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Die Heimat intus haben

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Von: Christian Thomas

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Guntram Vesper als Buchpreisgewinner in Leipzig.
Guntram Vesper als Buchpreisgewinner in Leipzig. © imago/STAR-MEDIA

Guntram Vesper, der mit dem Roman „Frohburg“ eine Jahrhundertchronik geschrieben hat, wird am heutigen Samstag 75 Jahre alt.

Rettung in die eigenen Geschichten, weil den Erzählungen der Erwachsenen nicht zu trauen war. Pflicht war das Zuhören, von klein auf, doch Kür war das, was das Kind aus den eigenen Geschichten machte, Eigenmächtiges. Flucht in die Legenden, „weil die Geschichten, die ich als Kind vorgebetet, eingeredet, eingetrichtert bekam, meist falsch“ waren. „Einigermaßen wahr“, erschienen nur solche Erzählungen, die aus „Ergänzungen, Wiederholungen, Abweichungen, Abirrungen“ bestanden, obendrein „von Widersprüchen durchsetzt“.

Das eigenbrötlerische Kinderprogramm, wovon Guntram Vesper in „Frohburg“ erzählt hat, wurde zum poetologischen Programm seines gleichnamigen, Anfang des Jahres erschienenen Romans, seines ersten Romans, als opus magnum abgeschlossen, eingestandenermaßen stark gekürzt, auf 1002 Seiten ausgreifend, abschweifend in unzähligen Episoden. Heute vor 75 Jahren geboren, das heißt „drei Wochen vor Beginn des Ostfeldzugs“, kam Vesper in diesem Frohburg zur Welt, einem „Ort südlich von Leipzig, zwischen den bewaldeten Ausläufern des Erzgebirges und den großen Braunkohlegruben“, so der Autor in einem Prosatext, vor Jahrzehnten schon.

„Nördlich der Liebe, südlich des Hasses“

Auf dieses Frohburg ist er immer wieder zurückgekommen, in seiner Kurzprosa, als Lyriker. Das Abseits als geschichtsgesättigter Ort, von Angst beherrscht, von Beklemmung heimgesucht: „Die Familie sprach/ wie das Regierungsblatt, aus anderen Gründen/ nur von den Gefahren/ der Freiheit/ nie sahen sie einen Jungen beim Baden/ ohne vorherzusagen/ daß er früher oder später/ ertrinken werde.“

Schon Vespers frühe Prosa, kritische Heimatprosa in den Bänden „Kriegerdenkmal ganz hinten“ oder „Nördlich der Liebe, südlich des Hasses“ , wurde regelmäßig heimgesucht von Frohburg, der Metapher „Frohburg“. Mit ihr zeigten sich Misstrauen und Missgunst als Meister aus der deutschen Provinz. In die Nachkriegsgegenwart der Vesperschen Prosa griff eine schreckliche Vergangenheit aus. Übergriffig zeigten sich vor allem eine grenzenlose Unbarmherzigkeit. Der Generationenvertrag bestand aus einem harten, beschädigten Leben.

Schon „Lichtversuche Dunkelkammer“, der Text aus dem Wendejahr 89, war eine Frohburg-Erinnerung, eine in Fragmenten. Der erste Satz für eine Frohburg-Geschichte stand rasch – aber die Geschichte blieb aus. So intensiv der Frohburg-Spuk – es folgte das Schweigen. Vesper, in der Stadt als Sohn des örtlichen Arztes zu erstem Bewusstsein gekommen während nationalsozialistischer Zeiten, als Kind zusehend, wie die Rote Armee den Ort von den Amis übernahm, bekam als Jugendlicher die DDR zu spüren, ging 1957 aus der Stadt weg. Mit der Flucht in den Westen gelangte er in den Alltag der Dörfer Hessens, wo Brauchtum, bäuerlich und kleinbürgerlich, Kind und Kindeskindern eingeimpft wurde. Ein mitleidloses Milieu. Gegen soziale Kälte wurde Kaltschnäuzigkeit in Stellung gebracht. Wenn von einem erbitterten Aufruhr die Rede war, von einer Revolution, dann war sie abgelegte, abgelebte Geschichte, niedergelegte Erinnerung.

Vesper, der in den 60er Jahren mit Agitprop-Gedichten an eine bescheidene Öffentlichkeit ging, hat seit den 80er Jahren eine Abseitsexistenz gewählt, Jahrzehnte hindurch die gesellschaftlichen Turbulenzen aus der Distanz ruhiger Sätze registriert. Was er zu sagen hatte, verwahrte er stoisch zwischen Buchdeckeln. Worum es ihm ging, war nicht naheliegend, es war weitsichtig: „Spätestens seit dem Beginn unseres Jahrhunderts ist das Zeitalter der Flüchtlinge und Exilanten angebrochen, mit immer besser erkennbarem Schreckensgesicht.“

Aus der Weitsicht sprach auch der Rückblick auf das Jahr 58, die Erinnerung an den „Versuch, Fuß zu fassen, mit dem Inhalt von zwei, drei Koffern“, nach der Flucht, „dreihundert Kilometer weiter westlich“, wie in „Frohburg“ erzählt.

Vom Verlag (Schöffling & Co) und vom Autor als „Erinnerungsgemenge“ bezeichnet, schickt Vesper ihm ein Motto Theodor Fontanes voraus („Für etwaige Zweifler also sei es Roman!“), weist er zugleich darauf hin, dass nichts in dem Buch vorzufinden sei, was sich nicht auch ereignet habe und dazu zählen schrecklichste Ereignisse, ein Doppelmord, ergänzt um bestialische Entstellungen der beiden Mädchen, zählen die Erinnerungen an standrechtliche Erschießungen, eine grässliche Enthauptung, grauenerregend verpfuscht.

Ausgelöst durch den Besuch in der Wohnung des toten Bruders, wird die Erinnerung des Erzählers in Bewegung gesetzt durch Gemeinsames, Geerbtes in einer hoffnungslos überfüllten Wohnung, vollgestopft auch mit Büchern, wovon die eine oder andere Erstausgabe, signiert sogar, Raritäten von Günter Eich oder Ernst Bloch, den zurückgebliebenen Erben auf die Fährte setzen. Aufräumend in der Wohnung des toten Bruders, dreht und wendet der Erzähler die Gegenstände, die Erinnerungen – die Geschichte selbst.

Ein „gnadenarmes Leben“

Bald schon ist es die Erinnerung an die frühe Kindheit, bei ihr der Kampf des Jungen gegen seine spinale Kinderlähmung. Sein Glück, dass er in die Hände einer Kapazität gerät. Zugleich das Wissen darum, dass dieser Fachmann verbrecherische Experimente an Patienten während der NS-Zeit durchführte. Kaum ein Detail, das nicht hineinpasste ins große Ganze, und dieses Ganze ist ein schreckliches Insgesamt, nämlich ein „gnadenarmes Leben“.

Viel Erzähltes vom Vater, dem Tierarzt, darunter die Fahrt der beiden Eltern, frisch verliebt und verlobt, auf einem Motorrad, es ist ein wilder, unbeschwerter Ritt durch Sachsen. Keine Überraschung, wenn Schriftsteller Dialekt sprechen lassen, wenn sie den Ton treffen, im Heimeligen das Befremdende, das Vertraute und das Verstörende gleichermaßen. Vesper sprengselt Wortwörtliches ein, zugleich sind seine Sätze durchsetzt vom mündlichen Ausdruck, seine in Episoden sich entwickelnde Erzählung ist ein mäandernder Erzählfluss. Bewusstsein, das sich verströmt.

Wenn es schon mal „Schnitt“ heiß, weil eine ganz andre Geschichte erzählt wird, dann handelt es sich bei dem Romanganzen dennoch nicht um so etwas wie Filmschnittprosa, vielmehr um ein fabelhaft erzähltes Panorama, nach dem Motto: übrigens – und schon eine andere Episode, weiterer Erinnerungsstoff in so etwas wie Apropos-Prosa.

Auf einer einzigen Seite durchmisst die Erinnerung Raum und Zeit, auf einem Radius von wenigen Kilometern gleich mehrere Jahrzehnte. Im Bannkreis der Vergegenwärtigung tun sich jählings Zeitsprünge auf. Abgestürzte alliierte Bomberpiloten werden gelyncht, auf dem eigenen Schreibtisch die Steuererklärung ausgebreitet, Stasispitzel während der Leipziger Montagsdemonstration erlebt.

Immer ganz Ohr. Jede Zeit hat ihre Worte, die Alten sprechen anders als die Jungen. Schon deswegen ist der Autor ein Ohrenzeuge auch, und zur fabelnden Sensibilität gehört, dass er ein Ohr hat für Motorengeräusche, deren Idiom, den Unterschied zwischen dem Blubbern und Brabbeln eines Sechszylinders, dem „giftigen Heulen“ eines Motorrads, dem Blaffen und Brodeln – Feinheiten.

Der Erzähler, manchmal nicht nur einer, auch schon mal drei, der Ich-Erzähler, der Vater, ein Bekannter, drei Stimmen, erzählen von einer vom Kohlebergbau ausgebeuteten Gegend, von einer seit den 50er Jahren vom sowjetischen Atombombenbau heimgesuchten Landschaft. Uranabbau-Gebiet – mit allen Folgen für Mensch und Natur. „Versehrte Zone, strapaziertes Land“. Die Wismut arbeitet daran, dass sie Material aus der Erde zieht, das die Erde nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Der Erzähler, einmal ausholend, kann auch richtig gemein sein, besonders gegen Kollegen, deren kleinbürgerliche Pedanterie. So ist der Roman, der auch Werkstattbericht ist, eine Demaskerade prominenter Namen aus Literaturbetriebsbinnensicht. Unvergessen ist Vespers vehementer Text über seinen Auftritt bei der Gruppe 47 geblieben, sein Rückblick, 1983, auf das legendäre Treffen in der Pulvermühle, 1967. Böse, wie er das Gerangel, das Geschiebe um die besten Plätze schon draußen vor der Tür, auf dem Parkplatz, beschrieben hat, namentlich Eitelkeiten etikettiert hat. War es das antiautoritäre Verhalten gegenüber den Autoritäten des Literaturbetriebs, das Vesper zum Außenseiter gemacht hat?

Vor rund 40 Jahren hat er Sätze lyrisch durchrhythmisiert. In seinen Gedichten hat er den erzählenden Ton angeschlagen. Was er stoisch verfolgt hat, hat er nicht dogmatisch durchgezogen. Vesper hat sich, das war doch so etwas wie eine Regel, für die Ausnahme interessiert, jenseits der Normen und Rituale, von denen in seinen Büchern so viel die Rede ist, in seinen kürzen Erzählungen, oder jetzt wieder in „Frohburg“. Die Rituale haben Gewalt über die Menschen. Sie sind eine schlimme Krücke und ein unerbittlicher Schraubstock.

Die prekäre Gleichgewichtsstörung

Man muss es nicht so sehen, denn Rituale können auch Orientierungshilfen sein, Halt geben. Vesper hat hinter dem Halt immer die prekäre Gleichgewichtsstörung gesehen. Hat in den Ritualen hektischer Vergegenwärtigung die Verdrängung ausgemacht, in Kult und Brauchtum das Unerbittliche, das Unmündige, das Unselbständige. Was die Menschen intus haben, sind böse Wörter: „Ja, das war der Ausdruck damals: abgeholt. Nicht festgenommen, nicht verhaftet, sondern abgeholt, klang eigentlich gemütlich, bitte abholen, hol mich doch.“

Seine Leser hat er offene Särge und Kriegerdenkmale umstehen lassen. Einsilbig die Trauer, geschwätzig das Selbstmitleid. In seinen Prosaminiaturen hat er gestochen scharfe Sätze verdichtet. Dass die Nacherzählung zuletzt in den langen Sätzen eines wie vogelwild erzählten Romans ausschwingt, hat auch damit zu tun, dass die Wahrheit immer wieder nicht weiß, wohin mit sich.

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