präparat zweihundertfünfzig, hörte das Blut im Laborofen brodeln, hörte in den Meerschweinchen das Murmeln der Weltnatur, die ihre Geheimnisse hütete."

Mit ihrem Vorschlag, beim Mikrokospieren den Leder-Farbstoff Vesuvin zur besseren Kenntlichmachung der Bakterienstruktur zu verwenden, erwirbt sich Henrietta ersten serologischen Ruhm. Vesuvin ist auch als "Bismarckbraun" bekannt, und hinter dieser aparten Bezeichnung verbirgt sich die ganze Tragik von Martin Klugers "Olivia Twist": Frauen durften zu Bismarcks Zeiten im deutschen Kaiserreich nicht studieren. Pflegerin oder Ehefrau eines praktischen Arztes, das wären im Normalfall die höchsten Stufen auf Henriettas Karriereleiter gewesen.

Doch ihr Mentor Robert Koch hat der Heldin dieses Bildungsromans, der häufig an frühe pathetische Arztfilme erinnert, eine "prononcierte Existenz" vorhergesagt. So wird sich die junge Frau mit Hilfe eines Friseurs zeitweise in den Medizinstudenten Henry Wittig verwandeln und zielstrebig wie stets über Diphtherie forschen.

Dann aber kommen ihr die Liebe und die verhasste biologische Bestimmung als Mutter in die Quere. Statt ihren seelenverwandten italienischen Verehrer vom Hygieneinstitut zu erhören, flüchtet sie in eine Vernunftehe mit einem kaisertreuen Postbeamten. Mitten im Tuberkulin-Rummel der 1890er Jahre um Robert Koch (zu dessen Ehren in den Cabarets sogar ein "Bazillen-Couplet" erklang) wird Henry im Hörsaal als Henrietta enttarnt. Forthin gilt sie als "hysterische, geschlechtlich verwirrte Rachefurie". Sie gerät in eine soziale Abwärtsspirale inklusive Prostitution und Gefängnis, doch rappelt sie sich immer wieder auf.

Ihr über alles geliebter Sohn fällt in den Kolonien einer Tropenkrankheit zum Opfer - ausgerechnet Robert Kochs Heilmittel "Germanin" kann ihn nicht retten. Und das naturwissenschaftliche Talent ihrer Tochter Anna verleugnet Henrietta, bis es fast zu spät ist - weil sie selbst es so schwer hatte? Anna avanciert im Ersten Weltkrieg zur chirurgischen Assistentin einer weiteren Koryphäe: "Sauerbruch und der Krieg waren in ihrem Element, die Betäubungsmittel längst ausgegangen." Die bunte bis grelle Mischung aus verbürgten Tatsachen und freier Erfindung macht den unwiderstehlichen Sog dieses wilhelminischen Sittengemäldes aus. Überreich ist der Nährboden an medizinhistorischen Fakten, auf dem Martin Kluger die schönsten sentimentalischen Kulturen züchtet. Denn das Herz, weiß Henrietta, ist "der gefährlichste Erreger und der am besten sich tarnende".

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