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Helon Habila, 1967 in Kaltungo in Nigeria geboren. Foto: Heike Steinweg
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Helon Habila, 1967 in Kaltungo in Nigeria geboren.

Migration

Helon Habila: „Reisen“ – Er war einer von ihnen

  • Marie-Sophie Adeoso
    VonMarie-Sophie Adeoso
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In seinem Roman „Reisen“ spürt der nigerianische Autor Helon Habila den vielen individuellen Geschichten afrikanisch-europäischer Migration nach.

Eine Frau sitzt auf dem Boden und blickt aufs Meer. Sie sitze dort wohl jeden Tag, sagt der Leiter des süditalienischen Flüchtlingslagers zu einem Besucher, „und lauscht den Stimmen ihrer Kinder, die ertrunken sind.“ Er zeigt auf einen Mann mit ausgemergelter Gestalt und zerzaustem Kinnbart: „Er ist jetzt seit einem Monat hier. Man hat ihn von Lager zu Lager weitergereicht. Er ist sehr krank und ich fürchte, er macht es nicht mehr lange.“

Jener Mann, der es vermutlich „nicht mehr lange macht“: er ist der Protagonist von Helon Habilas Roman „Reisen“. Wenige Monate zuvor ist der Nigerianer mit seiner US-amerikanischen Frau für ein Jahr aus den USA nach Berlin gezogen, wo sie mit einem Kunststipendium „echte Migranten“ für eine Serie mit dem Titel „Reisende“ porträtieren wird und er endlich seine Promotion über die Berliner Konferenz von 1884 abschließen möchte, auf der Europas Staaten einst den afrikanischen Kontinent untereinander aufteilten.

Statt sich in seine Dissertation zu vertiefen, wird der Protagonist seine Zeit aber mehr und mehr auf Begegnungen mit Menschen verwenden, die letztlich auch als Spätfolge der kolonialen Zerteilung Afrikas nach Berlin gekommen sind und ihm drastisch vor Augen führen, wie privilegiert sein eigenes Migrantendasein im Vergleich zu ihrem verlaufen ist.

Dabei wird es gleichwohl nicht bleiben. „Wir kamen im Herbst 2012 nach Berlin und anfangs lief alles gut.“ Dieser erste Satz von Habilas Roman lässt bereits Ungutes erahnen. Wie der Autor seinen Protagonisten nun auf die Reise durch Europa schickt, ihn aus Berliner Kunst- und Intellektuellen-Szenen auf den unwahrscheinlichen, aber schlüssig erzählten Weg in das Elend des besagten italienischen Flüchtlingslagers führt und ihn dann gar auf umgekehrter Fluchtroute von Europa gen Afrika das Mittelmeer kreuzen lässt, folgt jedoch keiner vorhersehbaren Dramaturgie. Es geschieht wie aus einer inneren Notwendigkeit der Figurenentwicklung heraus. Gelenkt von kleinen Weichenstellungen des Zufalls, wie sie so vielen Schicksalen von Migrantinnen und Migranten innewohnen, die der Protagonist nun auf parabelhafte Weise am eigenen Leib nachzufühlen beginnt.

Das Buch

Helon Habila: Reisen. Roman. A. d. Engl. v. Susann Urban. Das Wunderhorn, Heidelberg 2020. 320 Seiten, 25 Euro.

Er, der einst in ganz anderem Kontext über seinen „migrantischen Charakter“ sinnierte, „der mich auf ein Zuhause, auf Beständigkeit in dieser neuen Welt hoffen, aber auch vor langfristigen Bindungen zurückscheuen und ständig Fluchtpläne schmieden lasse“, verschwindet nun mehr und mehr hinter den Geschichten jener, die ihm unterwegs begegnen. „Ich hatte sehr viele wie ihn unterwegs getroffen. Ich war einer von ihnen gewesen“, wird er an einem Punkt des Romans treffend resümieren.

Habila schildert die Schicksale auf berührende, überhaupt nicht melodramatische, sondern sehr lakonische und dadurch umso eindringlichere Art und Weise. Schicksale, die in ihrer Vielschichtigkeit aufzeigen, dass „die Geflüchteten“ bei genauer und empathischer Betrachtung eben nicht die vermeintlich homogene und gesichtslose Masse sind, mit der Politik, Einwanderungsstatistiken und Nachrichtenschlagzeilen versuchen, sie fass-, begreif- und steuerbar zu machen.

Da wäre etwa der Arzt Manu, der mit seiner Familie der eskalierenden Gewalt in Libyen entfloh und nun als Türsteher eines Nachtclubs arbeitet. Sonntag für Sonntag fährt Manu zum Checkpoint Charlie, in der Hoffnung, dort seine Frau und seinen Sohn wiederzufinden, die er beim Kentern ihres Boots auf dem Mittelmeer verlor. Da ist ein somalischer Vater, dessen Familie mit jedem weiteren Jahr, das sie auf der Flucht durch den Nahen Osten und Europa verbringt, weiter zerbricht und doch das einzige ist, was ihn immer noch antreibt, ein besseres Leben zu suchen. Da ist aber auch die sambische Studentin, die sich nur temporär in Europa aufhält; die in der Schweiz den Todesumständen ihres Bruders nachspürt, einen Couchsurfing-Zwischenstopp in Berlin einlegt und später in London den Nachlass ihres verstorbenen Vaters sortieren wird, der als einstiger „Dichter des Widerstands“ zu einer Art professionellem Exilanten geworden war.

Helon Habila fügt all diese Geschichten, die mal aus der Ich-Perspektive seines Protagonisten, mal in der dritten Person geschildert werden, zu einem überzeugenden Roman zusammen, der ein schonungsloses Bild europäischer Asyl- und Migrationspolitik zeichnet, ohne als politisches Pamphlet daherzukommen. Weil er im besten Sinne nah an den Menschen ist, ihnen vielschichtige Persönlichkeiten zugesteht und sie selbst sprechen lässt, statt pauschale Deutungsmuster der Beweggründe zu übernehmen, die sie auf Reisen gehen ließen.

Der nigerianische Autor und Journalist Habila, der in den USA lebt, hat 2013 selbst ein Jahr als DAAD-Stipendiat im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms in der deutschen Hauptstadt verbracht. Wie viel Wirklichkeitsgehalt sich in seinem neuen Roman spiegelt, lässt sich auch aus der dem Roman hintangestellten Danksagung herauslesen, mit der er „zuallererst den Menschen, deren Geschichten in diesem Buch leben“, dankt. Habila wiederum, von dem bislang nur sein ebenfalls äußerst lesenswerter Öko-Thriller „Öl auf Wasser“ in deutscher Übersetzung vorlag (ebenfalls bei Wunderhorn), ist dafür zu danken, als genauer Beobachter den Blick auf hiesige Lebensrealitäten zu schärfen, die all zu oft ungesehen bleiben.

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