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Und dann wird man auch noch gezwungen, über Sprache zu gehen: „Black Lives Matter“ auf Französisch auf einer Montrealer Straße.
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Und dann wird man auch noch gezwungen, über Sprache zu gehen: „Black Lives Matter“ auf Französisch auf einer Montrealer Straße.

Sprachpolitik

Henning Lobin „Sprachkampf“: Jede Lektüre ist eine Bevormundung

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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„Sprachkampf“: Der Linguist Henning Lobin über rechte Sprachpolitik, Gendersternchen und Anglizismen.

Dieser Text will bevormunden. Er möchte erreichen, dass Leserinnen und Leser sich ein bestimmtes Bild von seinem Gegenstand machen. Er fasst Wirklichkeit in Worte, und selbst wenn er reinste Objektivität wahren wollte, würde er seinen Gegenstand nicht einfach nur abbilden, sondern auf seine eigene Weise (re-)konstruieren. Die gewählten Begriffe, der Aufbau und die Satzkonstruktionen – alles dient dem Zweck, das Bild zu vermitteln, das der Autor sich von der Realität gemacht hat.

Genau das tut jeder Text, und wer sich mit Sprache beschäftigt, weiß das auch. „Sprache schafft in nahezu allen Fällen eine bestimmte Wirklichkeit. Man könnte etwas abgeschwächt sagen, eine bestimmte Version der Wirklichkeit oder eine bestimmte Perspektive auf die Wirklichkeit.“ So fasste der Magdeburger Linguist Kersten Sven Roth dieser Tage im Gespräch mit dem Deutschlandfunk das eigentlich Altbekannte zusammen.

Roth hatte durchaus Grund, an etwas zu erinnern, das als Selbstverständlichkeit gelten müsste. Denn in den leidenschaftlichen Diskussionen über das Schreiben und Reden, die wir gerade wieder erleben, geschieht oft etwas Seltsames: Bevormundung!, schallt es vorwurfsvoll aus allen möglichen Ecken, wenn es um eine Sprache geht, die Geschlechtergerechtigkeit auszudrücken oder rassistische Stereotypen zu vermeiden sucht.

Es ist gut, dass die Linguistik sich mehr und mehr traut, in diesen Auseinandersetzungen Stellung zu beziehen. Das tut der Magdeburger Roth, und das tut auch sein Mannheimer Kollege Henning Lobin, der den „Sprachkampf“ zum Titel seines neuen Buches gemacht hat.

Roth hat an der Otto-von-Guericke-Universität eine „Arbeitsstelle für linguistische Gesellschaftsforschung“ ins Leben gerufen. Schon davor hat er sich gemeinsam mit einigen Kolleginnen und Kollegen auch in der Jury zum „Unwort des Jahres“ betätigt, durchaus unter einigem Naserümpfen aus der eigenen Zunft, in der gelegentlich eine Art politische Kontamination der reinen linguistischen Lehre durch Politisierung befürchtet wurde.

Diese Kritik übersieht allerdings, dass es geradezu fatal wäre, wenn die Beschäftigung mit dem Einsatz von Sprache als Mittel identitätspolitischer Kämpfe weiterhin eine Randexistenz in der linguistischen Forschung führte. Es geht nicht darum, die Erforschung des Sprechens und Schreibens zu politisieren oder zu ideologisieren. Es geht darum, die Indienstnahme sprachlicher Fragen für die politische und ideologische Agenda bestimmter Gruppen zum Gegenstand der Analyse zu machen.

Das Neue ist also nicht, dass die Wissenschaft sich mit der „Aufladung von Wörtern in der politischen Auseinandersetzung“ befasst, wie Lobin es formuliert. Die Formung politischer Sachverhalte durch Sprache ist schon länger ein Gegenstand der „Politolinguistik“. Mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt aber nun die Strategie bestimmter Gruppen, nicht nur die Wiedergabe von Wirklichkeit durch Wortwahl zu formen, sondern aus der Debatte über Sprache selbst ein Mittel zum Erreichen politischer und gesellschaftlicher Ziele zu machen.

Das Buch:

Henning Lobin: Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die Sprache instrumentalisiert. Dudenverlag, Berlin 2021. 192 S., 15 Euro.

Roths Magdeburger Fachkollegin und Nachfolgerin in der Jury für das Unwort des Jahres, Kristin Kuck, fasste das im Deutschlandfunk-Gespräch so zusammen: „Über eine sprachkritische Ebene wird eine politische Diskussion geführt, es geht um Ideologien, durchaus auch um Männer- und Frauenbilder. Es geht also nicht wirklich um ein Interesse an der Sprache, es ist vor allem ein ideologisches Schlachtfeld.“ Genau diesem „Schlachtfeld“ widmet sich der Mannheimer Linguist Lobin in seinem „Sprachkampf“-Buch.

Auf 160 Seiten setzt Lobin sich vor allem mit derjenigen Variante des „Sprachkampfes“ auseinander, die er treffend als „nationalidentitär“ bezeichnet. Und womöglich das Verdienstvollste an seinem Buch ist die Begründung für diese Auswahl. Kurz zusammengefasst: Zwar gibt es eine Indienstnahme von Sprache und Sprachkritik für identitätspolitische Zwecke sowohl auf der äußersten rechten als auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Aber feministische oder antirassistische „Sprachpolitik“ trägt selbst dann, wenn sie mal ins sprachlich Fragwürdige überschießt, noch den emanzipatorischen Impetus in sich, der prinzipiell auf Gleichberechtigung zielt. Die nationalidentitäre Ideologie mitsamt ihren Forderungen an die Sprache folgt dagegen gerade einem exklusiven, bestimmte gesellschaftliche Gruppen ausschließenden Wegweiser.

Henning Lobin befasst sich ausführlich mit der „Verschwörungstheorie“, ohne die der nationalidentitäre „Sprachkampf“ des rechtslastigen „Vereins Deutsche Sprache“ oder der AfD und ihres Umfelds bis weit hinein ins konservative Lager nicht funktionieren würde: „Für die nationalidentitäre Sprachpolitik ist es … essenziell, den Gegner benennen zu können, einen Adressaten zu haben, gegen den sich ihre Aktionen und Aufrufe richten. Wenn dieser Gegner in organisierter Form aber überhaupt nicht existiert, muss er konstruiert werden. Es ist diese immer wieder beschworene ,kleine Gruppe‘ von ,Aktivisten, Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern‘, die anderen vermeintlich eine neue Sprache aufzwingen will.“

Mit Blick auf die oft als „partikularistisch“ gescholtenen Steuerungsversuche von links stellt Lobin vor diesem Hintergrund klar: „So wichtig es ist, zu verhindern, dass Sprache politisch instrumentalisiert wird, so viel gefährlicher ist in meinen Augen deshalb die nationalidentitäre Sprachpolitik gegenüber linker Identitätspolitik.“

Aber, um zum Anfang zurückzukommen: Muss sich nicht doch die Mehrheit bevormundet fühlen durch das Streben von Emanzipationsbewegungen nach „politischer Korrektheit“ beim Sprechen und Schreiben? Nach langen, oft allzu detaillierten Ausschweifungen über rechte Sprachpolitik, Gendersternchen und die Berechtigung von Anglizismen kommt Henning Lobin dann doch auch hier zu einer klaren Antwort. Am Beispiel Geschlechtergerechtigkeit bemerkt er: „Ist es aber eine Bevormundung, einen gegenderten Text lesen zu müssen, wenn einen dieser etwa als Abgabenbescheid per Post erreicht? Wenn man dies bejaht, muss man jede Lektüre eines Textes als Bevormundung bezeichnen, denn Lesende müssen sich immer die Sprache, ja das Denken anderer ,aufzwingen‘ lassen, um einen Text überhaupt zu verstehen.“

Die Nationalidentitären von ganz rechts werden das gar nicht erst lesen. Aber wenigstens für die freudlos Erregten in der „Mitte der Gesellschaft“, die ihre Identität vor allem durch Geschlechtergerechtigkeit und Antirassismus in der Sprache bedroht sehen, könnte es ein Anstoß sein, sich zu entspannen.

Transparenzhinweis: Der Autor dieses Textes gehörte gemeinsam mit dem oben erwähnten Kersten Sven Roth der Jury zum „Unwort des Jahres“ an.

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