+
Möchte seinen RAF-Roman als Liebesgeschichte gelesen haben: Christoph Hein.

Ein Held aus dem Hause Hein

Zwischen Rechtsprechung und Rechtsgefühl: Christoph Heins neues Buch "In seiner frühen Kindheit ein Garten" ist nicht nur ein RAF-Roman

Von MARTIN LÜDKE

Wieder ist Deutschland ein Stück weiter zusammen gewachsen. Nach Christa Wolf (Leibhaftig) ist nun auch Christoph Hein, einer der wichtigsten Schriftsteller der DDR, endgültig (und leibhaftig) in der Bundesrepublik Deutschland angekommen, und zwar genau dort, wo einst, etwas verächtlich, von unserer FDGO, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gesprochen wurde, einem ersichtlich mangelhaften  politisch-rechtlichen System, für das sich aber noch keine Alternative gefunden hat. Dieser Befund lässt sich Heins neuem Roman ablesen: In seiner frühen Kindheit ein Garten.

Nur geht der Roman in dem Befund nicht auf. Hein selbst möchte ihn, gewiss auch augenzwinkernd, aber zu Recht, als Liebesgeschichte gelesen haben. Wie zuletzt in Landnahme wird auch in dem neuen Roman die soziale und politische Problematik aus den individuellen Reaktionen der Figuren heraus entwickelt. Das mag man für antiquiert halten. Doch schärft es den Blick auf unsere Verhältnisse.

Das Buch greift einen bekannten und brisanten Fall auf. Am späten Nachmittag des 27. Juni 1993, einem Sonntag, melden die Nachrichtenagenturen, dass bei einem Schusswechsel in der Nähe des Schweriner Sees, auf dem Gelände des Bahnhofs von Bad Kleinen, die beiden RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams festgenommen worden sind. Grams habe dabei lebensgefährliche Verletzungen erlitten. Ein Beamter der GSG 9 sei bei dieser Aktion ums Leben gekommen. Ergänzend heißt es wenig später, Grams sei gegen 18 Uhr in der Uni-Klinik Lübeck seinen Verletzungen erlegen. Die erste Meldung wurde in der Folge vielfach korrigiert. Behauptet wurde: Grams habe zuerst den Beamten erschossen, dann sich auf den Gleisen des Bahnhofs selbst getötet. Schließlich lässt die Bundesanwaltschaft wissen, der Beamte sei versehentlich durch einen Kollegen getötet, der Terrorist durch einen Kopfschuss, der "nicht" aus seiner eigenen Waffe abgegeben wurde, erschossen worden. 

Ein Informationsdesaster. Eine Nachrichtensperre wurde verhängt. Videoaufnahmen, die es gab, verschwanden spurlos. Beweise wurden vernichtet. Eine widersprüchliche Darstellung ersetzte die andere. Die Konsequenz: Der damalige Bundesinnenminister trat zurück. Der Generalbundesanwalt wurde entlassen, Beamte wurden zur Rechenschaft gezogen. Aber: Was wirklich geschah, bleibt bis heute im Dunkeln. Klar ist nur, dass einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

Ist das Stoff für einen Roman? Für einen Thriller vielleicht. Aber können die Fragen, die sich in dem Skandal um die Tötung von Wolfgang Grams stellen, über das moralische Empfinden hinaus auch auf ein ästhetisches Interesse rechnen? Eher nicht. Lässt es sich bei der psychologischen Aufbereitung dieses Skandals vermeiden, ins Triviale abzugleiten?

William Gaddis, der amerikanische Erzähler, beginnt seinen großen Justiz-Roman Letzte Instanz mit der lapidaren Bemerkung: "Gerechtigkeit gibt's im Jenseits, hier auf Erden gibt's das Recht." Hein weiß das, er gibt sich aber mit dieser Feststellung nicht zufrieden. Er übernimmt den juristisch umstrittenen Sachverhalt getreu den vorliegenden Akten, rückt ihn aber - sein Kunstgriff - in einen neuen, durch und durch fiktiven Zusammenhang. Der Stoff, den der Fall Grams bietet, dient ihm auf diese Weise als Ausgangspunkt und Motor einer ganz anderen Geschichte.

Selbstbild einer Familie

Dr. Richard Zurek, der ein beruflich erfolgreiches Leben als Gymnasialdirektor hinter sich hat, sicher ein guter Lehrer, wohl auch ein guter Vater war, wird von den Umständen, unter denen sein Sohn Oliver ums Leben kam, zunehmend irritiert. Damit beginnt zögerlich, fast stockend eine Entwicklung, die am Ende Kohlhaas'sche Züge annimmt. Die Grundsätze, ja die ganze Lebensauffassung des alten Herrn werden mehr und mehr in Frage gestellt. Der Titel, In seiner frühen Kindheit ein Garten, verweist nicht nur auf den utopischen Überschuss, den jede Kindheit produziert, sondern auch auf das idyllische Selbstbild der Familie, das nach dem gewaltsamen Tod des Sohnes zerbricht. Zur Trauer kommt die Enttäuschung. Das Verhalten der Medien hat die Zureks nicht weiter überraschen können. (Olivers Freundin heißt hier nicht Hogefeld, sondern - ein Gruß von Heinrich Böll - Katharina Blumenschläger.) Darauf waren sie, trotz übler Auswüchse gefasst. "Mutter eines Monsters" etwa stand unter einem Bild von Frau Zurek. Womit sie nicht gerechnet hatten, war das üble Spiel der staatlichen Behörden.

Und hier zeigt sich Richard Zurek als wahrer Held aus dem Hause Hein. Der Direktor beginnt, gestützt von einer Moralität, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, seinen Kampf um Gerechtigkeit - für seinen Sohn. Hein versteht es, plakative Zuschreibungen zu vermeiden, Zwischentöne und Ambivalenzen herauszustellen. Der alte Mann weiß auch um das Unrecht, das allen Überlebenden anhaftet. Der theologische Horizont, vor dem sich solche Fragen stellen, wird sichtbar. Zurek fühlt sich verpflichtet, seinen Sohn vor ungerechtfertigten Schuldzuweisungen zu schützen. Aus dem gleichen Grund, aus dem er, keineswegs blind, doch etwas zu arglos, dem Staat vertraut hatte, kämpft er jetzt mit rechtlichen Mitteln gegen diesen Staat um Aufklärung. Die Entwicklung, die der alte Direktor dadurch nimmt, verändert sein Weltbild und damit sein ganzes Leben, auch das Verhältnis zu seiner Frau und den beiden anderen Kindern. Es ist verblüffend, mit welch sparsamen Mitteln, etwa einer fast spröde zu nennenden Sprache, Christoph Hein diesen Prozess einer mentalen Radikalisierung im und am Alltag dieses alten Ehepaars buchstäblich spürbar zu machen versteht.

Anfangs fragte sich der alte Herr, was er in der Erziehung alles falsch gemacht habe. Er suchte die Schuld bei sich. Für die politischen Ansichten seines Sohnes konnte er nie die geringste Sympathie aufbringen. Doch am Ende ist er -  fast! - so weit, die extreme Radikalisierung seines Sohnes nachzuvollziehen. Wer weiß, fragt er sich, was er getan hätte beziehungsweise tun würde, wenn er jünger wäre.

Auf diese Weise geht es plötzlich nicht mehr um richtige oder falsche Tatsachenbehauptungen, nicht einmal um den Politskandal, der damals die Bundesrepublik  erschütterte, sondern wieder um die Grundlagen unserer Rechtsordnung: Recht und Gerechtigkeit. Und um die gegenwärtigen Bedingungen, unter denen beides zu haben ist. Richard Zurek verzweifelt fast an diesen Verhältnissen. "Wo leben wir eigentlich?", fragt er eines Tages seinen Rechtsanwalt, der ihn überrascht ansieht und dann erwidert: "Ja, so ist es, Herr Zurek, wo leben wir?" Die strafrechtlichen Möglichkeiten sind erschöpft. Auch der letzte Widerspruch wurde abgewiesen. Alle Ermittlungen sind eingestellt. Doch nun kommt es zu einer wundersamen Volte. Zurek wird nicht wie Kleists Kohlhaas zum "Märtyrer seines Rechtsgefühls", sondern zum Repräsentanten unserer Zivilgesellschaft.

Ohnmacht und Unrecht

Gerechtigkeit besteht einem Wort Luhmanns zufolge im gleichen Verfahren für jedermann. Wenn alle über den gleichen Kamm geschoren werden, spielt die Länge der Haare keine Rolle mehr. Das mag unbefriedigend sein, es ist aber so. Auch Kleists Kohlhaas erlebt schließlich den Tag, an dem ihm "Recht geschieht", und das im doppelten Sinn. Er bekommt seine Pferde zurück, gesund und wohlgenährt. Und dann, auch das rechtens, wird er geköpft.

Das explosive Gemisch, das dort entsteht, wo in einer Person Ohnmacht und Unrecht zusammenstoßen, lässt sich in unseren Gesellschaften, zum Glück, meist mit rechtlichen Mitteln wieder entschärfen. So bekommt auch Zurek sein Recht. Das Landgericht Bonn, das die Klage auf Erstattung der Beerdigungskosten zurückweist, attestiert seinem Sohn in der (verklausulierten) Begründung des Urteils, worauf es dem Vater ankam: Sein Sohn war kein Mörder und auch kein Selbstmörder. Trotzdem nimmt der seriöse alte Gymnasialdirektor in einer Rede vor Schülern seines ehemaligen Gymnasiums öffentlich seinen Amtseid zurück. Danach fühlt er sich "unternehmungslustig" wie seit langem nicht mehr.

Dieser neue Roman zeigt uns wieder den alten Christoph Hein, auf einer neuen Stufe seiner Entwicklung. In den Auseinandersetzungen um seine Bestellung zum Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, dem Rücktritt noch vor Antritt, hatte der Autor keine glückliche Figur abgegeben. Da stand die Mauer im Kopf im Weg. Der neue Roman ist weiter. Er ist zu einem Lehrstück geworden. Zu einer Geschichte, die uns anrührt. Mehr noch - zu Geschichte, die uns angeht.

Christoph Hein: "In seiner frühen Kindheit ein Garten". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005, 271 Seiten, 17,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion