Heimweh. Sehnsucht.

Ernst Herbecks Gedichte, kongenial illustriert von Katrin Stangl

Von INA HARTWIG

Die Geschichte des schizophrenen Dichters Ernst Herbeck (1920 bis 1991) gleicht einem Wunder, allerdings einem traurigen Wunder. Denn die schwarze Stimmung, in die seine Krankheit ihn versetzte, vermochte der Sohn einfacher, rechtschaffener, bald überforderter Leute aus Niederösterreich nie loszuwerden. In den Gedichten Herbecks erfährt man in peinigender Klarheit, dass die psychische Krankheit für den Betroffenen stets spürbar bleibt. Sie ist ein gieriger innerer Schlund. Ein betäubendes Vergessen ist nicht vorgesehen. Der Patient ist nicht nur krank, er weiß es auch - und hätte doch so gern ein anderes Leben. "Sehnsucht" heißt eines von Herbecks Gedichten, aus dem jenes Gefühl des Ausgeschlossenseins vom guten Leben unmissverständlich spricht: "Sehnsüchtig warten die Mäderl auf/den Liebsten. Sehnsüchtig warten die Ur-/lauber, um nach Italien oder sonst ins/ Ausland zu fahren. Die Sehnsucht ist die/halbe Liebe. Sehnsüchtig warten die Pat-/ienten auf bessere Zeiten."

Treffen mit dem Wunderarzt

Trotzdem muss man von Glück sprechen im Falle Ernst Herbecks, denn er ist als mehr oder weniger Dauerpatient eines psychiatrischen Krankenhauses ein berühmter Dichter geworden, gefeiert von Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, W.G. Sebald oder Gerhard Roth. Das Glück lag jedoch nicht im Ruhm, sondern darin, den Arzt Leo Navratil getroffen zu haben, der ihn zum Schreiben anregte und aus der Sprachlosigkeit befreite. Ohne diesen Wunderarzt wäre alles anders gekommen, das ist gewiss. "Zufällig sind Ernst Herbeck und ich fast gleichzeitig im Frühjahr 1946 in die Heil- und Pflegeanstalt Gugging eingetreten, er als Patient, ich als frisch promovierter Arzt. Wir sind hierauf 45 Jahre miteinander in Verbindung gewesen", schreibt Leo Navratil im Nachwort zu dem Band Im Herbst da reiht der Feenwind, der 1992, ein Jahr nach dem Tod des Dichters, im Residenz Verlag erschienen ist.

Aus diesem sagenhaften Band mit Herbecks "Gesammelten Texten 1960-1991" hat Katrin Stangl nun eine kleine Auswahl getroffen und für die Reihe der "Tollen Hefte" illustriert. "Die Tollen Hefte" werden seit vielen Jahren von dem Hefte-Aficionado Armin Abmeier über die Büchergilde Gutenberg vertrieben; dieses jüngste Heft Wenn man so die Welt durchblickt mit den Herbeck-Gedichten in der Gestaltung Katrin Stangls wurde im April auf Platz 2 der SWR-Bestenliste gesetzt. Gut so. Zwar handelt es sich, wie gesagt, nicht um neue Gedichte - doch kann man allen, die mit dem Genie Ernst Herbecks noch nicht vertraut sind, nur empfehlen, sich diese Preziose anzuschaffen. Katrin Stangl präsentiert die Herbeck-Gedichte in leicht wankender Schreibmaschinen-Schrift, dazu hat sie Zeichnungen mit Buntstift, Filzstift und Bleistift angefertigt, die wie von Kinderhand wirken, das Ganze in der Anmutung eines Schulheftes.

Das Glück der anderen

Eine kongeniale visuelle Umsetzung. Denn man muss sich die Schreibarbeit des Patienten Herbeck tatsächlich wie eine Schulsituation vorstellen. Eines Tages fordert Leo Navratil den schweigsamen Herbeck auf, ein Gedicht zu schreiben. Er gibt ein Thema vor, und Herbeck - der seine ersten Texte unter dem Namen "Alexander" veröffentlicht - legt los. Nach ein bis zwei Stunden ist das Gedicht fertig. Wie eine ihm gestellte Aufgabe erledigt Herbeck das Schreiben, das ihm zur Gewohnheit wird. Aber nie schreibt er von sich aus. Navratil muss das unglaubliche Sprachgefühl, das unter der Krankheit (oder in der Krankheit?) schlummerte, gewittert haben; sein Buch Schizophrenie und Sprache (1966) sowie die Gründung des "Hauses der Künstler" in Gugging haben den Psychiater zu einem fast ebenso berühmten Mann gemacht wie den schizophrenen Poeten Herbeck, der 1978 sogar zum Mitglied der Grazer Autorenversammlung gewählt wurde. Sein Nachlass liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek.

Trotz seines schweren Sprachfehlers, Herbeck hatte eine Hasenscharte, las er gern aus seinen Texten vor. Ob seine Texte ihn glücklich machten, fragte einmal ein Besucher, und Herbeck soll geantwortet haben: "Sie machen alle Menschen glücklich."All das ist dem erwähnten Nachwort Leo Navratils zu entnehmen. Dem neuen Tollen Heft Wenn man so die Welt erblickt ist wiederum eine persönliche Erinnerung des Schriftstellers Gerhard Roth beigelegt, die sich vor allem mit Herbecks Traurigkeit beschäftigt: "Oft saßen wir stumm am Gang im ,Haus der Künstler' und rauchten eine Zigarette. Ich versuchte, ihm zu helfen, aber ich fürchte, dass ihm nicht zu helfen war."

Ernst Herbecks Gedicht "Heimweh" geht so: "Ich habe nicht nur Heimweh,/sondern sogar mehr. Das Heimweh/ist eine Qual außerstande./Man kann die Auswärtigkeit/nicht aushalten. Ich/möchte gerne heim." Mit einer schwarzweißen Gefängnisburg hat Katrin Stangl diese Verse illustriert.

Ernst Herbeck / Katrin Stangl:"Wenn man so die Welt durchblickt."Gedichte. Die Tollen Hefte 26.Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2006, 32 Seiten und eine Beilage, 16,90 Euro.

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