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Bildausschnitt: "Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis" von Jan Brueghel dem Jüngeren (1601-1678).

Theodor Buhl: "Winnetou August"

Held in vaterloser Zeit

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„Winnetou August“: Stilsicher zwischen Witz, Tragik und nüchterner Beschreibung navigierend, nimmt Theodor Buhl den Leser mit auf eine schmerzhafte wie lehrreiche Exkursion durch ein verstörendes Kapitel europäischer Geschichte zwischen 1944 und 1946.

"Als ich im Morgengrauen munter wurde“, erinnert sich der achtjährige Ich-Erzähler Rudi, „waren wir schon auf dem Weg zum Gleis. Jetzt ging es los, jetzt kam die richtige Vertreibung.“ Das klingt nach ersehnter Ordnung oder wenigstens der Aussicht auf eine Phase längeren Fahrens in eine Richtung.

Der Satz fällt fast am Ende des Romans, in dem zuvor ein nüchtern-apokalyptisches Panoptikum entworfen wurde, das von der Flucht einer Familie aus dem schlesischen Lublinitz und dem anschließenden Umherirren zwischen den Fronten handelt. Leiterwagen, Deichsel, Blut, Sperma, Dreck und Bomben sind die Leitplanken dieser rasenden Odyssee zwischen Ost und West, Krieg und Nachkrieg.

So seltsam wie der Titel ist die Geschichte des Romans und seines Autors Theodor Buhl, der seine Kindheitserlebnisse zu einem bislang kaum bemerkten literarischen Ereignis verarbeitet hat. Stilsicher zwischen Witz, Tragik und nüchterner Beschreibung navigierend, nimmt der 1936 im schlesischen Bunzlau geborene Buhl den Leser mit auf eine so schmerzhafte wie lehrreiche Exkursion durch ein verstörendes Kapitel der europäischen Geschichte zwischen 1944 und 1946.

"Winnetou August" schließt eine Lücke

Den Bedarf an Grenzerfahrung und Heldenmut hat Rudis Vater August Rachfahl bereits im Ersten Weltkrieg gedeckt. Versehrt und nicht gerade moralisch gefestigt, wird er zum ruhenden Pol und verschlagenen Akteur der vor den Russen fliehenden Familie, die es nach dem Großangriff auf Dresden zurück nach Niederschlesien treibt. Dort lebt sie ein Jahr unter russisch-polnischer Verwaltung, ehe sie durch die „richtige Vertreibung“ in den Westen gelangt.

„Winnetou August“ ist aber auch ein Bildungsroman, in dem die Brüder Willy und Rudi sich an einige Seiten Karl May klammern, die es ihnen ermöglichen, traumatische Erlebnisse wie Vergewaltigung und Totschlag mit einer Geschichte vom eigenen Davonkommen zu verweben. Buhl lässt pubertäre Omnipotenzphantasien ebenso souverän einfließen wie die scharfe Beobachtungsgabe von Kindern und deren Begabung, sich gegen die erlebten Schrecken abzuschotten.

Das Aufwachsen gerät zum Abenteuerroman, in dem keine Verklärung davor sicher ist, an der nächsten Weggabelung bereits wieder geopfert zu werden. Wahrscheinlich hat es diesen Winnetou gar nicht gegeben, denkt Rudi, nachdem dieser ihn doch sicher durch Nächte gebracht hat. Deftig, brutal, einfühlsam und zart werden die Protagonisten des Romans geschildert, die durch das knappe Zeitfenster einer Jahrhundertkatastrophe getrieben werden und dabei zwischen Fehlbarkeit und großer Humanität wanken.

Kinder brauchen Vorbilder

Kinder brauchen Vorbilder, und so entwickelt sich August, der auch schon mal zum 4711 seiner Frau Elfriede greift, wenn kein Alkohol im Haus ist, zum mythischen Helden dieser vaterlosen Zeit, in der es bereits genug Mühe zu machen scheint, die verstaubten Hitlerbüsten rechtzeitig los zu werden. Im Verlauf der gespenstischen Fluchtbewegung beweist August einen Überlebensinstinkt, mit dem er nicht alle Gefahren abwehren, aber doch manchen Schrecken bannen kann.

Theodor Buhl gelingt mit lakonischem Erzählstil das Kunststück, Szenen voller jugendlichem Übermut und Gewaltexzesse als Abfolge eines haltlos gewordenen Lebens erscheinen zu lassen, in dem es doch so etwas wie unzerstörbare Bodenständigkeit gibt. Dass die Geschichte der Vertreibungen bis heute keinen rechten Platz in der bundesrepublikanischen Geschichte gefunden hat, liegt wohl auch an der Schwierigkeit, ihr eine angemessene narrative Gestalt zu verleihen. „Winnetou August“ schließt hier eine Lücke.

Die eigenwillige Erzählperspektive eines Achtjährigen wird gehalten durch Buhls besonderes Gespür für lokale Idiomatik, die jedoch nie ins Folkloristische umschlägt. Dafür sorgt das Sprachgefühl des Autors, dem es gelungen ist, immer wieder eine besondere Musikalität des Textes anklingen zu lassen.

Ein existenzielles Drama

Buhl, der an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat, widmete sich seinem Stoff trotz eines aktiven literarischen Lebens und des Kontakts zu Heinrich Böll und Peter Rühmkorf intensiv erst nach seiner Berufszeit als Lehrer. Zwar hat er schon in den siebziger Jahren mit dem Schreiben begonnen, die jetzige Form fand der Roman aber erst nach diversen Überarbeitungen. Ein Selbstporträt Max Beckmanns ziert das Cover. Beckmanns schroffe Geradlinigkeit prägt auch den Stil dieses späten Autors.

Dem Buch aber merkt man die lange Reifezeit nicht an. So sicher wie die ästhetische Form des Romans ist dessen erinnerungspolitische Orientierung. Ohne auch nur eine Zeile lang den Eindruck zu erwecken, in ideologische Fahrwasser zu geraten, schildert er die Vertreibung als existenzielles Drama, aus dem weder große Helden noch dämonisierte Täter hervorgehen können. August stellt sich der Herausforderung, eine Leitfigur in der Zeit der Not zu sein. Er weiß, auf was es ankommt und was man sagen muss, wenn nicht allzu viel gesprochen werden kann. Er ist eine literarische Figur, die in der noch immer nicht abgeschlossenen Geschichte der Nachkriegsliteratur ihren festen Platz einnehmen wird. Bis auf Weiteres ist er das „sichtbare Zeichen“, an dem sich die politischen Akteure bislang ergebnislos versucht haben.

Theodor Buhl: Winnetou August. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2010, 316 Seiten, 19,95 Euro.

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