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Alfred Kerr, hier mit seiner zweiten Frau Julie und den Kindern Michael und Anna Judith. Das Foto entstand um 1928.

Alfred Kerr Biografie

Heines Nachfahr

Deborah Vietor-Engländer legt eine überzeugende Biografie des Autors und einstigen Star-Kritikers Alfred Kerr vor.

Von Harro Zimmermann

Dass er als „Klassikerr“ der Literaturgeschichte zu gelten habe, war diesem großen deutsch-jüdischen Schriftsteller schon in den dreißiger Jahren bewusst, allerdings würde die Welt darauf noch eine Weile warten müssen – „Einst im Vierten Reich (nach dem Verrecken)“. Alfred Kerr sollte Recht behalten. Dennoch muss man sagen, dass dieser so umjubelte wie verketzerte Star der Intellektuellenszene des frühen 20. Jahrhunderts im deutschen Kulturgedächtnis nach 1945 ein eher karges Dasein fristete. Selbst an einem Kerr schien sich zu bewahrheiten, dass der Kritiker seine Zeit nur selten überlebt.

Immerhin, der verdienstvollen achtbändigen Werkausgabe bei S. Fischer folgt nun die lang erwartete, erste, so inspirierte wie gründliche Kerr-Biografie von Deborah Vietor-Engländer. Mit Zuneigung und Respekt begegnet die Autorin ihrem Protagonisten, aber es fehlt ihr nicht an Belegen und Argumenten für diese akribisch sympathisierenden Erkundungen zu Biografie, Werk und Zeitumständen des Verehrten.

Alfred Kerr – was für ein Sprachmagier und Literaturmaniac im Geiste romantischer Aufklärung, ein Streithahn und Selbstdarsteller ohnegleichen, ein Zeit-Reisender und Genussmensch, ein tragisch Vielliebender und doch zärtlicher Familienvater, ein Deutscher von hohem jüdischem Kulturstolz, ein mutiger republikanischer Pamphletist und Antifaschist, und vor allem – was für ein begnadeter Theaterenthusiast. Kerr, das heißt für seine Biographin „Temperament, Wachheit, Biss, Kürze, Prägnanz, Wortkraft und treffender Witz. (…) Er war das Original. Unvergleichbar, in Form und Sprache. Wie ein Markenartikel stand seine Kritik in der Abendausgabe der Zeitung.“ Aber Vietor-Engländer ist nicht nur die getreue Rekonstrukteurin dieser Vita, sondern auf einleuchtende Weise inspiriert von der Sprachmusik der Kerr-Texte, vom pulsierenden Aus-druckstemperament dieser eminenten Künstler-Persönlichkeit. Wenn es den Rang einer Biografie ausmacht, inwieweit die wechselseitige Durchdringung von Persönlichkeit und Stilvermögen, von Werkevolution und Zeitverhältnissen gelingt, dann liegt mit diesem Buch ein sehr überzeugendes Genre-Exemplar vor.

Der 1867 in Breslau geborene Alfred Kempner, seit 1909 nennt er sich Kerr, studiert in seiner Heimatstadt und in Berlin deutsche Literaturwissenschaft. Bereits der Studiosus brilliert mit einem Aufsatz über den Bühnenautor Lessing, er promoviert über Clemens von Brentanos Roman „Godwi“ und will schon damals von allem germanistischen Positivismus nichts wissen, vielmehr hängt er mit „Lust und Trauer an der romantischen Herrlichkeit“.

Die Insistenz auf dem Kunstauratischen, jenem „Ewigkeitszug“ in der Poesie, sollte bald auch seine theater- und kulturkritische Denkschärfe, seine berüchtigten analytisch-polemischen Emphasen auszeichnen. Der alte Fontane liest die Rezensionen des angehenden Kritikers mit großem Vergnügen – welch ein Ritterschlag. Hingegen muss der junge Mann seine eigenen literarischen Versuche, ebenso seinen Wunsch, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, ohne Wenn und Aber aufgeben. Etwas anderes gilt für seine „Berliner Briefe“, die bald zur Zeitungsattraktion werden und ihn bekannt machen sollten. Mit sensiblem Gespür erkundet er die flirrende demokratische Massenkultur der preußischen Hauptstadt, und zunehmend reüssiert dieser Junggeselle in der guten Gesellschaft. Er tut sich als Verächter allen wilhelminischen Schwulstes hervor, unternimmt erste Reisen, und beginnt 1895 seinen turbulenten, oft existenzbedrohenden Profilierungskampf als Kritiker in der leuchtenden Theater-Szene Berlins.

Inmitten des ideologisch aufgewühlten Deutschland nehmen Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Hermann Sudermann, Max Reinhardt, Erwin Piscator, Ödön von Horváth, Bertolt Brecht – die Granden der damaligen Bühnenwelt – seine fieberhafte Aufmerksamkeit in Anspruch. Kerr will den Theaterwust ordnen, die Formen und Maßstäbe der Kunstmodernität klären und bewusst machen, er möchte zeigen, welche Veränderungen ästhetisch, im Zuschauerbewusstsein und in den Zeitverhältnissen gerade vor sich gehen.

Zum Theater verführt wurde der junge Kritiker durch Schnitzler, den Liebesanalysten und Provokateur der Spießermoral, zu seinen frühen Hausgöttern sollten dann vor allem die Seelendramatiker Hauptmann und Ibsen gehören, später die Neuerer Reinhardt, Piscator und Horváth. Beim linken Lehrdichter Brecht vermisst er lange das „Menschen-Drama“, selbst „Die Mutter“ hält er für ein kommunistisches „Idiotenstück“, in dem Alles „erkenn-, aber nicht miterlebbar“ sei.

Dennoch, Alfred Kerr erscheint in diesem Buch zu Recht als ein „Erspürer des Wandels“, seine zahllosen Theaterrezensionen, auch seine diversen publizistischen Fehden und Skandale (mit Karl Kraus, Thomas Mann, Herbert Ihering, Hermann Sudermann) dokumentieren auf je eigene Weise, wie der Symbolismus sich allmählich durchsetzt gegen die einstige Avantgarde der naturalistischen Bühnenkunst und Literatur. Und was er zu Beginn seiner Karriere nie für möglich gehalten hätte, sollte noch vor Anbruch der Nazi-Zeit Wirklichkeit werden – der Romantiker Kerr plädiert für das politische Theater, für das „Zeitstück“, wenn es dem Dichter denn gelingt, der Kunstdignität die Reverenz zu erweisen.

Jahre bevor der berühmt-berüchtigte Kritiker zum eingreifenden Intellektuellen und antifa-schistischen Kämpfer, ja zum Propagandisten der Volksfront werden sollte, hatten ihn wegen seiner „Sprengungskraft“ schon die jungen Expressionisten zum Vorbild ausgerufen: „Dieser von der Natur eingesetzte, dieser herrliche ethische Jude – blond und mit blauen Augen, ihr Rassentrottel – gibt W e r t e!“, lautete Ludwig Rubiners Mahnung an seine Generation und ihre Verächter.

Erst recht die deutschen Ereignisse des Jahres 1933 lassen Alfred Kerr, den wortgewitzten Nachfahren Heinrich Heines, zum politischen Streiter werden. Auch im Radio wendet er sich nun gegen die „deutsch-national-völkische Rückwärtserei“ und ruft die Intellektuellen zur Tat auf: „Ihr werdet die Macht nur haben, wenn Ihr die große, einige Linke schafft. (…) Heute! Morgen ist es zu spät. Also los!“

Doch Kerrs Vision von der „Zivilisierung der Menschennatur“ sollte von den Nationalsozialisten kurzerhand ad absurdum geführt werden, schon bald sind die Theater „entjudet“ und ihre Protagonisten außer Landes getrieben. Auch Kerr steht auf den schwarzen Listen, er flieht über Prag in die Schweiz, von dort nach Paris und schließlich nach England – es folgt der Sturz ins Nichts. Am 12. Oktober 1948 stirbt Alfred Kerr verarmt, vereinsamt und nach mehreren Schlaganfällen in einem Militärhospital der britischen Armee in Hamburg.

Deborah Vietor-Engländer macht uns in ihrem Buch subtil und kenntnisreich zu Zeugen dieser Lebensreise eines großen deutschen Schriftstellers.

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