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Henning Mankell war auch ein unermüdlicher Fragesteller.
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Henning Mankell war auch ein unermüdlicher Fragesteller.

Henning Mankell Nachruf

Zum Tod von Henning Mankell

Im Sand, im Schnee: Henning Mankell liebte Afrika und kannte die Kälte. Tief verbunden fühlte er sich den Menschen der südlichen Halbkugel und wurde doch am berühmtesten als Erfinder eines traurigen, weißen Mannes namens Wallander.

Von Petra Pluwatsch

Wenn Sie älter werden, gehen auf einmal ganz viele Türen zu. Die Großeltern sterben, die Eltern sterben“, sagte Hennig Mankell 2010 in einem Interview. „Plötzlich stehen Sie selber in der ersten Reihe. Sie machen die Tür hinter sich zu. Und das war es dann.“ Jetzt hat Schwedens berühmtester Krimiautor genau das getan: Er hat die Tür hinter sich geschlossen. An eine zweite Chance in einem anderen als dem irdischen Reich glaubte er nicht: „Ich denke, das wunderbare Abenteuer Leben bedeutet, dass es einmalig und einzigartig ist, und wenn es vorbei ist, dann ist es halt vorbei.“

67 wurde der Mann, der als „Vater“ des Kriminalkommissars Kurt Wallander zu weltweitem Ruhm kam. Und der doch so viel mehr war als der Erfinder eines brummig-depressiven Polizisten: Theaterregisseur, Dramatiker, Kinderbuchautor. Ein Mann, der zwischen zwei Kontinenten hin und her pendelte – „mit einem Fuß im Sand, mit dem anderen im Schnee“, wie er sagte. Einer, der keine Möglichkeit ausließ, auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Der quengelte und grantelte und polarisierte.

Geboren wird Mankell am 3. Februar 1948 in Stockholm. Die Eltern lassen sich scheiden, als er ein Jahr alt ist. Gemeinsam mit der älteren Schwester lebt er fortan beim Vater, einem Richter. Viele seiner Erinnerungen an eine mutterlose Kindheit in den kalten Wintern des Nordens verarbeitet er in Kinder- und Jugendbüchern wie „Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war“ und „Der Junge, der im Schnee schlief“. „Kind zu sein bedeutete für mich vor allem, die ganze Zeit nach etwas zu suchen, das irgendwo anfing und endlich war. Ich stellte mir vor, es gäbe einen Ort, von dem aus man nicht weiterkam“, schreibt Mankell in seinem jüngsten und letzten Buch „Treibsand“, das wenige Wochen vor seinem Tod erschienen ist.

Er verlässt die Schule mit 16

Mit 16 wirft er die Schule hin und geht für ein paar Monate nach Paris. „Mein Entschluss, die Schule zu verlassen, kam plötzlich aber doch nicht vollkommen unerwartet“, schreibt er in seinen Erinnerungen. „Nicht weil ich Probleme gehabt hätte. Ich fand nur, dass es langweilig war, all diese einschläfernden Stunden abzusitzen, denn ich hatte bereits beschlossen, Schriftsteller zu werden.“

In Skara in Västergötland beginnt er wenig später zunächst ein Schaupielstudium. Geht als Regieassistent nach Stockholm, als er gerade 20 ist. Und fängt – endlich, endlich – an zu schreiben. Die ersten Theaterstücke entstehen, Szenen, die sich zu lockeren Collagen zusammenfügen. „Ich will die Gesellschaft demaskieren“, tönt er trotzig und zieht um die Häuser, wenn andere schlafen. „Ich schrieb Gedichte und trieb mich nachts in Stockholm herum und klebte sie an Hauswände und Betonpfeiler.“

Eine Liebe zu Afrika und ihren Menschen soll ihm ein Leben lang bleiben, obwohl der Reiz des Exotischen, wie er zugibt, im Laufe der Jahre verfliegt. Afrika bleibt für Mankell „ein Kontinent, der mich viel über das Leben gelehrt hat. Ich habe gelernt, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und ich habe gelernt, Fragen zu stellen. Warum kämpfen Menschen gegeneinander? Warum sind Menschen in armen Ländern glücklicher als in reichen?“ 1985 wird er eingeladen, in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine Theatergruppe aufzubauen. Elf Jahre später übernimmt er die Leitung des dortigen „Teatro Avenida“. Bücher wie der Roman „Der Chronist der Winde“, der die Geschichte des Straßenkindes Nelio zählt, und „Die rote Antilope“ zeugten von Mankells tiefer Verbundenheit mit Afrika.

Bekannt jedoch wird er durch einen traurigen weißen Mann namens Kurt Wallander. 1991 erscheint in Schweden sein erster Kriminalroman, in dem der depressive Kommissar die Hauptrolle spielt. Zwei Jahre später kommt „Mörder ohne Gesicht“ in Deutschland auf den Markt und begründet einen Wallander-Hype, der bis heute nicht abreißen will. Elf Bände schreibt Mankell bis 2009. Die Bücher werden mehrmals verfilmt und in Dutzende Sprachen übersetzt. Dann entlässt Mankell seinen alternden Kommissar ins Dunkel einer Alzheimererkrankung. Eigentlich habe er ihn nicht allzu sehr gemocht, wirft er seiner Erfolgsfigur hinterher. „Ich glaube nicht, dass wir im wahren Leben Freunde geworden wären.“

„Eine ernste Krebsdiagnose“

2014 wird bei ihm Krebs diagnostiziert. Eine „Nackensteife“ und ein vermuteter Bandscheibenvorfall entpuppen sich als „eine ernste Krebsdiagnose“. „Plötzlich kam es mir so vor, als ob sich das Leben verengte“, schreibt er in seinen Erinnerungen. „An diesem frühen Morgen kurz nach Neujahr 2014, an dem ich meine Krebsdiagnose erhielt: Da war es, als schrumpfte das Leben. Die Gedanken setzten aus, eine Art öde Landschaft scheint sich in meinem Kopf auszubreiten.“

Wenig später beginnt er, über seine Erkrankung zu schreiben. Er tut es mit Trauer, Mit Wut. Mit Resignation. Kurzfristig scheint die Krebserkrankung gestoppt. „Ich lebe in einer Atempause“, schreibt er im letzten Kapitel des Buches: „Ich denke dann und wann an die Krankheit, an den Tod und daran, dass es bei Krebserkrankungen nie irgendwelche Garantien gibt.“

Am 5. Oktober 2015 hatte die Atempause ein Ende.

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