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In Los Angeles hat die Firma „Exit U.S.“ ihren Sitz, in dem Land, in dem 1967 erstmals ein Mensch eingefroren wurde.

„Kachelbads Erbe“

Hendrik Otremba „Kachelbads Erbe“: Frier mich ein, wenn du mich liebst

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Hendrik Otrembas Roman „Kachelbads Erbe“ kreist erzählerisch um ein Unternehmen, das im Los Angeles der achtziger Jahre tote Körper für eine spätere Wiederbelebung konserviert.

Es ist ein merkwürdiges Buch, ein bisschen wie eine Zeitkapsel. Und so quasi-futuristisch sein Thema zunächst anmutet, führt der Inhalt dieser Kapsel nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit. Der 1984 geborene Autor, Künstler und Sänger Hendrik Otremba hat die Handlung seinen zweiten Romans in die 80er Jahre mit ihren apokalyptischen Begleiterscheinungen verlegt: die Tschernobyl-Katastrophe, die ersten Jahre von Aids.

Unscheinbares Zentrum des Geschehens ist ein Industriegebiet in Los Angeles, in dem das Unternehmen „Exit U.S.“ seinen Sitz hat, das einer legalen, aber im Schattenbereich der Gesellschaft operierenden Geschäftstätigkeit nachgeht: dem Einfrieren von Leichen zum Zwecke einer späteren Wiederbelebung. – Das ist ein häufiger Topos in Büchern und Filmen, meist solchen aus dem Bereich der Massenunterhaltung.

Doch die Kryonik, wie diese Art der Konservierung von Organismen genannt wird, ist mehr als Fiktion. In den USA, wo 1967 der erste Mensch eingefroren wurde (inzwischen gibt es schon 254 solcher in Stickstoff gebetteter Körper), sind mehrere Gesellschaften im Bereich der Kryonik tätig; auch in Russland gibt es einen Anbieter. Otremba bewegt sich mit seinem Romanszenario also absolut im Rahmen des Realistischen bzw. des historisch Möglichen.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Kachelbads Erbe“ nicht um einen realistischen Roman, falls es überhaupt ein Roman ist. (Allerdings steht nicht wirklich eine andere Gattungsbezeichnung für fiktionale künstlerische Werke eines bestimmten Umfangs zur Verfügung.)

Es ist gar nicht einmal so, dass dieser „Roman“ sich nur schwer erschlösse oder keine Handlung hätte; doch die Geschehnisse sind jedenfalls nicht, wie meist üblich, in chronologischer Abfolge geordnet. Otrembas Erzählanordnung ist gleichsam strahlenförmig um ein Zentrum herum arrangiert, das in seiner recht rätselhaften Hauptfigur besteht: einem älteren Mann mit dem seltsamen deutschen Namen Kachelbad, der als rechte Hand des Begründers von Exit U.S. fungiert und nach dessen Tod die Geschäfte allein weiterführen muss. Auf dem Gelände von Exit U.S. stehen zahlreiche Tanks mit je sechs toten Körpern, in deren Adern das Blut gegen flüssigen Stickstoff ausgetauscht wurde. Einige dieser Toten treten im Buch als Ich-Erzähler auf.

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 432 S., 24 Euro.

Eine ukrainische Wissenschaftlerin, ein alter Schriftsteller mit obskurer Doppelidentität, eine psychisch überspannte Katzenhalterin, ein junger vietnamesischer Auftragskiller und ein Junkie, der an Aids stirbt, erzählen von ihrem Leben. Allerdings stellt sich irgendwann heraus, dass sie zwar als Erzähler ihrer Lebensgeschichten in Erscheinung treten, jedoch gar nicht die Autoren sind. Ihre Geschichten niederzuschreiben und zu sammeln zählt ebenso zu Kachelbads Mission wie das Präparieren der verstorbenen Körper mit Stickstoff. Dieses wird durchgeführt von einem deutschen Arzt namens Gruber mit etwas unklarer Nazivergangenheit und pädophiler Neigung, der wiederum von einem windigen Journalisten mit ebenfalls deutschem Namen observiert wird, was zu einem dramatischen Zwischenfall führt. Und dieser Zwischenfall ist nicht der einzige, der das Werk der Kryoniker gefährdet. Das Überwinden der Sterblichkeit des Menschen ist ein prekäres Handwerk, wie sich zeigen wird...

Vieles an Otrembas Roman bleibt bis zum Ende rätselhaft und will wohl auch gar nicht entschlüsselt werden. Das schützt nicht zuletzt auch vor Kritik. Von hohem Formbewusstsein, ist Otremba ein Autor, dem in sprachlicher und ästhetischer Hinsicht nicht am Zeug zu flicken ist. Er schreibt eine klare, scheinbar einfache Prosa, die sich quasi im Nachgang zu surrealen Bildern von oft unheimlicher Wirkung zu formen imstande ist.

Worauf diese Wirkung abzielt, ist dagegen weniger klar. Wird das Streben des Menschen nach Unsterblichkeit als unerfüllbar entlarvt? Wird gezeigt, dass Unsterblichkeit eher in der Literatur zu finden ist als in der Kryonik? Oder sollen wir vielmehr erkennen, dass auch im Schreiben keine Lösung liegt?

Die verschiedenen apokalyptischen Szenarien und Menschheitsschrecken, die der Roman mal deutlicher, mal nur so nebenbei anzitiert (Aids, Tschernobyl, Holocaust, Kinderschänder, Drogentote, Erdbeben), verlieren, wenn sie so gehäuft angerufen werden, paradoxerweise an Furchtbarkeit; vor allem liegen manche von ihnen von heutiger Lektüre aus gesehen in der Vergangenheit, haben jedenfalls nicht vollständig zur Apokalypse geführt. Und jene in der Zukunft liegende Apokalypse, die der Roman-Epilog abschließend nachreicht, scheint zum einen aufs Konto des Klimawandels gegangen zu sein (der im Buch ansonsten keine Rolle spielt, schließlich kannte man ihn in den achtziger Jahren auch noch nicht als große Gefahr) und hat zum anderen ein durchaus anprechendes neues Erscheinungsbild der Erde zur Folge. Was also soll das Ganze?

„Kachelbads Erbe“ verweigert eine Antwort auf die Fragen, die es aufzuwerfen scheint. Es gibt, vielleicht, der Angst des Menschen vor dem Tod Ausdruck. Vielleicht aber auch, ganz im Gegenteil, der Faszination, die von diesem Sterbenmüssen ausgeht. Nein, und auch die Liebe ist dabei kein Trost. Der ganze Roman, oder wie auch immer man dazu sagen will, ist von einer großen, diffusen Untergangssehnsucht durchzogen. Manche mögen es morbide nennen, andere vielleicht wunderschön. Was auch immer es sein mag: Dies ist definitiv ein Buch, wie man es vorher noch nicht im Regal stehen hatte.

Das Buch

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 432 S., 24 Euro.

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