Handkes "Bis dass der Tag euch scheidet"

Des Heiligen Buße

In einer Grundsatzerklärung nennt Peter Handke seinen Monolog "Bis dass der Tag euch scheidet" weniger eine "Antwort auf Das letzte Band von Beckett? Eher ein Echo". Handke sieht die Zäsur, die Beckett gesetzt hat. Von Martin Lüdke

Von Martin Lüdke

Unser aller Handke ist immer wieder für Überraschungen gut. Für Provokationen ebenso wie für kniefällige Demutsgesten. Er war der letzte Vertreter der klassischen Moderne und wurde, nach seiner "Langsamen Heimkehr" der erste ernst zu nehmende Gottsucher der Gegenwart. Jetzt will er in einem kleinen Monolog eine große Rechnung begleichen und nicht nur der Moderne ihren kritischen Stachel ziehen, sondern seinen eigenen Rück-Schritt ins Heilige einem gottlos gestorbenen Autor in die Schuhe schieben. Zu diesem Zweck vergreift er sich an Becketts "Letztem Band", das am 5. Oktober 1969 in Berlin aufgeführt wurde. Als eine Art Requiem der klassischen Moderne.

Handke verkleidet sich zunächst als kleiner Schüler des großen Meisters. Lehnt sich eng an sein Vorbild an. Beckett hatte, auch bei "Krapp", alle Deutungen verweigert und auf seinen Text verwiesen.

Anders Handke. In einer Grundsatzerklärung nennt Handke seinen Monolog weniger eine "Antwort auf Das letzte Band von Beckett? Eher ein Echo". Handke sieht die Zäsur, die Beckett gesetzt hat. "Kann es sein", fragt er deshalb, "dass nach Beckett nur noch unsere sekundären Stücke gekommen sind?" Könnte es auch sein, fragt er weiter, dass "keine Reduktion mehr möglich" ist, "kein Null-Raum" mehr? "Nur noch Spuren der Verirrten"?

Begründungen interessieren Handke nicht. Auch hier soll die Devise seiner Predigt "Über die Dörfer" gelten: "Glaubt mir, und haltet euch daran!" Das Ergebnis ist, flapsig gesagt, ein dicker Hund. Dieser Widerruf gleicht dem Adrian Leverkühns (im "Doktor Faustus"), der einst die Neunte Sinfonie zurücknehmen wollte.

"Was sehe ich da?" Schon die ersten Worte reißen einen Raum der Illusion auf. Eine "Art Halluzination"? Denn das, was aussieht wie "ein Grabmal für die römischen Ehepaare einstmals", zwei Figuren, aus dem Stein gehauen, eng nebeneinander, das täuscht, weil in dem "Gegensatz" zwischen Mann und Frau ein ganz anderer Gegensatz aufscheint, der von Leben und Tod.

Nur die Statue der Frau beginnt zu sprechen, ihren Monolog. Es ist ihr Spiel. Allein ihre Stimme. Sein Spiel ist ausgespielt. Krapp bleibt Statue, "tot und hinüber". Im Vergleich zu Beckett haben sich bei Handke die Verhältnisse umgekehrt. Im "Letzten Band" sitzt der alte Krapp, Bananen mampfend, vor einem Tonbandgerät, und hört sich, bruchstückhaft, an, was er selbst, dreißig Jahre zuvor, aufs Band gesprochen hatte.

Nörgelnd kommentiert er sich als "albernen Idioten", grübelt: "Was ist schon ein Jahr, heutzutage? Bitteres Wiederkäuen und steinharter Stuhl." Dann starrt er "bewegungslos vor sich hin. Das Band läuft weiter, in der Stille." Das Ganze endet - im Schweigen.

Handkes Frau dagegen sagt: "Was war, ist jetzt - der Sommer, das Wasser, das Boot, das Schilf, die Stille."

Sie erkennt den schmalen Raum, der ihr belassen ist: "Mein Platz war ausschließlich in deinen Sätzen, deinem "Boot", in deinem ,Schilf´". Erkennt sie sich damit als sein Geschöpf? Nein. "Etwas wie eine Replik von mir hast du nie erwartet. Ja, nicht einmal ein Echo." Stattdessen postuliert Handke: "Du der Hall, und ich der Nachhall." Kein Dialog, ebenso wenig wie bei Beckett. Die Stimme, die jetzt zu Krapp spricht, soll als "Nachhall" verstanden werden. Das heißt: Handke will uns erklären, wie wir die Moderne zu verstehen haben.

Becketts Werk endete im Schweigen. Damit war die literarische Moderne am Ende, ebenso wie die moderne Musik (John Cage), wie die Malerei (Lucio Fontana). Die Möglichkeiten der Reduktion erschöpft. Vorbei die Zeiten, als eine Kritik (der politischen Ökonomie) noch möglich war, seufzte seinerzeit die Kritische Theorie. Handke deutet jetzt diese Diagnose um.

Die Frau, die zu Krapp spricht, hat nämlich, wie sie sagt, "entdeckt, dass du selber gar nicht an jenes Schweigen glaubtest, jenes Schweigen so anders groß als das der unendlichen Räume, das nicht bloß Blaise Pascal so erschaudern lassen hat." Ihr Vorwurf: "du hattest kein Vertrauen in die stille Welt als der Weisheit letzter Schluss".

Dieser Vorwurf zielt über Krapp hinaus auf Beckett und auch über Beckett noch hinaus auf die kritische Grundhaltung der Moderne überhaupt, die nicht die Welt, so wie sie ist, anbeten wollte, sondern, im Gegenteil, verändern. Handke dagegen deutet das Schweigen nicht als Reaktion auf den Schrecken der Welt, sondern als demütiges Verstummen angesichts der Schönheit einer heiligen Schöpfung.

Bei ihm ist die klassische Moderne nicht am Ende, sondern am Ziel - vor dem Altar - angekommen. Nicht die postmoderne Devise "Alles ist möglich" gilt für ihn, sondern "Alles ist schön".

Abtreten zum Gebet!

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