Heitere Hyperanarcholepsie

Lars Gustafssons und Agneta Blomqvists Lexikon über die Tatsachen des Lebens

Von Sven Hanuschek

Lexika müssen nicht mehr gedruckt werden, sie veralten schnell und können in den neuen Medien fortlaufend aktualisiert werden. Das alte Lexikon ist tot, haben sich Lars Gustafsson und seine Frau Agneta Blomqvist gesagt – es lebe das Lexikon! „Alles, was man braucht“ ist ein subjektives, ja ein Privat-Lexikon. Alles, was die beiden interessiert, was sie zu einem großen Teil ausmacht, das haben sie hier in alphabetischer Ordnung versammelt, eine chaotische Zufalls-Ordnung von „Abraxas“ bis „Zwillingschaft und andere Liebe“.

Das liest sich über weite Strecken wie ein Urlaubsbuch für Nordlandfahrer, der Ahorn und sein unschuldiger Kindersirup werden gefeiert, die schwedische Natur mit ihren geschützten Austern, den Hechten, Makrelen, Fliegenpilzen, Pfifferlingen und rotbraunen Milchlingen, mit ihren verschiedenen Arten von Schnee, dem Glück, im Meer zu schwimmen oder allein im Wald auf der Pilzjagd zu sein. Und wenn’s zu idyllisch wird mit der Herbstküche, den Ingwerbirnen und all den Genüssen aus der Küche und der Whiskyflasche, wird von einer Wolke erzählt, die 1953 einen Sturm mit pfundschweren Hagelkörnern losgelassen hat.

So kurzweilig dieses Pseudo-Lexikon geraten ist, es werden doch Lebensthemen Gustafssons verhandelt, die aus den Romanen und Essays vertraut sind, die philosophischen Fragen werden auch hier gestellt: Wer bin ich eigentlich? Wie orientiere ich mich in meiner Welt, was kann ich über sie wissen? Gibt es eine Syntax des Sehens, ist Zeit nur ein abgeleiteter Begriff?

Sein Faible für Sprachphilosophie ist auch in diesem Buch, das im Schwedischen „Herr Gustafssons familjebok“ heißt, nicht zu überlesen, wenngleich hier eher übermütig gewickelt – ein besonders rasantes Lemma handelt von der „Wortberauschung“, der Lust an Fremdwörtern und von der, eigene zu erfinden. „Ekterophilie“ ist demnach eine „sexuelle Abweichung, die sich in leidenschaftlicher Verliebtheit in außerirdische Wesen äußert“, und die neue Krankheit „Hyperanarcholepsie“ wird als überstarker Hang erklärt, „plötzlich in Unordnung zu verfallen“. Zwischen kleinen Abhandlungen über Descartes, Kant und Freud werden auch so existenzielle Fragen behandelt wie die, warum die Gießkannen immer ihre Brausen verlieren und ob die Venus von Willendorf womöglich keine Fruchtbarkeitsgöttin, sondern das Abbild eines jungen Fliegenpilzes darstellen könnte. Die Frage, ob es innerhalb einer absurden Existenz verschiedene Grade von Absurdität gibt, kann also schon allein durch den hyperanarcholeptischen Aufbau dieses Buchs bejaht werden.

Das Lexikon steckt voller Autobiographica beider Verfasser, Familiengeschichten der Vorfahren werden erzählt, eigene Lebensstationen – neben schwedischen Orten vor allem Austin und Berlin –, der früh verstorbenen Tochter wird gedacht, auch Geschmacksfragen spielen eine Rolle. Das Buch ist eine amüsante und anregende Lektüre, weil der persönliche Zugang immer sichtbar bleibt; sicher auch, weil Blomqvist und Gustafsson sich darauf beschränken, ihre Themen anzureißen, sie in der Schwebe belassen.

Am Spannendsten ist aber der untergründige Dialog zwischen Frau und Mann, der sich über das ganze Buch hinweg entspinnt und nur im vorletzten Eintrag, „Zusammenleben“, offen zutage tritt. Blomqvist zeigt sich in ihren Absätzen als linksliberale Grüne, die starke Naturerfahrungen mitteilt, als Hobby-Mykologin auf ihre Fundstellen im Wald stolz ist, nachkochbare Rezepte mitteilt und Feminismus selbstverständlich aus Erfahrungen ihrer eigenen Sozialisation herleitet. Aus der Lust am Paradoxen verteidigt sie die Choräle ihrer Kindheit und bedauert die spirituelle Verarmung ein bisschen, ihr Mann erscheint als jemand, der in sechzig Jahren Wesentliches über das alltägliche Leben nicht gelernt hat.

Er hingegen macht hämische Bemerkungen über grüne Dirigisten, gibt sich so wissenschaftsfreundlich wie abstraktionsfreudig und findet, Simone de Beauvoirs Analysen machten einen „seichten Gebrauch“ von der Unterscheidung zwischen Heidegger und Sartre, „zwischen dem Sein in sich und dem Sein an sich“. Das wechselseitige Gestichel wird erst am Ende benannt, Zusammenleben sei eben schwer; aber „es gibt etwas, das versöhnt, und das im Überfluss. Nämlich die Liebe“.

Es ist ein ganz und gar dem Leben zugewandtes Lexikon, in all seinen Volten, Brüchen, seiner offenen Benennung der Katastrophen und der Absurdität der menschlichen Existenz. Blomqvist und Gustafsson erinnern daran, dass es „keinerlei Grund“ gebe, sich um „seinen Nachruhm zu kümmern“. Schließlich wüssten die Toten nicht, dass es sie je gegeben hat, und das „ist eine der am häufigsten übersehenen Tatsachen des Lebens“.

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