Das Fotobuch

Hellen van Meenes Jugend-"Portraits"

Nach all der fotografischen Literatur, die jugendlichen Körpern und Seelen zugetan war, kommt dieser gedrungene Bildband der Holländerin Hellen van Meene als

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

Nach all der fotografischen Literatur, die jugendlichen Körpern und Seelen zugetan war, kommt dieser gedrungene Bildband der Holländerin Hellen van Meene als Überraschung. Zum einen, weil sie auf eine konservative Form, die szenische Inszenierung, zurückgreift. Zum anderen, weil ihre Auffassung der Pubertät eine unterschwellige Aggression mit sich führt. Die Frage ist, gegen wen oder was sie sich richtet.

Die Modelle, das steht fest, sind nicht unter den Kriterien Anmut und Niedlichkeit gewählt. Es sind Mädchen, die so offensichtlich mit sich selbst kämpfen, dass man sich fragt, warum sie sich entschlossen haben, dem Dialog eines Porträts standzuhalten. Erstaunen macht auch die Äußerung der Fotografin, ihre Modelle seien "Material, das ich einfach benutze". Man findet kleine Ophelias, sitzen gelassene Bräute, in Fummeln versenkte späte Kinder. Dabei schaltet die Fotografin hin und her zwischen warmem und kaltem Licht, Garten und Zimmer, verschränkten und verlorenen Gesten. Alles passt in die beunruhigenden sanften Töne ihres quadratischen Bildformats. Das Miteinander von Formbesessenheit und Offenbarungszwang erinnert an das skulpturale Werk von Louise Bourgeois.

Ein Werk, das ausschließlich um das feminine Imaginäre kreist und sich bei den Connaisseuren am internationalen Kunstmarkt erfolgreich zeigt, ist natürlich nicht ohne Kritik geblieben. Deshalb oder aus anderen Gründen ist ein Junge ins Spiel gekommen, der als allegorische Fee durch das schmale, aber dichte Werk geistert. Van Meene fährt mit den Betrachtern Umwege, um die Größe ihres sozialen Terrains anzudeuten. Dabei trifft sie auf kleine Mädchen, die die adoleszente Transgression vorwegnehmend persiflieren, und einige Asiatinnen, deren Porträts mehr oder weniger freiwillig darauf verweisen, dass van Meenes bildnerischer Apparat eine europäische Wurzel hat. Man denkt an die einsamen Mädchen Edvard Munchs. Deren Einsamkeit nicht als persönliche, sondern als philosophische darzustellen, das ist die Kunst.

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