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Heinz Strunk. Foto: Dennis Dirksen
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Heinz Strunk.

Longlist Deutscher Buchpreis

Heinz Strunk: „Es ist immer so schön mit dir“ – Mit Schonung ist nicht zu rechnen

  • VonStefan Michalzik
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„Es ist immer so schön mit dir“: Heinz Strunk schreibt ohne Filter, aber mit Sympathie über einen Mann, der strauchelt.

Ein schöner Spaziergang. Ein schöner Abend. Das schöne Kochen. Nach jedem Wochenende mit ihrem langjährigen Partner zieht Julia Bilanz, und es klingt ein wenig nach Winnie, der alten Frau im Erdhügel in Samuel Becketts „Glückliche Tage“. Dabei lässt „Es ist immer so schön mit dir“, der neue Roman von Heinz Strunk, wenig Zweifel daran, dass es auch mit Julias „glücklichen Tagen“ so weit nicht her sein kann. Dazu kommt, dass erotisch nicht mehr viel passiert, Versuche mit Reizwäsche und Sexspielzeug haben nicht gefruchtet. Kuscheln, Freundschaft und Gemütlichkeit sind an die Stelle des Verlangens getreten. Über den Namen des Mannes werden wir nicht informiert. Dabei ist er, wie sich erst nach einer Weile herausstellt, der eigentliche unheldische Held dieses Buches.

Um die literarische Qualität der Romane von Heinz Strunk hat es eine lebhafte Debatte gegeben. Strunk ist ein Vertreter der Kunst des Komischen, mit seinem 2016 veröffentlichten Roman „Der goldene Handschuh“ über den Serienmörder Fritz Honka bewegte er sich allerdings in anderen literarischen Gegenden. Bekannt wurde Strunk als Mitglied des Hamburger Komiker-/Musiker-Trios Studio Braun, aus der Herkunft von der Bühne mag sein Verständnis von Literatur als Entertainment resultieren, mit seinen Lesungen füllt er die größeren unter den Popclubs.

Auch in „Es ist immer so schön mit dir“ – soeben (s. oben) auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert – gibt es eine Reihe von Stellen, die ein Saalpublikum amüsieren werden. Das ist nicht ehrenrührig, zumal es bei Strunk immer um mehr ging als die Gaudi. Seine Figuren stehen meist auf der Schattenseite, bevorzugt handelt es sich um Männer, denen eine sexuelle Erfüllung versagt bleibt.

Der Mann im neuen Roman nun ist kein Außenseiter, sondern ein einigermaßen durchschnittlicher Vertreter der mittleren Generation. Einstmals Sänger einer Indierockband mit Anfangserfolg und hernach vergeigter Karriere. Heute ist er Mitte vierzig und ohne künstlerische Ambition. Als Betreiber eines Tonstudios mit mäßig kreativem Arbeitsalltag hat er gleichwohl ein Auskommen in der „Kreativbranche“ gefunden.

Das Buch

Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 288 Seiten, 22 Euro.

Die Turbulenzen und Nöte, in die Heinz Strunk ihn im Verlauf des Romans taumeln lässt, legen fast den Schluss nahe, Julia habe schlicht die – banale – Glücksformel gefunden: Zufrieden sein mit dem, was man hat. Wie auch immer: Mit Vanessa ist alles anders. Zwanzig Jahre jünger, spektakulär gutaussehend, irrsinnig toller Sex. Sie krebst als Schauspielerin zwischen Kleinbühnen und Jobs als Messehostess von Casting zu Casting. Dass sie es als Schauspielerin schaffen wird, glaubt der Mann nicht, auf Nachfrage versichert er es ihr aber. Schon bei Julia hat er notorisch gelogen, um den Frieden nicht zu stören. Wenn es eines gibt, worin er sich treu ist, dann das.

Bei Vanessa findet er Himmel und Hölle in einem. Ihre Psyche ist schwer angeknackst, sie ist magersüchtig, ihr Verhalten ihm gegenüber ist derart fatal zwiespältig, dass dem Mann stets die Angst im Nacken sitzt, er könne etwas falsch machen und sie – bloß das nicht! – verlieren. Im Übrigen erwartet sie, dass er ständig zahlt. Das geht über seine Möglichkeiten, der Ruin lauert.

Was Aussehen, was Körpergerüche und andere Ekligkeiten angeht, ist bei Heinz Strunk mit Schonung nicht zu rechnen. Als „farblos wie eine Maus und massig wie ein Pudding“ wird beiläufig eine Kellnerin beschrieben. Doch das ist nicht vernichtend, sondern einfach ungefiltert. Beim Vorbeugen riecht die Kellnerin nach kaltem Schweiß, bei allem jedoch findet der Mann sie sofort sympathisch.

So traurig, so unterhaltsam

Das Buch ist in prägnanten Episoden erzählt. Ob es sich um die Atmosphäre in einer abgerockten Kneipe handelt, um eine Geburtstagsfeier in der Familie, die aus dem Ruder läuft – der Blick auf charakterisierende Einzelheiten des Milieus ist detailfreudig genau. Immer wieder steuert Heinz Strunk auf effektvolle Pointen zu, die er sicher und lässig serviert, doch ist dieser stringent gebaute Roman mehr als ein 300-seitiges Pointenfeuerwerk. Dieser Mittlebens-Strauchler auf der Suche nach dem verlorenen Glück ist eine traurige Figur, zugleich gehört dieses Buch – was für eine schätzenswerte Qualität! – zum unterhaltsamsten, was sich in der deutschsprachigen Literatur derzeit finden lässt.

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