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Helga Schubert, 81, gewann vor einem Jahr den Bachmann-Preis. Am 18. März erscheint ihr Buch „Vom Aufstehen“. Foto: Renate von Mangoldt
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Helga Schubert, 81, gewann vor einem Jahr den Bachmann-Preis. Am 18. März erscheint ihr Buch „Vom Aufstehen“.

Ein Leben in Geschichten

Helga Schubert: „Vom Aufstehen“: Ein spätes Glück

  • VonCornelia Geißler
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Helga Schubert, die 2020 mit 80 Jahren den Bachmann-Preis gewann, meldet sich mit „Vom Aufstehen“ als Buchautorin zurück.

Ein Leben in Geschichten. Das ist etwas anderes als die Geschichte eines Lebens. Helga Schuberts Buch „Vom Aufstehen“ versammelt 29 Texte. Das Ich, das in allen Texten präsent ist, gehört der Autorin selbst, mal als Beobachterin auftretend, mal einer Erinnerung nachhorchend, mal sich, mal andere befragend.

Zum Beispiel so: „Was fällt euch ein zu Mecklenburg-Vorpommern heute im Gegensatz zu früher, frage ich unsern Besuch.“ Schubert, 1940 in Berlin geboren, wohnt in einem mecklenburgischen Dorf. Der Gesprächspartner, bei dem sie mutmaßt, er würde über niedrige Wahlbeteiligung, die Landflucht der Hausärzte oder den Weggang der Jugend sprechen, sagt als erstes, „dass jetzt die Spargelzeit kommt und man den Spargel auch bekommt“. Das Edelgemüse wurde zu DDR-Zeiten in den Westen exportiert.

Sie fragt den Besuch nicht nur so beim Kaffee, ihr Satz zuvor ging noch weiter, „denn ich will einen Text darüber schreiben“. Helga Schubert ist Schriftstellerin, das hatte die Öffentlichkeit allerdings ein paar Jahre vergessen. 2003 hatte sie ihr bis dahin letztes Buch veröffentlicht, „Die Welt da drinnen“, eine literarische Recherche zur von den Nazis verfügten Euthanasie. Im Juni 2020 trat sie beim Online-Wettbewerb der Tage der deutschsprachigen Literatur an und vermochte mit ihrer Geschichte „Vom Aufstehen“ so zu überzeugen, dass sie den Bachmann-Preis gewann.

Helga Schubert, von Beruf Psychologin, Autorin mehrerer Erzählbände, die vor allem in den 80er Jahren in der DDR und im Westen erschienen waren, hatte sich inzwischen auf die Begleitung und pflegerische Betreuung ihres Mannes konzentriert. Sie hatte seine Werke katalogisiert, Ausstellungen seiner Gemälde organisiert und zu deren Eröffnung auch eigene Texte gelesen. Erst durch den Preis wurde sie wieder zur öffentlichen Schriftstellerin und kann nun, unter dem Titel der ausgezeichneten Geschichte, als Buch vorlegen, was in den vergangenen Jahren entstanden ist. Ein spätes Glück.

Die Texte lassen sich zwei Themenfeldern zuordnen. Das ist zum einen die Erfahrung des Umbruchs 1989 und seiner erfreulichen Folgen. Zum anderen ist es die Beschäftigung mit der eigenen Familie, vor allem der Mutter. Die Erzählerin versucht nachzufühlen, wie es ihr erging, deren Mann im Russlandfeldzug der deutschen Wehrmacht umgekommen ist, als das Kind ein Jahr alt war. In der Geschichte „Ein junger Vater“ schreibt sie: „Es ist ein Trauma meines Lebens“, setzt einen Doppelpunkt, macht einen Absatz und setzt fort: „Dieser zerrissene, mir doch unbekannte Mann“. Vom Vater blieb ihr die Großmutter, ein Glück für das Kind, das alle Sommerferien bei ihr in Greifswald verbringen durfte, ein Fluch für die Heranwachsende, weil die Mutter in ihr eine Ähnlichkeit zur Schwiegermutter sah.

Das Buch

Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten. dtv, München 2021. 222 Seiten, 22 Euro.

Die titelgebende Geschichte fasst das Verhältnis zur Mutter, die 101 Jahre alt wurde, auf besondere Weise: in kurzen Etappen zu Tagesbeginn, gespiegelt im Leben der Erzählerin selbst. Eine späte Nähe und Schmerz stecken darin, aber auch eine erfrischende Leichtigkeit. Zeit heilt keine Wunden, rückt aber manches zurecht.

Die Geschichten bewegen sich am Leben entlang, manche knüpfen zeitgeschichtlich an die DDR-Erfahrung an, handeln von Versuchen, Literatur aus dem Westen zu bekommen, von errungenen kleinen Reisefreiheiten. Viele sind in den späten Mecklenburger Jahren der Autorin angesiedelt. Zum Beispiel mit einem Lob des Winters, den sie in die Wolldecke gewickelt zu Hause verbringen kann: „Ich darf mich nur mit meinen Gedanken beschäftigen, mich erinnern an lange Vergangenes, an Zusammensein mit Menschen, die nicht mehr auf dieser Erde sind.“ Oder wenn sie einer missglückten Freundschaft nachsinnt und resümiert: „Mein Lebensthema, dachte ich, ist die Geborgenheit.“

Manchmal fehlt leider ein bisschen Sorgfalt des Lektorats. „Mister Gorbatschow, open the door“, wie der Erzählerin am 9. November 1989 am Brandenburger Tor einfällt, hat US-Präsident Ronald Reagan nicht gesagt. Nicht eine Tür, das Tor („this gate“) wünschte er geöffnet und die Mauer niedergerissen. Wenn eine Pastorin hinweist, „dass im DDR-Fernsehen die Übertragung einer Pressekonferenz mit einem Mitglied des Politbüros der SED laufe“, liest sich das schwer aussprechbar, vermutlich wollte die Autorin den Namen Schabowski aus ihrem Text halten. Ähnlich umständlich ist die vage Wendung, „wie man das aus diesen UFA-Filmen kennt, deren einer Hauptdarstellerin sie ähnelte“.

Und dann sind da jene Texte, die das Erzählen selbst zum Gegenstand haben, das sind die schönsten. Zum Beispiel, wenn in „Alt sein“ der Mann als Stichwortgeber auftaucht, das erzählende Ich mehrmals neu ansetzt, sagt: „Ich komme beim Älterwerden ganz langsam in der Gegenwart an“, und erst schließt, als es die „Richtung“ für das Erzählen gefunden hat.

In „Warum schreiben“, einem nur drei Seiten langen gedankendichten Stück, heißt es: „Die guten Geschichten sind wie das Leben tragikomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis.“ Nichts sei klar so oder so, erfahre sie beim Schreiben oder spätestens beim Lesen. Und so hält das Schreiben den Geist beweglich, in jedem Alter.

Buchpremiere am 18. März, 19 Uhr, gesendet aus dem Literaturhaus Berlin. www.literaturhaus-berlin.de

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