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Seine Kritiker sind „Metternich-Hasser“.
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Seine Kritiker sind „Metternich-Hasser“.

Wolfram Siemann Metternich

Held ohne Makel

Der Historiker Wolfram Siemann legt eine erstaunliche Metternich-Biografie vor. Denn wie sähe wohl eine Darstellung der frühen Jahre der Bonner Republik aus, wenn als zentraler Beleg Adenauers Memoiren verwendet würden?

Von Wilhelm von Sternburg

Männer machen zwar nicht Geschichte, aber ihre Auftritte haben das Schicksal der Völker häufig in neue Richtungen gelenkt. In Europa stehen dafür Namen wie Napoleon oder Bismarck, Stalin oder Hitler, aber auch Staatsmänner vom Format eines Konrad Adenauer. Sie waren Kriegstreiber oder autoritäre Monarchisten, Massenmörder oder Politiker, die klug die Gunst der Stunde für ihre Pläne zu nutzen wussten.

Zwischen 1796 und 1848 gilt das zweifellos auch für den Kanzler und Außenminister des Hauses Habsburg, den späteren Fürsten Klemens Wenzel Lothar von Metternich. Er stieg zu einem der wichtigsten Antipoden Napoleons auf und gehörte zu den Schöpfern einer europäischen Ordnung, die auf dem Wiener Kongress von 1815 vertraglich festgelegt wurde und Europa eine 40 Jahre währende Friedenszeit bescherte. Als es nach den Befreiungskriegen für das aufstrebende Bürgertum und die intellektuellen Zirkel galt, die vorsichtigen demokratischen Ansätze zu verwirklichen, wurde das mit – wie wir heute sagen würden – polizeistaatlichen Mitteln massiv unterdrückt. Metternich war führend an der Verabschiedung der Karlsbader Beschlüsse von 1820 beteiligt. Das „Metternich-System“ wurde zum Schlagwort für diese Epoche, in der die politische Moderne zwar aufzuhalten, aber nicht zu stoppen war.

Gut zweihundert Jahre nach dem Wiener Kongress legt nun der Münchner Historiker Wolfram Siemann seine umfangreiche Metternich-Biografie vor. Wobei in diesem Fall der Begriff Biografie im Grunde nicht zutrifft. Was dem Leser auf 900 Seiten begegnet, ist ein ausführlicher Rechtfertigungsversuch, bei dem der Historiker über seine Arbeit offensichtlich jede Distanz zu seinem Helden verloren hat. Der Staatsmann und Mensch Klemens von Metternich wird zur Lichtgestalt die nie irrte, alles wusste und immer richtig handelte.

Was Siemann etwa über die Lage im Jahr 1813 und die damaligen Auftritte des Außenministers Metternich schreibt, steht in dieser Darstellung als Überschrift über nahezu allen seinen Taten: „Seine Rolle wird entweder ganz ignoriert, oder nur punktuell betrachtet, insgesamt aber unterschätzt und fehlgedeutet.“ Über eine Denkschrift Metternichs von 1794, in der es um den Krieg der Monarchien gegen die Volksheere der Französischen Revolution geht, hält Siemann fest: „Das Wohl Europas erschien hier als der magische Fixstern, den Metternich 1794 in seiner zweiten Denkschrift an seinen Wertehimmel projiziert hatte.“

Fast nie geht es bei Siemann um die persönlichen Interessen Metternichs oder des Landes, das er vertritt. Auf dem Wiener Kongress weist er den angereisten Monarchen und Diplomaten allenfalls eine Statistenrolle zu, um seinen Helden umso glanzvoller erscheinen zu lassen. Die Karlsbader Beschlüsse dagegen hat Metternich nach Auffassung seines Bewunderers vor allem auf das unerfreuliche Drängen der Monarchen und Fürsten durchgesetzt.

Ohnehin war dieser Politiker für Siemann kein Mann der Restauration, sondern – man liest es staunend – „der Postmoderne aus der Vormoderne“. Während seine Gegner in der Regel mit finsteren Intrigen gegen ihn vorgehen, ist dies nicht Metternichs „Stil, denn selbst in den privatesten Aufzeichnungen ... äußert er sich nicht abfällig über seine größten Gegner...“. Leider jedoch, so weiß der Biograf ganz im Sinne Metternichs zu berichten, musste dieser seine Spitzel schnüffeln, Bücher verbieten und Literaten und Demokraten ins Gefängnis werfen lassen. Denn all die nach Mitsprache und Denkfreiheit rufenden Studenten und Professoren (Siemann nennt sie „geistige Brandstifter“), Liberalen und Wirtschaftsreformer wollten nicht verstehen, dass die Herrschenden sie doch nur vor den überall lauernden Anarchisten und Bombenwerfern schützen wollten.

Für Siemann handelt es sich insgesamt auch gar nicht um eine „Epoche der Restauration“, sondern um die für ihn offensichtlich unabdingbare Rettung der deutschen Monarchien und Fürstentümer: „Viel treffender beschreibt man ihre Ziele und Handlungszwänge als ,Sicherheitspolitik‘.“

Siemanns Metternich ist nicht nur ein vorausschauender Staatsmann. Auch als Mensch überzeugt er. Der bis ins Greisenalter notorische Frauenheld ist nun gleichwohl ein wunderbarer Ehemann. Der Historiker bemerkt in diesem Zusammenhang die „Zeitgebundenheit der Liebe“ und schreibt tatsächlich: „Auch die ,Liebe‘ Metternichs im höfischen Umgang und im Stil seiner Briefe folgt einer Choreographie, bei der er keine Wahl hatte, ob er sie wollte oder nicht, weil die Frau ihm gegenüber dieses zeitgebundene Arrangement erwartete.“

Natürlich ist der Land- und Vermögensbesitzer ein glänzender Verwalter seiner Besitztümer, und kein Politiker seiner Zeit verstand wie er die modernen ökonomischen Prozesse. Seine vielfach von penetranter Eitelkeit – Siemann hakt sie unter der Rubrik „Selbstironie“ ab – durchzogenen Briefe erreichen für seinen Biographen das Niveau von Goethes „Leiden des jungen Werther“. Ein Volksfreund war dieser konservative Monarchist ohnehin, denn er „scheute keineswegs den Umgang mit einfachen Leuten. Er war nicht der Höfling, dem deren Meinung gleichgültig war ...“. Die schöne heile Metternich-Welt des Historikers Siemann leuchtet Seite für Seite beredt auf.

Metternich war ein bedeutender Staatsmann. Seine Politik trug dazu bei, den Selbstmord der europäischen Monarchien einige Jahrzehnte hinauszuschieben. Der Preis für diese Politik war die Unterdrückung demokratischer Freiheitsbestrebungen. Am Ende explodierte der Kessel, dessen Deckel Politiker wie Metternich festgeschraubt hatten. Die nationalistischen Verirrungen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren nicht zuletzt auch eine Folge der Verweigerung der Monarchien und ihrer Regierungen, sich der gesellschaftlichen Moderne zu stellen. Die Kritiker dieser Politik aber sind für Siemann stets „Metternich-Hasser“. Unangenehm häufig unterstellt er den Zunftkollegen, sie hätten die Dokumente eben nicht so genau gelesen wie er. Dabei beruft er sich bei seiner Heldenverehrung in erster Linie auf die nachgelassenen Schriften und Briefe Metternichs. Wie sähe eine Darstellung der frühen Jahre der Bonner Republik aus, wenn als zentraler Beleg Adenauers Memoiren verwendet würden?

Bücher wie dieses schrieb man, als die Götter noch unsterblich waren und die Mächtigen bestimmten, wie die Untertanen über sie und ihr Werk zu denken hatten. In Zeiten, in denen die Aufklärung immerhin noch ein Angebot ist, erstaunen sie.

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