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„... die Stadt Bergen wird immer größer und enorm bedeutsam, bevor sie restlos in Nebel und Regen verschwindet.“ Blick ins Hanseviertel Bryggen.

Norwegen

Heimat tut gut, wenn man woanders wohnt

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Blicke nach Norwegen und von Norwegen aus: Vier Romane und ein Reportagen-Band aus dem Gastland der Buchmesse.

Heimat. Eine Definition dieses Begriffs scheint immer heikler zu werden, ist er doch auch in den vergangenen Jahren immer wieder missbraucht und als Wort der Ausgrenzung gegen andere eingesetzt worden – die, die nicht dazugehören sollen und dürfen. Und doch wird Heimat schmerzlich vermisst, wenn sie verlorengegangen ist, wenn Wurzeln gewaltsam ausgerissen wurden, wenn ein Gefühl der Geborgenheit abhandenkam.

Fünf Bücher aus Norwegen, fünf Werke sehr unterschiedlichen Umfangs, von der Novelle von 150 bis zum epischen Panorama mit 1250 Seiten. Vier Romane und ein Reportagen-Band, die allesamt um Heimat und ihre Bedeutung kreisen. Fünf ausgewählte Bücher unter rund 500 norwegischen Titeln, die aus Anlass des Ehrengast-Auftritts bei der Frankfurter Buchmesse in Deutschland erscheinen – darunter 88 Autorinnen und Autoren, die zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurden.

Thomas Espedal: Bergeners. A. d. Norweg. v. Hinrich Schmidt-Henkel. Matthes und Seitz. 156 S., 20 Euro.

Eine Kraftanstrengung, wie sie auch von Johan Harstad vollbracht wurde, dem 40-jährigen Autor aus der Stadt Stavanger. Mehr als sieben Jahre arbeitete er an seinem Opus Magnum „Max, Mischa & die Tet-Offensive“. Es spannt einen weiten Bogen von den Kindern, die in den achtziger Jahren in verlassenen Ecken des Hafens von Stavanger den Vietnamkrieg nachspielen, befeuert von einem Film, den anzuschauen ihnen verboten worden ist – „Apocalypse Now“ von Francis Ford Coppola. Einen Bogen bis hin in die Gegenwart.

Max muss als Kind mit den Eltern auswandern aus Stavanger in die USA, er verliert seine Heimat. Er lernt die einige Jahre ältere Mischa kennen, und einen Onkel, einen norwegischen Vietnam-Veteranen. Doch er vergisst Norwegen nie. Im Vietnamkrieg erreicht das Buch literarisch seine Klimax. Bei den US-amerikanischen Soldaten, die sich 1971 an ein gottverlassenes, blutiges Stück Erde krallen, ein Camp namens Bastogne, in dem Bewusstsein, dass dieser Krieg längst verloren ist. Dem US-Soldaten aus Norwegen wird klar, dass die Vietnamesen um ihre Heimat kämpfen: „Vietnam hatte 2000 Jahre Erfahrung im Freiheitskampf.“

Ein ungeheuer intensives, ein dicht und mit großer Sprachkraft gewebtes Buch. Er habe „ein Stück Seele“ zurückgelassen beim Schreiben der 1250 Seiten, erklärt Harstad in einem Interview, und das ist zu spüren.

Der Journalistin Erika Fatland gelingt es in ihrem Buch „Die Grenze“ nicht minder, einen Sog zu erzeugen. Sie unternahm eine mehr als 20 000 Kilometer lange Reise durch vierzehn Staaten, die an Russland grenzen – von Nordkorea bis Finnland. Länder, die in Norwegen „Weitwegistan“ genannt werden, wie sie verrät. Länder, über die man kaum etwas weiß, wie etwa Turkmenistan, die am wenigsten besuchte Region der Welt.

Dag Solstads karge Sprache neben der überbordenden von Johan Harstad

Vierzehn Heimatländer also, die meisten Diktaturen. Die Einblicke, die Fatland bekommt, sind bizarr und beklemmend. Von den Frauen in Kirgistan, die gekidnappt und zwangsverheiratet werden, bis zum staatlich geregelten Alltag in Nordkorea, wo die Besucherin nur „schöne Dinge“ fotografieren darf – alle anderen Bilder werden gelöscht. Entlang der Nordostpassage stößt sie auf riesige Mengen Müll: „Noch nie habe ich so viele verrostete Öltonnen gesehen wie in der Arktis.“

Erika Fatland: Die Grenze. Eine Reise rund um Russland. A. d. Norweg. v. Ulrich Sonnenberg. Suhrkamp. 623 S., 20 Euro.

Akribisch hat Fatland viele unbekannte Details recherchiert, man möchte einfach immer weiterlesen. Eine sanfte Ironie, eine Lakonie durchzieht die Zeilen. So ist es auch bei Dag Solstad, dem großen alten Mann der norwegischen Literatur. Der heute 78-Jährige genießt in Norwegen ein Ansehen, wie es etwa Günter Grass auf dem Höhepunkt seiner Karriere in Deutschland besaß. Ein neues Buch von Solstad wird jedes Mal mit Spannung erwartet. Für den deutschsprachigen Raum pflegt der kleine Dörlemann Verlag in Zürich den Schriftsteller. Zur Buchmesse ist jetzt ein 20 Jahre altes Werk mit dem schlichten Titel „T. Singer“ neu übersetzt worden.

Singer, „ein Taugenichts von einunddreißig Jahren“, Student, der in den Tag hineinlebt, lernt Merete kennen, die Tochter Isabella wird geboren. Doch dann stirbt Merete bei einem Autounfall, „ihr Lebensfaden wurde mitten auf der E18, nahe einer Ortschaft, abrupt zerschnitten“.

Wie Solstad geradezu beiläufig diesen „himmelschreiend sinnlosen“ Tod schildert, ist meisterhaft. Singer verliert jeden Halt, jede Heimat. Er zieht mit Isabella in die Hauptstadt, er versucht, „ihr zu zeigen, dass Oslo eine magische Stadt war“. Doch es hilft nichts: Er wird auch Isabella verlieren, weil sie mit achtzehn Jahren seine Wohnung verlassen wird. Solstads karge Sprache ist das genaue Gegenteil vom überbordenden Stil Johan Harstads – und umso eindringlicher.

Helga Flatland: Eine moderne Familie. Roman. A. d. Norweg. v. Elke Ranzinger. Weidle. 308 S., 25 Euro.

Helga Flatland wählt ebenfalls ein unerwartetes Ereignis, das „Eine moderne Familie“, so der Titel ihres Romans, zerbrechen lässt. Vater und Mutter kündigen ihre Scheidung an – nach Jahrzehnten, als der 70. Geburtstag des Vaters gefeiert werden soll. Auch die erwachsenen Kinder fühlen sich plötzlich heimatlos. Auch bei ihnen brechen verdeckte Konflikte auf.

Hakon, der Sohn, verdrängt seine Trauer. „Die Ehe ist nicht natürlich, mit einem anderen Menschen zusammenzuleben, sich sexuell und emotional über dreißig Jahre zu ein und demselben Menschen zu verhalten, ist eher naturwidrig.“ Wie soll der Mensch leben? Flatland lässt diese Frage am Ende offen. Hakon muss sich eingestehen, dass er sich mehr nach einer Beziehung als einem Stück Heimat sehnt. Liv, eine der Töchter, vertritt die Ansicht, „dass Pflicht und Lust zwei Seiten derselben Medaille sind.“

Am Ende noch eine Liebeserklärung. Die des Schriftstellers Tomas Espedal an seine Heimatstadt Bergen. Die mit 280 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Norwegens. „Bergeners“ heißt das Buch schlicht, in dem Espedal erklärt, warum es ihn immer wieder in die Welt hinauszieht. Und warum er stets aufs Neue nach Bergen zurückkehrt. In die Stadt in Norwegen, in der es am häufigsten regnet.

Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive. Roman. A. d. Norweg. v. Ursel Allenstein. Rowohlt. 1248 S., 34 Euro.

Und die in einem Dauerkonflikt mit der Hauptstadt Oslo lebt, den der Autor so beschreibt: „Der Bergener gründet seine Größe darauf, herabsetzend über die Hauptstadt zu sprechen. Wenn der Bergener über Oslo spricht, schwillt Bergen an; die Stadt wird immer größer und enorm bedeutsam, bevor sie restlos in Nebel und Regen verschwindet.“

In New York erlebt der Schriftsteller, wie die Menschen den Tod Osama Bin Ladens feiern. Er schreibt eine Erzählung über den Massenmord von Anders Breivik an 69 Jugendlichen 2011. Er streift durch seine Heimatstadt, sieht, wie ein Jugendlicher im Park sich einen Schuss setzt. Er bedauert, dass er 1989 in Berlin nicht dabei war, als die Mauer fiel und der „Atem der Geschichte“ zu spüren war. Zum letzten Mal, wie ein Freund sagt.

Doch Tomas Espedal glaubt, dass dieser Freund sich irrt. Er sagt voraus: „Nicht mehr lange, und Europa wird eine Revolution erleben.“ Und er weiß: „Es tut wohl, an die Heimat zu denken, wenn man nicht dort wohnt.“ So schließt sich der Kreis.

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