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„Die Abenteuer des Joel Spazierer“

Heiliges Monster

„Die Abenteuer des Joel Spazierer“: Michael Köhlmeiers ausufernder Schelmenroman.

Von Martin Halter

In Verhören und peinlichen Befragungen antwortet der Wunderknabe, der im Jahr 1949 als András Fülöp geboren wird, stets einsilbig mit „Ja“, „Nein“ oder „Weiß nicht“. Aber wenn er sein abenteuerliches Leben erzählen, seine Gedanken über Gott und die Welt an den Mann oder, öfter, an die Frau bringen will, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus.

Nach dem Vorbild des Klugen Hans – eines berühmten Pferdes im Berlin der 1910er Jahre, das angeblich sprechen konnte – versteht er sich als „Experte auf dem Gebiet der manipulativen nonverbalen Kommunikation“. Anders ausgedrückt: Fülöp alias Joel Spazierer alias Ernst-Thälmann Koch ist ein begnadeter Beobachter und gefallsüchtiger Verführer, der die Menschen lenkt und beherrscht, indem er ihnen zuhört und nach dem Mund redet. Und dank seiner engelhaften Locken und berückenden Sommersprossen kommt er mit seinen Teufeleien überall durch.

Seine Urszene erlebt er in Budapest, als seine Großmutter (eine Ägyptologin, die ihren Bestseller über den Pharao Echnaton einem Plagiat verdankt) von Stalins Schergen abgeholt wird: Fünf Tage war der Vierjährige allein in ihrer Wohnung eingeschlossen, nur mit den Tieren auf seiner Bettdecke redend. Seit damals ist er ein „Tier, in Menschenhaut gefangen“, ein notorischer Lügner, Dieb und Mörder, der heiter und skrupellos durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts spaziert. Im Alter von sieben bereits lutscht er als Strichjunge Männerschwänze; als Schüler tötet er die Mutter seines einzigen Freundes, im Schweizer Gefängnis rammt er seinem „Zellenvater“ den Schraubenzieher ins Herz.

Spazierer weiß von Meister Eckhart, dass die Seele nie altert, und so entschließt er sich, für immer das altkluge Kind zu bleiben, für das es keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Wesentlichem und Unwesentlichem gibt. Für den Staatsanwalt ist er kein Mensch, sondern der satanische Weltverneiner. Aber was ist ein kleiner Raubmord gegen Stalins Verbrechen, eine charmante Notlüge gegen eine politische Ideologie? „Hütet euch, etwas zu erfinden, wofür sich zu leben lohnt“, wahrsagt der Lügner, „denn dafür lohnt es sich auch zu sterben und zu töten“.

Mit dem Fokus ändert sich die Erzählperspektive

In den Siebzigerjahren treffen wir Spazierer als Hausmeister in einem Wiener Priesterseminar, als „katholischen Dealer“ und kommunistischen Metaphysiker wieder. Er liebt und betrügt Junkiebräute, Carlos’ Genossen und linke italienische Fabrikantentöchter, fährt zum Weltjugendkongress nach Kuba und macht schließlich als angeblicher Enkel Ernst Thälmanns im Bonzenparadies DDR Karriere als Professor für wissenschaftlichen Atheismus und Freund von Margot Honecker und Erich Mielke. 1987 bricht seine Lebensgeschichte abrupt ab: „Der Rest ist erzählt“.

Das entspricht ausnahmsweise der Wahrheit. 2007 erzählte Michael Köhlmeier in seinem Jahrhundertroman „Abendland“ von einem Leben unter und mit der NS-Ideologie, jetzt von den Münchhausiaden und Köpenickiaden eines Hochstaplers im Kalten Krieg. In „Abendland“ war das schlechte Gewissen das „Kreuz“ der Epoche. Joel Spazierer hat kein Gewissen, weder Überzeugungen noch Ehrgeiz oder gar Selbstzweifel: „Ich habe mich nie über mich selbst gewundert, ich bin nie an mir selbst verzweifelt. Ich habe meine Person eben nie einem anderen geliehen und bestimmt nicht ausgeliefert.“

Mit dem Fokus veränderte sich auch die Erzählperspektive. Trat Köhlmeiers Alter Ego Sebastian Lukasser in „Abendland“ noch als Autor auf, so ist er diesmal nur noch der literarische Berater des Erzählers. Jede Erinnerung gerät irgendwann „unter das Regime der narrativen Transformation“, aber Spazierer will sich unter keinen Umständen zum Romanhelden ummodeln lassen. „Lüge ist Diebstahl an der Wirklichkeit“, aber die Wirklichkeit ist selber nur eine „Verkürzung, Verwesentlichung, eine Abstraktion des Paradieses“.

Das ist freilich auch das Kreuz dieses Romans. Köhlmeier schüttet auf 650 eng bedruckten Seiten ein Füllhorn von grotesken, wüsten und wunderbaren Lügenmärchen, Anekdoten, Witzen und Porträts aus. Er spaziert von Budapest nach Wien, Oostende, Zürich, Paris, New York, Moskau, Berlin und wieder zurück. Er kennt sich in der Tiermythologie der alten Ägypter und in scholastischen Gottesbeweisen aus, aber auch in Schach-Cafés, mexikanischen Schamanenritualen und Herzkatheteroperationen. Aber die disparaten Elemente runden sich nicht zum großen Zeit- und Gesellschaftsroman. Spazierer selber klagt einmal: „Ein Bienenschwarm an Gedanken und kein Plan, wohin ich die Waben meiner Erinnerungen bauen will und soll“. Köhlmeiers Schelmenroman ist so phantastisch und barock ausufernd wie Grimmelshausens „Simplicissimus“, Bulgakows „Meister und Margarita“ oder Grass’ „Blechtrommel“, aber anders als seinen großen Vorbildern fehlt es ihm an Konsequenz und Kohärenz.

Und seinem Helden an individueller Kontur und Plausibilität. Spazierer ist utopischer Träumer und zynischer Opportunist, Gottsucher und gefallener Engel, „gesegneter Egoist“ und „materialistischer Heiliger“, vor allem aber der ewige Schwindler, der sich auf nichts festlegen lässt und alles erklären kann. Er schmückt sich mit fremden Federn, schlüpft in anderer Leute Haut, schillert wie sein Wappentier, das Chamäleon, in allen Farben – und verschwindet so hinter seinen Masken und Verkleidungen. Sein Lebensmotto

„Alles kann aus uns werden“ ist mehr Drohung als Versprechen. Joel Spazierer spaziert letztlich gleichgültig, ungerührt und unverwundbar durch Höllen und Himmel seines Jahrhunderts, und so wird man bei aller Bewunderung für Köhlmeiers erzählerische Tour de force nicht so recht warm mit seinem heiligen Monster.

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