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Heimstatt des Immergleichen

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Von: Christian Thomas

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„Mit einer Lärmexplosion und einem gigantischen Aufflammen der Scheinwerfer begann das Konzert.“ Andreas Maiers Satz über ein Konzert       1980 in Frankfurt dürfte jedem Heavy-Metal-Fan einleuchten.
„Mit einer Lärmexplosion und einem gigantischen Aufflammen der Scheinwerfer begann das Konzert.“ Andreas Maiers Satz über ein Konzert 1980 in Frankfurt dürfte jedem Heavy-Metal-Fan einleuchten. © rtr

Nicht ganz so böse wie bisher: Schriftsteller Andreas Maier setzt mit „Der Kreis“ seine auf elf teile angelegte Wetterau-Saga dennoch grimmig fort.

Er ist weiterhin schwer involviert. Heftig in seine Weiterentwicklung als Halbwüchsiger, auf der Schwelle zum Heranwachsenden, und was da unbedingt wächst, sind die Nöte. Verstrickt ist der Ich-Erzähler in eine ätzende Schulzeit, verwickelt in familiär hochunglückliche Verhältnisse. Der Junge ist nicht so verknallt, wie er es schon mal war in „Der Ort“, als Andreas Maiers Ich-Erzähler mit Katja Melchior ging. Hier, in „Der Ort“, hat er vor allem eine äußerst stark ausgeprägte Mutterbindung. Besonders qua Bücherwelt der Mutter versenkt er sich in eine Welt der Geist-Materie-Problematik.

Vier Kapitel umfasst der Roman, bei dem es sich um den fünften der auf elf Teile angelegten Wetterau-Saga Andreas Maiers, geboren 1967 in Bad Nauheim, aufgewachsen im unmittelbar benachbarten Friedberg, handelt. Das kleine Bücherzimmer im Maier’schen Haus im Mühlweg Friedbergs wird zum Zentrum der mütterlichen Beschäftigung mit solchen Philosophen wie Immanuel Kant und Teílhard de Chárdin – und zum Kraftzentrum der geistigen Bildung „im offenen Gelände zwischen Kindsein und Erwachsensein“.

Mit de Chárdin und Kant ist ein wahrhaftig üppiges Geistesspektrum abgesteckt, dem sich die Mutter, auf der Suche nach dem Menschen im Kosmos, hingibt. Den kaum nennenswerten Vater gelegentlich fürchterlich niedermachend, sucht sie das Zwiegespräch mit einem alten Herrn, dessen Existenz zunächst bizarr anmutet. Tatsächlich handelt es sich um einen Büchnerpreis-Träger, um den ersten nach 1945, Fritz Usinger, der insgesamt eremitenähnlich die Burg von Friedberg bewohnt. Mag er selbst Literaturhistorikern heute so gut wie kaum noch etwas sagen – ihn, „das geheime Zentrum der Stadt“, sucht die Mutter immer wieder auf wie eine Süchtige, um dann wie „erfrischt“ aus dieser „Gegenwelt“ zurückzukehren. Wie meint der Ich-Erzähler das? Ironisch?

Nie darf der Maierleser seiner Lesart sicher sein. Verehrt doch der Sohn die Mutter, auch wenn sie in ihrem gesamten Mutterdasein gar nicht gut abschneidet, für das, was man das Absolute nennen könnte. Und hier, tatsächlich, in dem Zimmer, getrennt von der Außenwelt durch eine Gardine, durch so etwas wie eine weiße Membran, erfährt der Junge, zumal wenn der Raum durchweht ist vom mütterlichen Klavierspiel, eine metaphysische Entrückung. Ironie? Oder nun raunende Elegie? In den Binnenraum des immer wieder grotesk daherkommenden Kurzromans dringt kein greller Ton mehr, nicht das grässliche Klimpern der Schwester. Musik erweist sich als ein Phänomen der Stille, als eine Begegnung mit sich selbst, als Materialisierung der Vergeistigung.

Bisher schien der Maier’sche Masterplan stark chronologisch konzipiert, indem die Wetterau-Saga die Entwicklung des jungen Andi, des „Problem Andi“, als immer weiter gesteigerten Aktionsradius erzählte, angefangen mit dem Roman „Das Zimmer“ (2010) über „Das Haus“ (2011); fortgesetzt durch „Die Straße“ (2013); zuletzt war „Der Ort“ (2015) dran.

Mit der Reichweite des Ich, hinaus in die Welt der Wetterau, stiegen bisher die Widrigkeiten, und das nicht zu knapp. Bisher waren Maiers Heimatromane Heimsuchungen eines heillos schnöden Lebens. Friedberg, das war das Epizentrum der Heillosigkeit, Friedberg, das war ein Schmelztiegel des Schnöden. Darum geht es in diesem fünften Teil der Wetterausaga beinahe überhaupt nicht. Hat doch Maier hier nun die Perspektive verschoben. Wiewohl betitelt mit den Kapiteln „Grundschule“, „Unterstufe“, „Mittelstufe“, „Oberstufe“ geht es nicht so sehr um die Frage, wie sich das bisherige Problemkind schulisch bewährt, sich also profan behauptet, sondern vielmehr immateriell.

Der Ich-Erzähler, den Maier hier nun zur Wort kommen lässt, wird hier, abgesehen von einer Liaison des 17jährigen Oberstufenschülers mit einer 37- oder 38jährigen, nicht so ausgeprägt erotisch behelligt wie zuvor, sondern vielmehr spirituell-philosophisch herausgefordert: „Die Länderartikel (des Lingen Lexikons) waren alle nach einem ähnlichen Schema aufgebaut. Ich hielt die Aussagen für quasi ontologisch“.

Der Junge begreift die Welt lesend. Er erfährt die „Herleitung (seines) Ist-Zustands“ lexikalisch. Als Entwicklungsroman, so könnte man spekulieren, unternimmt der Roman so gut wie nichts. Das allerdings wäre dumm gedacht. Denn so wie bereits der erste Abschnitt davon spricht, dass „Der Kreis keinen Anfang noch ein Ende“ hat, „kein Vorne und kein Hinten, und wenn man ihn als Band zur Möbiusschleife bindet, auch kein Innen und Außen“, so kommt es schließlich zur Wiederholung, wortwörtlich, am Schluss. Doch bei der Verwendung handelt es sich um mehr! Ist doch das Möbiussband so etwas wie eine Metapher – Ausdruck für das Prinzip unendlicher Wiederkehr, in der der Junge die geradezu stillstehende Zeit im friedberg’schen Elternhaus wahrnimmt. Ein Elternhaus als Heimstatt des Immergleichen, als Einkehr friedberg’scher Nichtentwicklung.

Nicht von ungefähr lästert der Erzähler, der wie ein naiver Erzähler tut, obwohl er in Wahrheit ein durchtriebener Erzähler ist, gegen die Vergangenheitsfixierung von Rockkonzertbesuchern. Veteranen verfügen über die Vergangenheit wie über mythische Zeiten. Wer wann zum ersten Mal dabei war? Die Zeiten von vor nicht einmal 15 Jahren müssen dem 13-jährigen wie eine sagenhafte Vorvergangenheit erscheinen. Maier kann sich über diese Vergangenheitssehnsucht der sonst sehr auf das Hier und Jetzt erpichten Popkultur bitter lustig machen. Zugleich beschwört „Der Kreis“ die Vergangenheit des Ich-Erzählers selbst wie ein mythisches Zeitalter. Denn was möchte er bannen und stillstellen, wenn nicht das Vorläufige einer Zeit, in der das Bedingungslose galt. Eine bedingungslose Existenz im Hier und Jetzt.

Einmal mehr, auch als Augenzeuge auf einem ohrenbetäubenden Frankfurter Rockkonzert im Februar 1980, erweist sich Maier als ungeheurer Beobachter der Körpersprache um ihn herum. Und die Beobachtungsgabe des rund 13jährigen ist so unheimlich wie die Sprachbegabung des Autors, Jahrzehnte später, mit Anfang 40. Kein Wunder, dass der Beobachter kleinster Gesten es nicht nur bei der fulminanten Begutachtung des Konzerts belässt, mit all ihren Ritualen und Kultformen, sondern diese Quasikritik zu der Quasirezension einer Theateruraufführung steigert, der Rekonstruktion der Darbietung einer Theater-AG, die die Rituale der bürgerlichen Ehe aufs schärfste nicht nur missbilligte, sondern aufs Radikalste ad absurdum führte. Dies geschah unter Beteiligung heute so bekannter Schauspieler wie Thomas Heinze und Mathias Herrmann sowie des Regisseurs René Pollesch.

Also auch ein Schlüsselroman aus Friedbergs Künstlerkosmos? Mitnichten! Wohl aber ein Votum: „Ihr Wille war absolut auf das Erreichen von Künstlertum ausgerichtet.“ Um nichts weniger geht es dem Erzähler als um diesen Zug zum Absoluten, diesen Drang zum Unbedingten. Die Mutterpassagen in diesem Kurzroman sind auch deswegen so böse, weil sie unerbittlich unnachsichtig sind. Gewaltige Texte von Denkergiganten in großem Stil ununterbrochen abschreibend und in dutzenden Ordnern ablegend, verfehlt sie, im Unterschied zum kreativen Schriftsteller, ihre Existenz. Für den Nimbus des angestrebten Künstlerdaseins macht der Erzähler das Kopistendasein der Mutter gnadenlos zur Minna.

Auch in diesem Maier bleibt der Ich-Erzähler einer mit dem grimmigen Blick. Er gilt Menschen und Büchern, und was er über das „Surrogat“, den Autorenabklatsch in Schulbüchern zu sagen hat, ist ebenso vernichtend wie das, was er zum Anachronismus alter Lexika (des „Lingen Lexikons“) meint. Hier eine gigantische Vergangenheitsfixierung, dort groteske Aktualitätsabstinenz.

Was noch? Stark ausgeprägt das Faible des Ich-Erzählers für schräge Perspektiven, auch Typen (Lehrertypen). Oder für schräge Fragen. Das Schulbuchdogma, das den Lehrstoff zum Lernstoff macht, wird (der Fragebogen des Suhrkampautors Max Frisch lässt grüßen) satirisch-sarkastisch dekonstruiert: „Welche Bedeutung hat der Titel „Der Kreis“ im Zusammenhang des Textes?“

Wenn im Maier’schen Ouevre zuletzt vor allem Askese und Ekstase im Widerstreit lagen, so sind es hier das Entrückte und das Profane. Er, Maier, dessen Ich-Erzähler nun den Kreis (Wetteraukreis) ausgemessen hat bis nach Frankfurt, bis zu einem schrecklich-schnöden Heavy-Metall-Konzert, steht auf der Schwelle, mit der das Erhabene Raum greifen soll. Man wird sehen, wie grimmig er mit diesem sehr ernsten Anliegen fertig wird.

Andreas Maier liest am Dienstag, 30.8.2016, um 20 Uhr in der Romanfabrik Frankfurt, Hanauer Landstraße 186.

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