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24 Ilias-Gesänge

Die Heimkehr der Sänger

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Ein homerisches Lesefest auf Schloss Corvey.

Einmal, es ist schon spät im Schloss, sucht der Dichter nach dem richtigen Ausdruck. Am Ende, Raoul Schrott hat das letzte Wort, schaut der Erzählende zur Decke des Kaisersaals von Schloss Corvey. Als stünde der Begriff einzig und allein geschrieben in den Allegorien der barocken Freskogemälde. Schon den ganzen Abend über hatte Schrott das Publikum unterhalten und unterrichtet, belustigt und geschult - hatte er es gebannt als Neuübersetzer der "Ilias".

Dazu hatte er aber vor allem vorgemacht, dass in der Auseinandersetzung mit einem der ältesten Mythenstoffe des Abendlands neben vielen Waffen vor allem immer wieder eine ins Feld geführt werden muss: die ungeheure Eloquenz. Doch jetzt, erstmals (und ein einziges Mal) stockt der Redekünstler, ballt die Faust, kneift die Lippen zusammen, und presst den Gedanken heraus, dass sich der Mythos - ja was: "legitimieren" müsse.

In der kommenden Woche kommt Raoul Schrotts Neuübertragung der "Ilias" in die Buchhandlungen. Man darf schon so viel verraten, dass es sich um eine alles andere als philologisch getreue Übersetzung handeln wird, vielmehr um eine am Gegenwartsdeutsch orientierte, eine dem Gegenwartsbewusstsein verpflichtete Übertragung. Schrotts Eindeutschung der 24 Gesänge wird die Parteigänger des hohen und hehren Tons ganz gewiss demoralisieren, den Freund der zahllosen Register und Tonfälle einer lebenden Sprache aber wird sie wohl überzeugen - und vielleicht sogar mitreißen.

Legitimation durch Lebendigkeit. Denn zur Aktualität Homers gehört seit annähernd 2700 Jahren so etwas Dauerhaftes wie die Brisanz der Leidenschaften (wie durch und durch menschlich oder antihuman sie auch immer sein mögen). Dass der Egoismus von besonderem Unternehmergeist ist, verantwortlich für die Liebe wie den Hass, die Zuwendung wie den Zorn, hat die Menschheit seitdem immer wieder beschäftigt.

Umso großartiger die Idee, für Schrotts Neuübertragung so etwas wie einen Empfang zu geben; früher hätte man vielleicht von einer Uraufführung gesprochen, mit der die Lesungen der 24 Bücher durch Vorträge und Gespräche, und wiederum die gelesenen Gesänge musikalisch begleitet wurden. Dass ein solches, viertägiges Ereignis, veranstaltet vom Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe (Detmold) geradezu naturwüchsig nach Schloss Corvey bei Höxter gehörte, mag man schon daran erkennen, dass sich im karolingischen Teil der Klosteranlage die herrlichsten Odysseus-Darstellungen schwach abzeichnen. Von heute aus betrachtet: die frühesten Bilder in Germanien. In der im Jahre 822 gegründeten Benediktinerabtei kämpft der Bezwinger Troias gegen Scylla, und man muss diesen Schatz karolingischer Wandmalerei schon deswegen im 873 - 885 errichteten Westwerk gesehen haben, weil er vor Augen führt, dass das im fränkischen Reich damals erst frisch etablierte Christentum nicht nur einen antiken Seefahrer an exponierter Stelle duldete, sondern einen authentischen Heiden. Überhaupt ist die Odysseuslegende ein Abenteuer für sich. Zeigt sie doch, dass der antike Troiamythos während des frühen Mittelalters wohl zu keiner Zeit so weit in der Versenkung verschwunden war, wie immer wieder behauptet. Wie immer zart die mythologische Darstellung im Reich der missionierenden Mönche heute ausfallen mag: Mit dem Figurenfries im karolingischen Corvey (um das nicht minder große der Barockzeit ausnahmsweise zu vernachlässigen) kommt es zum Clash der Kulturen im lieblichen Weserbergland.

Schon das dürfte Raoul Schrott gefallen haben. Denn auch als Homerforscher hat er das Universum der "Ilias" als hybriden Kosmos ausgemessen. Bekannt, dass Schrott den bisher auf das westanatolische Hisarlik beschränkten Horizont aufgerissen, den Blick um über 1000 Kilometer nach Südosten, nach Kilikien gerichtet hat. Und so wurde auch der durch und durch barocke Kaisersaal von Corvey zum Schauplatz der Kilikienthese Schrotts.

Erneut erzählte der Dichter, Komparatist und Homerforscher, dass, abgesehen von einem auf Zypern kursierenden Sagenstoff, die Ursprünge in einer "Vielzahl von zentral- und osttürkischen Mythen, levantinischem Volksgut und dem Zweistromland entstammenden Epentexten" liegen. Einmal mehr setzte Schrott auseinander, dass der Heldengesang "von der Kosmogonie bis zur Unterwelt ein hauptsächlich assyrisches Weltbild" abgibt. So verlagerte er (einmal mehr mit Macht) das gewaltige kulturelle Fundament des Epos an die Nahtstelle zwischen Okzident und Orient.

Und doch wurde Corvey nicht zum Sammelpunkt (oder gar Aufmarschplatz) der Kilikienanhänger. Während der zwei der insgesamt vier Tage, die ich auf dem homerischen Lese- und Diskussionsfest verbringen durfte, wurde Schrott freundlich zugehört und allenfalls umwegig widersprochen. Das Fest war ein friedliches, die Diskussionen rund um eines der monumentalsten Schlachtengemälde der Weltliteratur verfolgten, Aktualisierung hin oder her, ein durch und durch ziviles Anliegen. Peter Sloterdijk betonte Schrotts Leistung: die "Entgrenzung unseres griechischen Kulturmodells" in Richtung eines orientalischen. Bei seinem Parforceritt (zwangläufig einem schnellfüßigen) durch die abendländische Mentalitätsgeschichte machte er die ungeheure Aktualität der Antike plausibel, angefangen vom Ödipus-Komplex, wie ihn die Psychoanalyse entdeckte, bis hin zu den Anstrengungen der amerikanischen Neokonservativen um die Neuformulierung einer griechisch-römischen Ethik.

Walter Burkert, Jahrgang 1931, emeritierter Professor für Klassische Philologie, hatte bei seinem Vortrag eine diebische Freude daran, Indiz für Indiz unter seine vielleicht 300, vielleicht 400 Zuhörer zu bringen: Einsicht für Einsicht in einen Kosmos, der da einst Assyrien hieß, und an dessen Peripherie eine Insel namens Zypern eine Schlüsselrolle spielte, als "Sprungstein". Nicht von ungefähr hat Schrott mit der "Kypria" den zypriotischen Mythenkreis, die Vorläuferlegenden seiner Neuübersetzung vorangestellt.

Auch in Corvey stand die Erkenntnis im Raum, dass das, was als Kulturtransfer aus der Antike bezeichnet wird, zwischen Himmel und Erde einen Reichtum hervorgebracht hat, der seinesgleichen nicht hat. Mit dem, was als Gründungsmythos des Abendlandes bezeichnet wird, verbanden sich aber, darauf machte der Zürcher Professor für Alte Geschichte, Christoph Ulf, aufmerksam, bis auf den heutigen Tag fatale Absichten, Machenschaften der ideologischen Art, historische Stilisierungen, nationalstaatliche Imperative. Europa sei "bis in die Gegenwart ein Konstrukt", ein Raumkonstrukt, und Räume sind nicht etwa überzeitliche oder überhistorische Ideale, sondern von berechnend-staatsmännischen Interessen angestrengte Ideen. Mag die Attraktivität des aristokratisch-agonalen Prinzips des deutschen Bildungsbürgers auch abgesunken sein, äußerte Ulf dennoch die Vermutung, dass die für die konservative Homerexegese stets verbindliche geistesadelige Lesart "subkutan" auch in Corvey seine Wirkung tue - als attraktives Denkmuster, als Bemühung um europäische Heimatkunde in den Grenzen Griechenlands von vor 2500 Jahren.

War das der Grund für den subkutanen, also unter die Haut gehenden Erfolg der homerischen Lesungen? Die Corvey-Gesänge machten deutlich, wie suggestiv die Neuübersetzung wirkt, wie musikalisch. Sicher, vielleicht nicht jeder Vorleser oder jede Vorleserin, mochte sich dazu durchringen. Während Christoph Bantzer nicht aufhörte, sich über manches Wort zu wundern, während sich Angela Winkler behutsam durch die Gedanken der Athene tastete, ging Schrott selbst in seinem Sprachkosmos auf. Zornesröte war das Stichwort, um das rechte Auge des Übersetzers zu einem Schlitz werden zu lassen. Mit der Hand packte er zu, mit dem Oberkörper nahm er atmend seine Satzmelodien auf. Und bei allem (beziehungsweise während der zwei der vier Tage, die ich erlebte) kommentierte Markus Stockhausen auf seinen Trompeten, Tara Bouman mit der Klarinette, Jarrod Cagwin auf seinen Percussionsinstrumenten. Auch sang Angelika Luz auf eine Weise, dass man noch aus den Liedern der Hypermoderne, etwa bei Nono, einen archaischen Klagegesang vernahm. Das alles, die gesamte minimalistische Untermalung des monumentalen Epos, verdankten wir Brigitte Labs-Ehlert.

Dass Corvey zu einem Fest wurde, zu einem für Homer und seinen Übersetzer Raoul Schrott, lag aber vor allem an drei Großtaten, an Hans-Michael Rehberg, der den 2. Gesang las, an Sibylle Canonica, die das 5. Buch rezitierte, an Markus Boysen, der den 7. Gesang übernommen hatte. Mit Rehbergs Rezitation des Schiffskatalogs stand der Zuhörer nicht etwa, wie weiland Scharen von Generationen, artig oder stramm vor einem militaristischen Inventar, sondern machte man sich auf in den sagenumwobenen Kosmos aus der Frühzeit des Abendlands. Rehberg sezierte die feinen Risse, die leise Panik der Kraftnaturen, legte die Zweifel der ungeheuren Kampfmaschinen offen, auf dass sie sich selbst nicht ganz geheuer waren. In die Ansprache des Agamemnon, die Kampfmoral seiner Truppen testend, ließ Rehberg die Geistesblitze eines Sprechkünstlers fahren, Larmoyanz und Überdruss eines Heerführers, Beleidigtsein und Verzagtheit aufhellend, so dass die Moral, mit der der Held seinen Heer ins Gewissen redet, keinen Zuhörer mehr blendete.

Boysen, gereizt bis aufs Blut ob der Lügen und Niedertracht der homerischen Helden, abgestoßen von deren Groll und deren Betrugsabsichten, von deren kompromissloser Menschenschacherei (und der Laffe Paris ist die ärmlichste Kreatur von allen): Boysen war ein Gebieter über die Tonfälle des Sekundärtugendtums. Umso bestürzender, dass, von einer Sekunde auf die nächste, aus dem bronzebepackten Hektor ein bestürzend sanfter Vater wurde.

Sibylle Canonica begann als gedrosselte Tragödin und endete als entfesselte Krimiautorin. Mit ihr kam in die Rezitation der Ton des Deklamierens, sie lud Schrotts Gegenwartspoesie auf zur dramatischen Lesung. Angesichts all der Metzeleien hatte sie der Furor gepackt, worüber sie den Rhythmus der Sätze und die Melodie der Übertragung in den Vordergrund spielte (als gelte es den Hexameter, auf den Schrott verzichtet hat, zu verteidigen). Und der ganze Furor angesichts der ganzen von Homer vorgeführten Pathologie des Abschlachtens war so hinreißend, dass die Canonica plötzlich, den Rhythmus verlierend, lachen musste. Und das nicht etwas hysterisch wie eine Tragödin über den blutrünstigen Voyeurismus eines gewaltigen Erzählers. Sondern entwaffnet wie's Kinderfräulein, das sich wundert, was die böse Geschichte aus ihm gemacht hat.

Schrott betont im Vorwort seiner "Ilias"-Übersetzung ausdrücklich seinen Wunsch nach "rezitativer Interpretation - die die homerischen Verse wieder zu einem Sprechakt werden lässt". Und auch wenn der Dichter kein so großer Sprecher ist (kein Rehberg, kein Boysen - ja wie denn auch ein Artist?), so war er doch Teil einer Großtat. Hatte dadurch Anteil sicherlich an einem Lesemarathon, vielleicht sogar auch an so etwas wie an einer neuen Sternstunde für Corvey. Wenn nicht, wer weiß, an einem noch ganz anderen Wunder.

Denn Schrott wäre nicht Schrott, wenn er nicht wüsste, dass seine Performance einnimmt. Wie er da am Pult vortrug, wie ihn die Körperspannung leicht aus dem Sessel hob, wie er die Finger formte zu Reusen, in die ihm die Redewendungen hineingingen wie selbstverständlich, und wie ihm die Melodie seiner Verse den Oberkörper weitete, bildete er so etwas wie ein antikes Relief, aus dem für Augenblicke der Rhapsode heraustrat.

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