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Rechtzeitig zum Mozartjahr: Leporellokunst als Daseinsgesetz - oder John Updikes Roman "Landleben" ist die Bilanz eines Erotomanen

Wer anders als der Götterknabe Mozart sollte auch der Schöpfer des Leporellos sein. Dabei ist das Verzeichnis, das durchaus als Faltblättchen daher kommen kann, alles andere als ein Flyer nach heutigem Verständnis. Seit es durch die gleichnamige Figur in Mozarts Don Giovanni in der Opernwelt etabliert wurde, ist die innerweltliche Karriere dieses erotischen Registers enorm. Ob Vorder- oder Rückenansicht: Diese Art des Katalogs, der keine Perspektive auslassen muss, ist seit seiner Einführung in die gebildeten Stände ein erotischer Prospekt, der als liebestolle Leistungsbilanz gelesen sein will. Legion sind seit der Uraufführung, 1787 in Prag, diejenigen Inszenierungen, in denen Leporello, die Figur, die dem Erotomanen Don Giovanni als Bass dient, mit dem Katalog etwas für die Augen tut. Denn er zieht es, 1. Akt, fünfte Szene, sehr gern ziehharmonikaartig auf. Für alle diejenigen, die seitdem nachgerechnet haben, kamen für den Aktivisten unter dem Strich eine etwas krumme Zahl mit knapp über 2 000 Affären heraus.

Updike blättert den American Way of Sex auf

Seit gut vier Jahrzehnten ist auch der Amerikaner John Updike so etwas wie ein VIP der Leporellokunst. Unter Updikes Augen wurde bis heute in über 20 Romanen und weit mehr als einhundert Short Stories der American Way of Sex aufgeblättert. Nun, in Landleben, haben die Geliebten Namen wie Alissa, Vanessa, Karen oder Faye, sie heißen Stacy, Jacqueline, Antoinette oder Mirabella. Diejenige, mit der der siebzigjährige Owen Mackenzie gleich zu Beginn, und das heißt zwischen fünf und halb sechs Uhr morgens erwacht, ist Julia, 65 Jahre alt. Beseelt von ihrer Herzens- und eingelullt von ihrer Bettwärme treten beide ein in den Tag - und doch geschieht das nicht ohne Owens aufdämmernde Erinnerung an einen alten Traum, in dem er seine Frau in einem sterilen Raum vorfand, nackt und tot durch Suizid. Damit steht von Beginn an, trotz der Vergewisserung ihrer Liebe, eine Schuld im Raum - eine Ungewissheit. Updike legt eine Fährte aus. Und erst spät wird dem Leser erzählt (und gebeichtet), dass Phyllis, Owens erste Frau, durch einen Unfall starb.

Updikes Owen Mackenzie ist ein Computeringenieur der ersten Stunde, der die Übersichtlichkeit von Kleinstädten zu schätzen wusste. Als Erotomane ist er ein Kleinstadtnesthocker. Seit seinem Studium am MIT folgt Owen, der schließlich in den sechziger und siebziger Jahren einen so großen Erfolg mit seiner Softwarefirma hatte, dass er sie rechtzeitig an Apple verkaufen konnte, um fortan seine Frührente zu verzehren, dem Impuls einer fieberhaften Promiskuität.

Eine derartige Unruhe ist bei Updike immer schon Gesetz - und insofern ist auch in dem Kleinkosmos Middle Falls, hinter den adretten Fassaden der Einfamilienhäuser, auf den Autositzen, in den billigen Motels und betörenden Waldlichtungen, die Leporellokunst Daseinsgesetz. Die Tagträume des 70-jährigen Owen sind eine erotische Recherche einer sich durch einsetzende Senilität verlierenden Zeit. Diese Reprise wird überblendet von Rückblicken auf die soziale Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft, angefangen von einer Kindheit während der großen Depression, in bitterer Armut. In Owens Tagträumen, in denen Ereignisse der amerikanische Geschichte der letzten siebzig Jahre aufflackern, um schon im nächsten Moment zu zerplatzen, verhallt ein Leben; mit den Träumen hallen Episoden an glückliche Momente nach, wozu die Flip-Flops, in denen die rosafarbenen Fersen Julias stecken, Geräusche auf dem Steinfußboden der Küche hinterlassen.

Updike ist auch in Landleben ein ungemein generöser Augenmensch. Ein Schriftsteller, der wie er mit einer mozartschen Unbeschwertheit über Nuancen der Sommerbräune und ihre "Gold- und Silberunterschiede" zu schreiben weiß, bekennt sich offen zur Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten des Sex, seinen verbalen und körperlichen: "Das Wort "ficken" und seine Ableitungen waren in jener Zeit angenehm befrachtet mit entschiedener Intimität." Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus, die Updikes Villages zu Zweit ins Deutsche brachten, haben das englische Wort "cousins" (vielleicht so viel wie verwandtschaftliche Ausdrücke), geradeheraus als Ableitung verstanden. Und aus der Anleihe, der Hervorbringung, die das englische Verbum "to bear" auch ausdrückt, den Gedanken an eine Befrachtung gemacht.

Die Sehnsüchte des amerikanischen Protestantismus

Diese "Befrachtung" besteht in einem amerikanischen Protestantismus, der bei John Updike immer schon dazu da war, um feierlich, ja rituell überschritten zu werden. Das erklärt, warum die Hochzeitsnacht zu einer Anstrengung wird, die sich an einem religiösen Akt versucht, den jedoch Phyllis, die Professorentochter, durchschaut und zurückweist. Nicht nur in diese Szene spielt Updikes Ironie hinein; hinzu kommt ein Sarkasmus, der kaum etwas unausgesprochen lässt - darunter ausdrücklich auch nicht denjenigen Treuebruch, mit dem Owen und seine wechselnden Geliebten sich über ihre Ehepartner austauschen wie über Haustiere, die ihre Marotten haben.

Diese Entblößungen machen Updikes unzweideutige Illusionslosigkeit aus; daraus folgt eine Erzählhaltung, die sich keine Sorgen um die Drastik der Bilder macht. Während die Sattelschlepper an Owen vorbeidonnern, telefoniert er mit Alissa: " ,Kannst du eine Abtreibung machen lassen?', schrie er, dicht neben dem schmutzigen Highway."

Updike hat einmal mehr die Körperflüssigkeiten bereitwillig zusammenfließen lassen, um seinen Helden auf einen reißenden Bewusstseinsstrom zu schicken, der als große Entdeckungsfahrt beginnt. Diese endet jedoch in Updikes jüngstem Kleinstadtleben als Pilgerfahrt: "Sex ist ein programmiertes Delirium, das den Tod mit der dem Tod eigenen Substanz zurückdrängt, ist der schwarze Raum zwischen den Sternen, dem in unseren Adern und Spalten süße Substanz gegeben wird."

Am Ende lässt der 73-jährige Updike seinen Erotomanen den Zipfel einer metaphysischen Ahnung haschen. Auch das macht Updikes "ausschweifendes" Alterswerk illusionslos-melancholisch. Denn Owens Leporello, sein erotisches Verzeichnis der Teilzeitaffären und One-Night-Stands, ist für seinen Schöpfer nicht nur ansehnlich. Phyllis verlor Owen durch einen Unfall (der ihn gelegentlich an einen Suizid denken lässt). Die Affäre mit Faye brockte ihm juristische Händel ein, diejenige mit Alissa führte zu einer Schwangerschaft.

Landleben ist der Roman eines Schwellenkundlers, der sich vor dem Eintritt in die Senilität weiß. Owen wäre nicht Owen, wenn er damit nicht ein wenig kokett flirtete, auch wenn er schließlich weiß, "dass alte Leute "zurückgehen" - das heißt in die Kindheit zurückkehren." Wie auch in den anderen Romanen und zahllosen Geschichten Updikes sieht Owen in der Lust ein Jenseits zum Alltag der wohlhabenden Bürger in einer Kleinstadt Neuenglands. Updikes Phänomenologie der Libido reibt sich an dem Ennui und den Fetischen einer banalen Mittelstandsaturiertheit. Zu seinem Hunger steht Owen dabei wie ein Gläubiger, der keinen Grund zur Verzweiflung hat. Sicher, Owen weiß: "Er und Julia haben zwei bestehende Familien zerstört und einen Tod verursacht, auch wenn kein Gericht sie dafür verurteilen könnte." Und doch ficht ihn, den "Programmierer", mit Blick auf seinen wahren Daseinsgrund kein unglückliches Bewusstsein an. Er hat schließlich seinen Glauben, dass er als Gläubiger, auch wenn er sich an der Schwelle zur Lebensneige weiß, wahrhaftig gelebt hat. Insofern ist der Blick auf seine erotische Bilanz kühn. Und der Tagtraum von dem Ende seines "programmierten Deliriums" recht gefasst.

John Updike: "Landleben". Roman. Deutsch von Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006, 414 S., geb., 19,80 Euro.

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