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„Wir leben in einer Welt, aus der natürliche Dinge verschwinden“, sagt Helen Macdonald. Foto: Marzena Pogorzaly
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„Wir leben in einer Welt, aus der natürliche Dinge verschwinden“, sagt Helen Macdonald.

Interview

Helen Macdonald: „In großen Krisen suchen wir in der Natur Heimat, Rettung, Identität“

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Die Schriftstellerin und Essayistin Helen Macdonald über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und wie wir sie mit unseren Deutungen belasten.

Ms Macdonald, Sie haben Ihre Essays zum Verhältnis von Mensch und Tier vor der Pandemie geschrieben. Aber ich war verblüfft, wie stark diese Texte trotzdem auch unser Verhalten gegenüber der Natur in dieser Pandemie beleuchten.

Den Titel-Essay, „Abendflüge“, habe ich lange vor der Pandemie geschrieben, aber die Hauptmetapher dieses Textes dreht sich darum, was Mauersegler tun. Wie sie in der Dämmerung sehr hoch fliegen, um sich zu orientieren, um zu wissen, wo sie sind und was sich am Horizont nähert. Dunkle Wolken womöglich, die sich ihnen nähern, die sich aber auch uns nähern. Es lässt mich frösteln, denn plötzlich scheint es an dieser Stelle um die Pandemie zu gehen, darum, dass wir es nicht kommen gesehen haben, obwohl wir wussten, dass die Möglichkeit besteht. Ja, das ist wirklich seltsam, es lässt mich ein bisschen ausflippen (lacht). Aber während des Lockdowns sind viele Menschen in die Natur gegangen, haben viel Zeit damit verbracht, sich wieder mit der natürlichen Welt zu verbinden. Die Pandemie ist dadurch gleichsam in die Seiten meines Buches eingesickert.

Die Natur kann in solcher Zeit gewiss ein Trost sein. Aber ist Trost das, wonach man dort suchen sollte?

Eine sehr gute Frage. Als die Pandemie begann, habe ich viel darüber gelesen, viele Autoren haben darauf hingewiesen, dass es sehr sicher sei, in die Natur zu gehen, in die Wälder, auf die Berge, um sich dort emotionalen Trost zu holen. Das machte mich ziemlich wütend. Denn eine Menge Leute leben in sehr beengten Verhältnissen, mit wenig Geld, nicht jeder kann es sich also leisten, solche Orte aufzusuchen. Das ließ mich darüber nachdenken, was wir brauchen. Die Natur ist nicht für uns gemacht, aber sie kann uns helfen, uns wohlzufühlen. Man muss dafür nicht tief in die Wildnis gehen. Mein Buch handelt davon, wie auch die Begegnung mit sehr verbreiteten Tieren wie Tauben oder Spinnen eine Art von Dezentrierung sein kann. Sie können sich in diese Tiere einfühlen, so dass Sie beinahe aus Ihrem Menschsein herausgeholt werden. Das kann sehr beruhigend, verblüffend und sogar lebensverändernd sein.

Apropos verbreitete Tiere: Wahrscheinlich nicht nur in Deutschland sind den Züchterinnen und Züchtern in der Pandemie die Hunde ausgegangen ...

Ja, hier ist Hundediebstahl ein großes Problem. Es gibt eine große Zahl an Menschen, denen ihr Hund gestohlen wurde. Der Preis für Hunde ist immens gestiegen, geradezu durch die Decke gegangen. Viele Menschen, die immer schon einen Gefährten wollten, haben beschlossen, dass der Lockdown die richtige Zeit dafür ist. Ein anderer Aspekt, den ich behandele, ist, wie strikt wir die öffentlichen Räume überwachen, in denen wir uns bewegen – und dann haben wir andererseits diese Tiere, die in unseren Häusern leben. Ein Ziel meines Schreibens ist, die Grenzen durchlässiger zu machen, uns ein bisschen weniger ängstlich sein zu lassen angesichts von Natur und ihr mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erzähle auch, wie ich vor einigen Jahren in Indien war und in einem Hotel übernachtete, wo Tauben im Zimmer nisteten. Und es war eine zutiefst berührende Erfahrung, denn ich teilte den Raum mit einer ungezähmten Kreatur. Es war ein magischer Moment, er hat mich erkennen lassen, wie selbstsüchtig Menschen sind. Nicht nur, wenn es um Innenräume geht, auch bei Stadt- und Dorfräumen. Plastikgras wird gelegt, in Großbritannien haben wir außerdem ein Problem mit Bauträgern, die Hecken und Bäume in Netze einfassen lassen, damit dort keine Vögel nisten können. Wir schützen unsere Lebensräume und ich würde mir wünschen, wir wären dabei weniger egoistisch.

Sie denken auch über Kinder nach, die gar nicht mehr wissen, welche Tier- oder Pflanzenarten sie vermissen könnten.

Genau. Das ist ein großes Problem. Viele Nature Writer in Großbritannien sind in meinem Alter, ich bin 50, und in meiner Lebenszeit gab es einen katastrophalen Schwund an Arten. Bis vor einiger Zeit dachte ich, das sind die normalen Auswirkungen, wenn man alt wird, wie wenn man graue Haare und Falten bekommt, dass man so eben auch die Tier- und Pflanzenwelt verliert. Aber das ist nicht wahr! Ich bin mit meiner kleinen Nichte in ein Naturschutzgebiet gegangen, das war voller Leben: Kuckucke, Schmetterlinge, Motten, der Gesang der Vögel war dort sehr laut – und sie drehte sich zu mir um und sagte: „Als sie diesen Ort machten, haben sie die Tiere da aus dem Zoo mitgebracht?“ Denn für sie ist die Natur still und leer, sie hat nicht verstanden, dass es überall so sein sollte wie in diesem Schutzgebiet. Sie war damals sehr jung, ihr wurde das keineswegs eingeflüstert.

Ihr Buch hat mir in dieser Hinsicht die Augen geöffnet, denn ich bin auf dem Land aufgewachsen und meine Großneffen werden, obwohl am gleichen Ort, mit einem solchen Insektenreichtum nicht im Entferntesten mehr aufwachsen können.

Wir sind dadurch nicht mehr gewohnt, die natürliche Welt anzufassen. Wir sehen sie nur noch, wie sie verschwindet, ein wenig wie durch eine Glasscheibe. Als ob es nichts für uns ist. Also ist das Buch auch ein Appell, rauszugehen und wieder zu sehen.

Gibt es eine falsche Art und Weise, über Natur zu schreiben?

(Lacht) Das ist eine sehr lustige Frage. Denn natürlich bin ich, wenn ich über Natur schreibe, immer in Versuchung, in diesen Ton zu verfallen, der das Nature Writing lange prägte: die Stimme des Experten, der alles weiß. Und der hocherfreut ist, dass er den Leser wissen lassen kann, wie wenig dieser weiß. Ich habe diese Stimme geliebt, als ich aufgewachsen bin, die David-Attenborough-Stimme – allerdings ist Attenborough nicht selbstgefällig. Viele Menschen sind besorgt, dass sie wenig über die Natur wissen, der Ton kann sie also abschrecken. Ich versuche darum in meinem Buch, emotional sehr ehrlich zu sein und dem Leser zu sagen, dass ich nicht weiß, was passieren wird, dass ich nicht weiß, wie uns die andere Kreatur sieht. Ich bemühe mich, nicht die distanzierte Expertin zu sein. Ein bisschen, wie es Anthropologen schon seit Jahren versuchen, nehme ich meine eigenen Vorurteile und meine eigenen Fragen in die Essays hinein, so dass der Leser sehen kann, welchen Hintergrund ich habe. Die Essays sollen, notgedrungen einseitige, Dialoge sein, es soll nicht so sein, dass ich den Leuten Dinge einfach mitteile, ich möchte Leserinnen und Leser begleiten, die Dinge, die wir finden, mit ihnen teilen.

In einem der Essays sprechen Sie über natural history in Verbindung mit national history, erzählen, wie im Zweiten Weltkrieg in England auf Feldlerchen geschossen wurde, weil sie aus Deutschland kamen.

Es erschreckt mich auch, wie sehr der Zweite Weltkrieg benutzt wurde in der Rhetorik rund um den Brexit. Es hat mich immer interessiert, wie das Schreiben über Natur und das Schreiben über Nation und Identität sich gegenseitig beeinflussen. Wir denken immer, dass die Natur frei ist von vom Menschen fabrizierten Sinn, aber tatsächlich belasten wir sie mit unseren tiefsten und dunkelsten Deutungen. Das mit den Feldlerchen, das war in den 1930ern, die Lerchen sind aus Deutschland gekommen, wie sie das auf ihren Wanderungen jedes Jahr tun. Sie kommen vom Kontinent, um sich auf den Feldern von Winterweizen zu ernähren. Die Bauern haben also auf sie geschossen, weil sie den Weizen fraßen, aber das sagten sie nicht, sondern sie sagten, die Vögel seien Nazis. Im Zweiten Weltkrieg veränderte sich in Großbritannien, wie die Leute über die Natur sprachen. Es wurde verbunden mit dem Sprechen über eine Nation, deren Empire bedroht war. Ich habe erstaunliche Dinge gelesen, von Wissenschaftlern, Autoren. Da gab es einen Wissenschaftler, James Fisher, der ein Buch über einen Meeresvogel schrieb, den Eissturmvogel, der sich damals sehr schnell vermehrte, da er den Abfall der Fischerboote zu nutzen verstand. Er breitete sich also an der Küste aus und Fisher schrieb darüber, als sei es eine Invasion, es kam darin seine Angst vor Invasion und Krieg zum Ausdruck, er projizierte sie auf diese Vögel. Und das passiert immer und immer wieder, wenn wir über Natur sprechen. Wenn Sie wissen wollen, was in einer Kultur wirklich vor sich geht, können Sie oft einen sehr genauen Eindruck erhalten, wenn Sie schauen, wie über Natur gesprochen wird, auch in den jeweiligen politischen Bewegungen und Parteien.

Nature Writing ist in meiner Wahrnehmung etwas sehr Britisches.

Ich weiß! Es ist wie Morris Dancing. Und Bird Watching, das hat etwas sehr Amerikanisches und Britisches.

Zur Person

Helen Macdonald , Jahrgang 1970, ist Historikerin, Schriftstellerin, Illustratorin. Sie wuchs in Camberley, Surrey, University of Cambridge im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften.
„H wie Habicht“ (2014), erschienen bei Allegria, war nicht ihr erstes Buch, aber damit wurde sie auch in Deutschland bekannt. Jetzt ist bei Hanser „Abendflüge“, eine Sammlung von 41 Essays, erschienen, die sich im weitesten Sinn mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur beschäftigen.

Helen Macdonald: Abendflüge. Essays. A. d. Engl. v. Ulrike Kretschmer. Carl Hanser, München 2021. 352 Seiten, 24 Euro.

Woher kommt diese Vorliebe?

Ein Teil ist wiederum politisch, denn in jeder großen ökonomischen Krise schauen die Menschen auf die Natur, suchen dort Heimat, Rettung, Identität. Damit gehen jedoch beunruhigende politische Untertöne einher. Aber ich denke auch, dass es ein Verlags-Phänomen ist. Es gibt einige Autoren, Robert Macfarlane zum Beispiel, die mit ihrem Nature Writing sehr populär wurden. Leute lesen diese Bücher, wollen mehr davon, die Verlage liefern.

Hatten Sie, als Sie „H wie Habicht“ schrieben, Ihr erstes Buch, ein Vorbild? Oder entsprang es Ihrer damaligen Situation, der Trauer um Ihren Vater?

Es war tatsächlich eine sehr seltsame Situation. Ehe mein Vater starb, war ich Wissenschaftshistorikerin, an der University of Cambridge, aber ich war zunehmend frustiert. Ich habe diese erstaunlichen Forschungsarbeiten gelesen und mir wurde klar, dass sie nie die Universität verlassen würden, nur von Akademikern zur Kenntnis genommen werden würden. Ich aber wollte für jeden schreiben. Dann starb mein Vater und die Seltsamkeit passierte, dass ich einen Habicht trainieren wollte, um mit meiner Trauer umgehen zu können – es ist übrigens nichts, was ich empfehlen kann! Dieses sonderbare Jahr passierte also, mit mir und meiner Trauer und Mabel, so hieß der Habicht. Es war wie eine Reise in die Unterwelt und wieder zurück. Es war wie eine mythische Geschichte, die mir zustieß. Ich wollte das aufschreiben, aber es dauerte ein paar Jahre, ehe ich es konnte. Ich machte mir Sorgen, dass es keiner würde lesen wollen, weil es so sonderbar war.

Ihre Sprache ist, auch in den Essays wieder, sehr stark, sehr dicht und aufgeladen.

Damals hörte ich mir nur Shakespeare-Stücke an. Und las Romane von Agatha Christie. Ich lache, denn wenn ich mir jetzt „H wie Habicht“ ansehe, denke ich, ich habe die Sprache von Shakespeare gestohlen und die Art, wie die Handlung vorwärts geht – es ist eine sich ziemlich schnell entwickelnde Handlung – von Agatha Christie. Ja, definitiv hatten Shakespeare und Agatha Christie den größten Einfluss auf mich.

Eine zentrale Aussage von „Abendflüge“ ist, dass der Mensch nicht glauben soll, im Leben der Tiere habe er eine Bedeutung. Wie können wir lernen, uns nicht so wichtig zu nehmen?

Das ist sehr schwierig. Als Kind denken Sie doch, dass jeder ist wie Sie, dass die Welt für Sie da ist. Es ist eine kindische Art von Narzissmus, aus der man herauswächst. Na ja, nicht jeder, ich glaube, Trump ist nie herausgewachsen. Menschen sprechen über Natur in dem Sinn, wie wertvoll sie für uns ist, wie sie uns mit Ressourcen und Ökosystem versorgt, mit Trost versorgt. So ist es nicht. Und wie leicht wir das vergessen, die Fremdheit und, Komplexität der Natur um uns herum. Wir sind Kreaturen, die immer nach Gleichheit suchen, mein Buch ist ein Plädoyer, die Differenz zu lieben. Es steckt eine utopische Hoffnung in ihm, dass wir Differenz um ihrer selbst willen lieben können.

Sind Sie denn hoffnungsvoll?

Oh, das ist eine schwere Frage! Ich arbeite hart daran. Wenn Sie verzweifeln und denken, es ist sowieso zu spät, unternehmen Sie nichts. Wenn Sie optimistisch sind und denken, alles wird gut werden, unternehmen Sie ebenfalls nichts. Was Sie tun müssen, ist einen Platz für Ungewissheit lassen. Und das ist der Raum, aus dem die Hoffnung kommen muss. „Abendflüge“ ist ein sehr politisches Buch, verglichen mit meinem letzten, aber es ist kein Buch, das die Menschen anschreit und ihnen sagt, was sie tun müssen. Ich hoffe, es hält ein paar Schönheiten und Wunder hoch und sagt: Schau, das ist es wert, geliebt zu werden.

In unserer Generation muss man lernen, mit Solastalgia umzugehen, dem Schmerz, dass sich die Umwelt stark verändert.

Ja, das muss jeder, auch mit Hinsicht auf die Restaurants, Straßen, Marken, gewisse Nahrungsmittel, die wir kannten, als wir jünger waren. Ich vermisse einen bestimmten Schokoladenriegel und ich vermisse eine bestimmte Schmetterlingsart – das ist nicht das Gleiche. Wir leben definitiv in einer Welt, aus der natürliche Dinge, die wir kannten, verschwinden. Man kann davon Heimweh bekommen, es ist eine riesige Sache. Sicherlich wird uns Solastalgia verfolgen.

Sie sprechen von Landschaften, die weniger werden, „less“.

Es sind nicht nur einzelne Tier und Pflanzengattungen, die wir verlieren. Es ist die Menge an Leben, die weniger und weniger wird. Das macht Angst.

Und das Schreiben über Natur, in dieser zerstörerischen Zeit, ist es schwer?

Immer mischen sich jedoch Freude und Liebe unter die Trauer. Trauer ist nur Liebe ohne ein Ziel, ohne Objekt. Ich denke immer an einen Satz des großen amerikanischen Naturschützers Aldo Leopold: „Eine der Strafen einer ökologischen Erziehung ist, dass man allein in einer Welt der Wunden lebt.“ So ist es, auch wenn ich lieber verstehe und meine Augen offen habe, als nicht zu wissen.

Interview: Sylvia Staude

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