Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Heinrich Mann (1871–1950) auf einem Bild von 1931.
+
Heinrich Mann (1871–1950) auf einem Bild von 1931.

150. Geburtstag

Heinrich Mann: „Wir wollen an die Zunahme der Menschlichkeit glauben“

  • VonWilhelm v. Sternburg
    schließen

Zum 150. Geburtstag des Schriftstellers und weitsichtigen Humanisten Heinrich Mann.

Am 18. Januar 1871, knapp zehn Wochen vor der Geburt des Schriftstellers Heinrich Mann am 27. März, wird im Versailler Spiegelsaal das deutsche Kaiserreich ausgerufen. Als der Sohn eines Lübecker Senators und Großbürgers am 11. März 1950 in Santa Monica stirbt – im nordamerikanischen Exil vereinsamt und nach längerem Zögern auf dem Sprung, in die DDR zu übersiedeln, um dort das neugeschaffene Amt des Präsidenten der Akademie der Künste zu übernehmen –, ist Bismarcks Schöpfung bereits wieder untergegangen. Das politisch geteilte Deutschland liegt immer noch weitgehend in Trümmern, Manns Landsleute sind moralisch auf eine Weise diskreditiert, wie es in der Geschichte der Völker bis dahin ohne Beispiel gewesen ist.

„Unverkennbar begleiten diese und andere wilde Zeichen die hoffnungsvollsten Augenblicke der Zivilisation“, schreibt er dennoch im Schlusskapitel seines mit zahlreichen autobiographischen Einschüben versehenen Alterswerks „Ein Zeitalter wird besichtigt“. Seine humanistischen Überzeugungen, sein von Nietzsche übernommener Glaube an die Macht des Geistes und die Kraft des Wortes überlebten selbst zwei Weltkriege und den Fall Deutschlands in die Barbarei. Schon als junger Autor spricht er einmal davon, dass die Darstellung der Wahrheit „das wahrhafte ideale Bestreben des Dichters sein (soll)“. 1909, er hat gerade seinen Roman „Die kleine Stadt“ veröffentlicht, teilt er einem Freund mit: „Wir wollen glauben: an die Zunahme der Menschlichkeit glauben, trotz unserem Wissen vom Menschen ... .“ Selbst 1933, er ist bereits im französischen Exil, schreibt er in einem Essay: „Es liegt an Menschen, an ihrer Bereitschaft und ihrem Willen, ob ein Zeitalter der Vernunft anbricht.“

Seine neben Nietzsche wichtigsten Lehrer kommen aus Frankreich, das nach seinen italienischen Jahren für ihn geistig zur zweiten Heimat wird: Sie heißen Jean-Jacques Rousseau (er legt die Grundlagen seines Glaubens, dass der Mensch „erziehbar“ sei), Gustav Flaubert (er führt ihn zur Überwindung des Ästhetizismus), Honoré de Balzac (er lässt ihn die Abgründe des modernen Materialismus erkennen) und Émile Zola (er schärft seinen Blick für das Politische und das Soziale).

In der Französischen Revolution sieht er den gesellschaftlichen Durchbruch von Freiheit und Brüderlichkeit. Die russische Oktoberrevolution, so ist er überzeugt, wird den Weg zur schon 1789 beschworenen Gleichheit öffnen. Ein dogmatischer Kommunist ist er gleichwohl nie geworden. Im Gegenteil: „Diktatur selbst der am weitesten Vorgeschrittenen bleibt Diktatur und endet in Katastrophen.“ Sein Schreiben gilt einer Zukunft, in der die Freiheit des Individuums respektiert wird und die intellektuelle Skepsis eine Toleranz ermöglicht, die den Fanatismus starrer Überzeugungen besiegt.

Schon zu Lebzeiten wird Heinrich Mann von den „Realpolitikern“ unter seinen Lesern als Idealist und Träumer belächelt. Seine Hinwendung zum Sozialismus reißt die Ideologen dann auch in den Jahren des Ost-West-Konflikts zu heftigen Verdammungsurteilen hin, die vor seinem literarischen Werk oftmals nicht haltmachen. Seine Bekenntnisse zur Sinnlichkeit als Teil des menschlichen Lebens und ihre Darstellung in vielen seiner Romane empört bereits in den wilhelminischen Jahren die heuchlerischen Puritaner. Der Abdruck des Romans „Der Untertan“ in der Zeitschrift „Zeit im Bild“ wird kurz vor Kriegsausbruch am 13. August 1914 abgebrochen. Die Satire über die wilhelminische Gesellschaft ist für die berauschten Nationalisten untragbar geworden. Das Buch kann erst 1919 erscheinen und wird sein größter Erfolg.

Es stimmt, Heinrich Mann hat sich in manchen Fragen geirrt, sowohl die komplizierte Balance zwischen individueller Freiheit und Gewalt unterschätzt als auch die Machtproblematik bei der Erziehung des Menschen zum „Guten“. Auch sein Plädoyer für eine Diktatur der Vernunft vergisst den Zwang, der hinter einer solchen Forderung stehen kann. Später will er die Rolle Stalins und der von diesem in Gang gesetzten Schauprozesse nicht zur Kenntnis nehmen. In den 30ern ist er ein prominenter und energischer Unterstützer der Volksfrontpolitik und erkennt dabei lange nicht, welches Doppelspiel auch die deutschen Kommunisten unter der Führung von Walter Ulbricht dabei treiben.

Heinrich Mann schreibt im Übrigen nicht nur bedeutende Romane, sondern auch Prosa, die nicht frei von Kolportage bleibt. Aber kaum ein anderer deutschsprachiger Autor seiner Zeit hat die politischen und gesellschaftlichen Abgründe in den Jahrzehnten tiefster Umbrüche dann so präzise, unbestechlich, illusionslos und unterhaltsam dargestellt wie dieser immer wieder von Krankheiten, materiellen Schwierigkeiten oder persönlichen Konflikten heimgesuchte Schriftsteller. Viele Jahre lebt er einsam und lange erfolglos irgendwo in Europa (in Rom, in Florenz, in Riva, in Paris, in München) in kleinen Pensions- und Hotelzimmern und schreibt – häufig im Schaffensrausch – Roman für Roman, Essay für Essay.

Die Weimarer Jahre bringen endlich den ersehnten Ruhm. In der unruhigen Republik zählt Heinrich Mann rasch zu den wichtigen demokratischen Repräsentanten der Literatur. Er wird mit Ehrenämtern überhäuft, hält zahllose Vorträge im In- und Ausland und wird Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste. 1932 schlägt ihn Kurt Hiller in der „Weltbühne“ gar als Kandidaten für die Wahl des Reichspräsidenten vor, um Hindenburg oder Hitler zu verhindern. „Aber Deutschland hat Heinrich Mann“, heißt es trotzig und voller Illusionen im kleinen roten Heftchen, das von Carl von Ossietzky geleitet wird.

Neue Bücher

Günther Rüther: Heinrich Mann. Ein politischer Träumer. Biographie. Marix, Wiesbaden 2020. 350 Seiten, 24 Euro.

Heinrich Mann: Anfang und Ziel ist der Mensch. Texte eines Idealisten. Hrsg. v. Günther Rüther. Marix, Wiesbaden 2021. 272 Seiten, 16 Euro. Ein Lesebuch, das in Leben und Werk einführt.

Heinrich Mann: Der Untertan. Roman. Hrsg. v. Ariane Martin. S. Fischer,, Frankfurt a. M. 2021. 640 Seiten, 48 Euro. Neuauflage mit einem umfangreichen Bild- und Materialanhang.

Heinrich Mann – wohlwissend, dass der Handelnde auch immer schuldig wird – beklagt schon in den Jahren des Kaiserreiches, dass die Trennung von Geist und Tat in Deutschland wie ein Gesetz wirke. In „Die kleine Stadt“ bekennt eine seiner Figuren: „Und schließlich ist es, für einen Mann wie für ein Volk, ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf halbem Wege unterzugehen, als immer weiterzuleben, ohne Schuld, weil ohne Tat.“ Er kritisiert die selbstverschuldete „ungeheuer anwachsende Entfernung, die die deutschen Geister vom Volk trennt“. Er versucht dieses „Gesetz“ zu durchbrechen, hält in den Weimarer Jahren zahlreiche Vorträge und verfasst Zeitungsartikel zu den politischen Fragen der Zeit.

Der Humanist Heinrich Mann ist geistig einen weiten Weg gegangen. Er reicht von der Dekadenz und dem Symbolismus und Ästhetizismus seiner frühen Schriftstellerjahre bis zum Realismus, der dann die großen Romane charakterisiert, die er am Ende des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik veröffentlicht. 1896 verirrt er sich mit Mitte 20 kurzfristig sogar als Herausgeber einer reaktionären, nationalistischen und antisemitischen Zeitschrift („Das zwanzigste Jahrhundert“) in eine Gedankenwelt, die er später gerne verdrängt. Schlimme Sätze hat er damals formuliert. „Für uns bedeutet heute der Krieg ein Vorbild der wahren Ordnung und im höheren Sinne der Ordnung selbst.“ Er scheut sich nicht, über nach Deutschland geflohene Juden zu sagen, sie seien „mit einem Haufen schmutziger Wäsche (in mehrfacher Bedeutung) von Osten her bei uns eingefallen“. Mit Blick auf August Bebels Forderung einer sozialistischen Umgestaltung des Staates warnt er vor einer „Proletentyrannei“. Ein Kind seiner Zeit ist er damals. Aber im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute wacht er als Erwachsener rechtzeitig auf.

So wird Heinrich Mann zu Beginn des neuen Jahrhunderts zunehmend ein scharfer Kritiker der Monarchie. „Frei sein heißt“, schreibt er 1910, „gerecht und wahr sein; heißt, es bis zu dem Grad sein, daß man Ungleichheit nicht mehr erträgt.“ In den Weimarer Jahren kämpft er für die Demokratie und warnt vor der Herrschaft der Gewalt: „Das Reich der falschen Deutschen und falschen Sozialisten wird gewiß unter Blutvergießen errichtet werden, aber das ist noch nichts gegen das Blut, das fließen wird bei seinem Sturz“ (1931).

Mit dem Essay „Geist und Macht“ hatte am Anfang des neuen Jahrhunderts seine Umkehr begonnen. Auch als Romancier verfestigt sich seine Kritik an der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Kaiserreiches. Schon im 1900 erschienenen Roman „Im Schlaraffenland“ karikiert er die Gesellschaft „der feinen Leute“, die im Geldrausch versunken ist. „Professor Unrat“ (1905 – später als Film „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich als Lola Lola ein Welterfolg) wird ebenfalls zur Abrechnung mit dem Materialismus. „Die kleine Stadt“ (1910) ist Heinrich Manns literarische Hymne auf die Demokratie. „Der Untertan“ – die Geschichte des Diederich Heßling, „ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“ – ist die wohl gelungenste Satire auf die wilhelminische Epoche. Die „sozialen“ Romane der Weimarer Jahre nähern sich tatsächlich ein wenig der Kolportage. Dann das Meisterwerk, geschrieben in Nizza, wo er seit 1933 im Exil lebt: Der zweibändige Roman über den französischen König „Henri Quatre“. In ihm zeigt sich die Summe der politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Überzeugungen des Dichters Heinrich Mann.

Unübersehbar sind die privaten Schatten über diesem Leben. Die geliebte Schwester bringt sich um (eine zweite Schwester geht den gleichen Weg). Manns erste Ehefrau überlebt das Konzentrationslager Theresienstadt, stirbt aber wenige Tage nach ihrer Befreiung an den Folgen der Haft. Seine zweite Ehefrau, die Fischerstochter Nelly Kröger, begleitet ihn tapfer ins Exil, verzweifelt an Depressionen und der Einsamkeit in einem fremden Land und nimmt sich ebenfalls das Leben.

Der Zwist mit dem jüngeren und bald als Literat erfolgreicheren Bruder verdunkelt über Jahre die Beziehung. Thomas Manns rückwärtsgewandte Gedanken zu Krieg und Demokratie, die in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ gesammelt sind („Der deutsche Obrigkeitsstaat ist die dem deutschen Volk angemessene, zukömmliche und gewollte Staatsform“), zeigen die Kluft, die sich zwischen dem „Zivilisationsliteraten“ (so Thomas über Heinrich) und dem „vertrockneten Literaten“ (so Heinrich über Thomas) angesichts des Kriegsausbruchs aufgetan hat.

Schon vorher kommt es zu einer wachsenden Entfremdung: Thomas, der zeitlebens mit seiner latenten Homosexualität kämpft, flieht nach seiner Einheirat in die wohlhabende jüdische Familie Pringsheim in die Bürgerlichkeit. Auf das ruhelose Leben des Bruders und auf dessen der Familie vorgestellte Frauen reagiert er zunehmend mit abwehrender, kränkender Geste. Thomas wird sich erst 1922 zur Republik bekennen, und eine lebensgefährliche Erkrankung Heinrichs bringt dann eine vorsichtige Wiederannäherung. Später im amerikanischen Exil wird Thomas den in materielle Bedrängnis geratenen älteren Bruder unterstützen. Aber eine wirkliche Versöhnung wird es nicht geben.

Ein ruheloses Leben. Heinrich Mann bleibt ein Einzelgänger – geprägt von der Liebe zur Literatur und zur Musik (Heinrich Mann verehrt zeitlebens die Opern von Giacomo Puccini), gezeichnet von der Jagd nach Liebe (schon der Jüngling besucht die Lübecker Hafenbordelle, und wo immer er später ist, streift er nachts durch die Straßen auf der Suche nach Prostituierten), getrieben von der Flucht in die Arbeit, die ihn bis zum körperlichen Zusammenbruch in Atem hält. Wie der Bruder in die Kleider des bürgerlichen Repräsentanten schlüpft, um die ihn beängstigenden Triebe zu beherrschen, trägt Heinrich die Maske des Patriziersohnes und stoischen Kosmopoliten.

Aber seine großen Romane und seine brillanten Essays haben auch für die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts nichts an Aktualität verloren. Der Kampf um die Freiheit des Geistes, das Handeln der intellektuellen Eliten und die Abwehr rassistischen Denkens bleiben bis in unsere Tage eine Herausforderung. Befreiung, erkennt Heinrich Mann, bedeutet nicht Gleichheit. „Beim Absprung ins Leben seien alle gleich“, heißt es in „Ein Zeitalter wird besichtigt“: „Aber setze dich durch, wenn du in Wirklichkeit benachteiligt, wenn du arm geboren, in Unwissenheit gelassen und womöglich von dunkler Hautfarbe bist!“

Heinrich Mann (l.) mit seinem jüngeren Bruder Thomas (Foto ca. 1927).

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare