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Feine Stoffe, unendliche Fülle: Helen Hessel entging nichts, als sie von den Catwalks von Paris berichtete.
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Feine Stoffe, unendliche Fülle: Helen Hessel entging nichts, als sie von den Catwalks von Paris berichtete.

Helen Hessel "Ich schreibe aus Paris"

Heimweh nach dem Chaos

„Ich schreibe aus Paris“: Die große Entdeckung der fabelhaften Helen Hessel, die einst nicht nur Modeschauen scharf im Blick behielt.

Von Carmen Böker

Das Glitzern in ihren eigenen, begierig umherschwirrenden Augen, das Sirren der anderen Menschen in den Cafés, das Flirren des Staubs auf der Straße: Alles bei Helen Hessel scheint mit Lebhaftigkeit und Leidenschaft und Lust an der Beobachtung aufgeladen zu sein. Jedes Detail leuchtet deshalb umso intensiver in ihren Sätzen, die eher galoppieren als flanieren: hier „eine nussglatte Nasenspitze, ein greller Lippenbogen“, da ein Veilchensträußchen, das dem schweren Kutschpferd ans Geschirr gesteckt worden ist. Hessel, die zwischen 1921 und 1938 für deutsche Zeitungen und Zeitschriften über die Mode aus Paris berichtet, nimmt Eindrücke auf wie eine Kamera mit weit geöffneter Blende. Nun sind ihre Texte unter dem beflügelten Titel „Ich schreibe aus Paris“ das erste Mal in einem umfangreichen Band erschienen, auf das Sorgsamste editiert von Mila Ganeva, mit Faksimiles und zeitgenössischen elegant-experimentellen Fotos angereichert.

Die Gier, das Kleid der kommenden Saison besitzen zu wollen, dieser Moment der Wollust, in dem feiner Seidenstoff bei der Schneiderin über die Haut gleitet, ein Dîner, bei dem das Essen wie ein surrealistisches Gemälde zum Kontrast von grünen Soßen und roten Salaten gerinnt: Helen Hessel entgeht nichts in ihrer Wahlheimat, wenn sie die Einwohner, diese „auf ihr Eindeutigstes zurückgebannten Geschöpfe“, beobachtet. Und die vorgefundene, unendliche Fülle steigert den Sinnestaumel nur noch, in dem sie sich ohnehin befindet. Mit ihren Aphorismen begibt sie sich, als verbalgymnastische Übung, allerdings ins Korsett: „Ironie ist die Grazie der Verachtung“ wird da knapp notiert, „Selbst der Nagel an der Wand möbliert“ oder „Verschwendung hat Heimweh nach dem Chaos“.

Diese rasante Person

Man kann konstatieren, dass diese rasante, ungeduldige Person, als Helen Grund 1886 in Berlin zur Welt gekommen, für sich jede Form der Hingabe wie auch des Widerspruchs in Anspruch genommen und jeden Zwang abgelehnt hat. Sie wollte Malerin werden und studierte bei Käthe Kollwitz, sie verfertigte die erste deutsche Übersetzung von Nabokovs „Lolita“ und kämpfte während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance, gemeinsam mit Stéphane, einem ihrer beiden Söhne; er sollte sehr viel später sehr viel Aufmerksamkeit bekommen für seine Streitschrift „Empört Euch!“.

Was für ein Leben. Wie ein Roman, ein Drehbuch, ein Rausch. Alle drei Möglichkeiten löst sie ein. Denn Helen Hessel ist die Frau, die Jules und Jim liebte. Die Dreiecksbeziehung zwischen ihr, dem Schriftsteller Franz Hessel und dessen bestem Freund Henri-Pierre Roché mündet im Jahr 1953 in einen Roman, der von Truffaut verfilmt wird, mit Jeanne Moreau als Helen Hessel, beziehungsweise: als Catherine. Auch Franz Hessel hat Helen, die sich zweimal von ihm scheiden ließ, als fiktive Figur verewigt, als Lella in „Alter Mann“: „Sie vertiefte sich mit forscherischer Intensität in die philosophischen und nationalökonomischen Gesetze der Mode …“

Von Helen Hessel, die 96 Jahre alt wurde, kann man nicht bloß lernen, wie das geht, so ein wildes Leben. Man wird in ihren Schauenberichten auch daran erinnert, welche Wertschätzung damals der Mode und ihren so klug analysierenden wie amüsierenden Berichterstatterinnen entgegengebracht wurde. Theodor Adorno etwa riet Walter Benjamin, er möge bezüglich der Mode-Aspekte im „Passagen-Werk“ doch Frau Hessel zu Rate ziehen, „deren Berichte in der Frankfurter Zeitung wir stets mit großem Interesse verfolgen“. Denn wer sich in dieser Zeit etwas aus Kleidern machte, der durfte davon entzückt sein wie von einem Kunstwerk.

Helen Hessel: Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe. Hrsg. von Mila Ganeva. Nimbus Verlag, Wädenswil 2014. 380 Seiten, 32 Euro.

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