Roman

Der heimwehkranke, labile Dichter als leichte Beute

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„Eine Liebe in New York“, der abgründige Debütroman des Lyrikers Tadeusz Dabrowski.

Die Stimme der Fremden erinnert ihn an ein Satinbändchen. Der polnische Dichter auf USA-Lesereise fühlt sich geschmeichelt, als ihn eine attraktive blonde New Yorkerin auf sein Buch namens „schwarzes quadrat auf schwarzem grund“ anspricht: Ob der Titel auf Kasimir Malewitschs berühmtes Bild „Schwarzes Quadrat“ anspiele? Daraufhin lädt Tad, der Dichter, die Architektin Megan zu seiner nächsten Lesung ein. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht macht ihm Megan ein zwiespältiges Kompliment: Jungs aus Europa seien einfach viel angenehmer.

Der frisch verliebte, allerdings verheiratete Pole denkt sich nichts dabei. Auch nicht, als Megan ihm einen Band mit Kurzgeschichten von Lydia Davis überreicht. Viel später wird Tad erkennen, dass eine von Davis’ abgründigen Erzählungen exakt die Abfolge seiner aufregend seltsamen Erlebnisse mit Megan beschreibt. Hat ihn die kühle Schönheit mit den winzigen Nasenlöchern nur als Versuchskaninchen benutzt?

Der Lyriker Tadeusz Dabrowski macht keinen Hehl daraus, dass sein erster und bislang einziger Roman auf eigenen Erlebnissen beruht. „Eine Liebe in New York“ schildert einen transatlantischen Teufelskreis des Begehrens weitaus teuflischer, als es der klischeehafte deutsche Titel vermuten lässt. „Bezbronna kreska“ heißt das Buch im Original, hilf- oder wehrlose Linie. Tad erblickt dreizehn davon auf einer Zeichnung im Atelier der Architektin. Später beim Sex fallen sie ihm wieder ein, überblendet durch seinen eigenen Gedichtband: „War das, was ich tat, realer als ihre konzeptuelle Architektur, als ihre dreizehn Striche, als das, was zwischen den Zeilen meines Buches passierte, das auf ihrem Nachttisch lag, leicht gespreizt, mit einem Fleck auf dem Cover und Eselsohren?“

Als „gut trainierten Skeptiker“ bezeichnet Michael Krüger den 1979 als Sohn einer Deutschen in Danzig geborenen Lyriker, Essayisten, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Topos“ sowie Festivalkurator Tadeusz Dabrowski. In Dabrowskis Schreiben generieren sich die Dinge erst durch den Betrachter. Das gilt auf frappierende Weise auch für sein Romandebüt. Er bildet seine längst verflossene Liebe zu Megan in wilden Metaphern ab, wie sie nur einem Lyriker dieses Formats einfallen können. Sechs Gedichtbände hat er bislang vorgelegt, davon wurden zwei ins Deutsche übersetzt: „Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund“, übertragen von Andre Rudolph, Monika Rinck und Alexander Gumz, und „Die Bäume spielen Wald“.

Dabrowskis Poesie und Prosa schwebt stets zwischen Konkretion und Geheimnis, zwischen einem sich selbst in der modernen Welt reflektierenden lyrischen Ich und durchaus katholisch inspirierten Epiphanien. Einige seiner Gedichte wie „Fragmente einer Sprache der Liebe“, eine erotisch gewagte Neuinterpretation von René Magrittes Pfeifen-Gemälde, genießen in Polen Kultstatus: „Ich erwischte sie mit einem Pornoheft. Mit dem Finger / zeigte ich auf einen nackten Mann und fragte: Was / ist das? /Ceci n’est pas une pipe – antwortete sie und nahm mich / in die Klammer ihrer Schenkel ...“.

Vieles in Dabrowskis Gedichten und im aktuellen Roman erscheint zufällig, dabei ist die Syntax mit ihren Spannungsböden genauestens konstruiert. Dadurch werden die geschilderten Alltagsepiphanien sehr gut fassbar und prägen sich mit starken Bildern ein. Etwa, wenn der durch nächtliche Exzesse übermüdete Tad den Eindruck hat, „dass mein Polnisch und mein Englisch wie zwei leere Flaschen waren, die gegeneinanderschlagen im Einkaufsnetz eines betrunkenen Radfahrers, der über eine Serpentine aus Kopfsteinpflaster zum Spirituosengeschäft jagt, wo seine Lieblingsverkäuferin arbeitet“.

In seinem 2014 ebenfalls in der hervorragenden Übersetzung von Renate Schmidgall erschienenen Band „Die Bäume spielen Wald“ finden sich zahlreiche Reisegedichte. Bei einer ausgedehnten Lesetour durch die Vereinigten Staaten fühlt sich das lyrische Ich „einsam wie ein Horn“.

In dieser Ausgangssituation wird der labile, heimwehkranke Dichter für die berechnende Megan zur leichten Beute. Als sie seine Lesung besucht, behält sie ihren dicken Mantel an. Daraufhin fragt er sich, ob die Pragmatikerin aus der Neuen Welt etwa befürchte, von einer slawischen Träne benetzt zu werden? Megan mit ihrem Erdbeershampoo bleibt ihrem auf einmal brüsk verschmähten polnischen Lover fremd. Dieser erlebt einen transatlantischen Kulturschock der Gefühle, der sich nun zu einem sich selbst genussvoll dekonstruierenden, außergewöhnlichen Liebesroman materialisiert hat: „Ceci n’est pas une pipe“.

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