Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ulrike Draesner (Archivfoto  26.3.2001)
+
Ulrike Draesner (Archivfoto 26.3.2001)

"berührte orte"

Heimat und Elend

Die gelehrte Lyrikerin Ulrike Draesner dichtet "berührte orte": Es kommt darauf an, das Zauberwort zu finden mitten in der verlorenen Unschuld.

Von ROLF-BERNHARD ESSIG

Stille empfängt den Leser. Eine schweigende Dichterstimme: Mit dem Gedicht "eine woche, stumm" beginnt Ulrike Draesners neuer Lyrikband "berührte orte". Das Schweigen irritiert: den Hund, der Kommandos gewöhnt ist und liebevolle Ansprache, die Dichterin selbst, medizinisch zum Schweigen verurteilt. Irritiert sind natürlich auch die Leser, selbst wenn es im Gedicht Geräusche gibt - sie stammen vom verwirrten Hundetier. Der Auftakt ist programmatisch, denn "berührte orte" führt weit ins Fremde hinein, in die arabische Welt, nach Skandinavien und Indien. Aber beginnen muss die Reise, soll sie zu etwas führen, zuallererst mit Aufmerksamkeit. Das erzwungene, befremdende Schweigen im Eingangsgedicht erweckt erst wirkliche Wahrnehmung und damit das achtlos tausendmal Berührte zur Existenz. Ein schillernder Begriff: "berühren". Mit zwei, drei Assoziationssprüngen ist man im weiten Feld der unberührten Natur, des Intakten und Kontaktes, des Takts und der Rührung wie des Rührmichnichtans, sogar der als Jesusgefäß verehrten "virgo intacta". Die Unschuld der Orte und Menschen ist verloren, sie sind berührt, aber sie haben auch den Zustand der Unberührbarkeit hinter sich gelassen. Es kommt darauf an, wie es dieser Lyrik gelingt, das Zauberwort zu treffen.

So vorbereitet, kann man sich Draesners Reiselyrik widmen, ein halbes Hundert Texte, die neu und alt sind zugleich. Die Länder kennt man zum Teil aus den vorigen Gedichtbänden und Romanen, sogar Figuren begegnen wieder, dazu der souveräne Umgang mit Klangkaskaden, die doch nicht Selbstzweck werden, und die Stimmen der Tiere. Hier sind es Ziegen, Kamele, Kühe, Wespen, Spatzen, Krähen, Reiher, Schlangen, Gottesanbeterinnen.

Die Freude an Neologismen und am sinnigen Wortspiel ist wieder da, der emphatische, vorwärtsdrängende Zug in den Zeilen: tänzelnd, trippelnd, schleichend, der plötzlich von typografisch gekennzeichneten Pausen unterbrochen wird. Motivkorrespondenzen zwischen den Gedichten quer über die fünf Abteilungen hinweg liebt Draesner, ob es sich um "Strom", "Kabel", "Rom", "stürzen", "Palmen" handelt, und dazu eine fröhlich grüßende Mayröckerei.

Insgesamt fällt auf, dass der ab und zu modisch erscheinende Jargon früherer Gedichtbände seltener auftaucht und wenn doch, gut motiviert. Erneut fügt Draesner hilfreiche Texterläuterungen an. Die sind freilich etwas beliebig, denn ähnlich erklärungsbedürftige Stellen bleiben der Findigkeit des Lesers überlassen.

Neu erscheint Bayerisches in der Lyrik, teils über den Augsburger Kollegen Brecht und dessen Heimweh im dänischen Exil vermittelt, teils direkt, ja mit schöner Forschheit - wie in "bayerisch-seeland / (ödelchen)". Die kleine Ode spielt selbstironisch mit der "guten Landluft", die in Bayern entsteht, wenn Gülle, die dort "Odel" heißt, auf die Felder versprüht wird. In diesem Gedicht tummeln sich "millischeckerl, kratzenpratzerl", "karfiol", "schnürlregen", "w- w- wetterbleaml" und die "hiasigen hinnigen": eine famose Liebeserklärung, mal derber, mal feiner Art. Nicht ganz neu, aber häufiger finden sich Witz und Humor in der Lyrik, als könnte Draesner die Wörter im Besitz ihrer Bedeutungen nicht ungestört lassen.

Lokalkolorit taucht in den indischen, maghrebinischen und nahöstlichen Gedichten ebenso auf. Zu diesem gehört die Fremde der Schriften, Wörter, Sprachen, in der dank der geheimnisvollen indogermanischen Verwandtschaft doch plötzlich Bekanntes anspringt. Bittere Reiseabenteuer, lächerliche Hilflosigkeiten, schmachvolle Niederlagen begegnen in der Lyrik; fast balladenhaft spannungsvoll manchmal, manchmal nur angedeutet. Die Krankheit, die Armut, den Krieg, die Fremde, das Sterben fasst Draesner als elende Lebenssituationen fest ins Auge, nicht nur in "indischer kuckuck, wild licht", wobei Gefühligkeit fern, Empathie aber nah ist.

Auch den Weltinnenraum sieht Draesner als Touristin, und Sinnlichkeit heißt bei ihr, in den Wörterstrudel Erkenntnisse und Wissenspartikel-Rosinen zu wickeln.

Und dann ist da noch die Weite der Zeiten. So bildet Draesner ein Zweitausendjahr-Wörterpaar wie "mikrowelle, salome" oder flicht frühere Sprachstufen ins heutige Deutsch. Das wirkt wie ein autobiografischer Blitz, der an ihr früheres Dasein als Mittelhochdeutsch-Forscherin erinnert. Draesners Langgedicht "damaskus, manöver" schließlich formuliert besonders eindringlich das In- und Durcheinander der Zeiten, Völker, Dinge, Lebewesen, Kulturen, das unvermittelt nicht zu haben ist. Politik wie Militärisches sind hier integraler Bestandteil der Landschaft, der Nachrichten, eines schrecklichen Schlamassels, das kaum fassbar ist, Schönheit und Schrecken vereint.

Ulrike Draesner:

berührte orte.

Gedichte. Luchterhand Literaturverlag,

München 2008,

128 S., 16 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare