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Heike Geißler: „Die Woche“ – Eine Woche voller Montage

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Von: Judith von Sternburg

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Die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler. Foto: Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag
Die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler. © Heike Steinweg www.heikesteinweg.de

Heike Geißler macht uns Staunen mit kaltem Zorn und lebhaftem Witz, während ansonsten in einer unguten Welt nichts recht vorankommen mag.

Das ist durchaus ein Buch des in muntere Worte heruntergekühlten Zorns. Heruntergekühlt ist der Zorn einerseits sarkastisch, andererseits selbstironisch, einerseits sentenzenhaft, andererseits aufgekratzt und ausgesprochen witzig. Gerichtet ist er kurz gesagt gegen soziale und politische Verwerfungen. „Das, sagt Constanze, ist etwas, was auch in den Schulen unterrichtet werden muss: Wie man sich auf Entmietungen vorbereitet und sie dauerhaft erfolgreich abwehrt.“

Mit einem Ausschnitt aus ihrem neuen Buch ist die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler im vergangenen Jahr beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt aus unerfindlichen Gründen ganz leer ausgegangen. Auch jetzt steht direkt wieder die Vermutung im Raum, es handele sich bei dem Roman „Die Woche“, soeben erschienen und unter den Nominierten für den am heutigen Donnerstagnachmittag vergebenen Preis der Leipziger Buchmesse, gar nicht um einen Roman. Höchstens um einen Romanessay, einen Diskursroman, viel Theorie, viel These.

Indes gibt es natürlich auch eine Handlung. Zwei (entmietete) Frauen in Leipzig – die Ich-Sagerin hat Kinder, ihre Freundin Constanze ständig neue pfiffige Ideen für Seminare – tun sich schwer damit, durch die titelgebende Woche zu kommen, da mysteriöserweise andauernd wieder Montag ist, der Tag, den der Mensch am allerwenigstens braucht.

Ich-Sagerin. Es fällt etwas schwer, von einer Ich-Erzählerin zu sprechen, nicht nur, weil sie meistens „wir“ sagt und Constanze und sich damit meint. Sondern auch, weil ihr selbst bewusst ist, dass sie keine Romanerzählung im engeren Sinne bieten will. Kann. „In weiter Ferne“, heißt es einmal, „schlendert der schönste Roman der Welt auf uns zu. Er hat den entspanntesten Schritt, und es ist, als schauten wir durch Jahrzehnte hindurch zurück. Er trägt eine weiße Jeansweste auf nacktem, gebräuntem Oberkörper, dazu eine weiße Jeanshose mit Schlag. Er trägt dieses Outfit, er trägt alles mit Humor und Verbindlichkeit. Wir sehen ihn nicht deutlich, aber: Das könnte ein Gott sein, werden wir sagen. Sind sie nicht so, die guten Götter?“ Am „Rand des Krieges“ trifft man sich nachher wieder. „Am Rand des Krieges sitzt der schönste Roman von allen und will mit keinem Storytelling mehr etwas zu tun haben: You know, lass mal gut sein.“ Am Rand des Krieges: Obwohl „Die Woche“ nicht diese Woche und nicht die letzte Woche meint, ist sie nah dran.

Eine „lausig lange“ Woche, die allein dem Kopf der Erzählerin, die insofern also doch eine Erzählerin ist, entspringt. Damit können alle Schwerfälligkeiten eines Alltags übersprungen werden, obwohl es genau um einen solchen geht. Auch ergeben sich neue, eigenwillige Probleme. „Da ich meinen Mann nicht in den Text lasse, muss ich nun die sein, die das Frühstück hinstellt, die Schulbrote schmiert.“ Und da ständig Montag ist, finden ohne Unterlass Montagsdemonstrationen statt.

Das Buch

Heike Geißler: Die Woche. Roman. Suhrkamp, Berlin 2022. 314 Seiten, 24 Euro.

Die Gegenwehr der beiden Frauen reicht von kindlichem Krawall – „Wir brüllen ins Treppenhaus: Das ist eine kriminelle Häufung von Montagen“ – bis zu wortgewandter Empörung. Einem Blutrausch ohne Blut. Oder, in der am imposantesten sublimierten Weise, wenn die Frau zu ihren Kindern (die wieder einmal nicht aufräumen wollen) sagt: „Geht nach draußen und seht die an, die sicher sind, die nichts erschüttern kann, die sich an meinen Fehlern erfreuen und alle Zeit haben, ihre eigenen Fehler zu retuschieren, auszubügeln, zu verschleiern. Alles so ein Makel hier, aber jene ohne Makel, die schon aus Tradition höchst ungern und selten Makel tragen, die sich hinstellen und über uns lachen, weil unsere Sätze lang sind und verworren und unsere Einwände abwägend und unsere Augen voller Abscheu für ihre Panzerwagen und Familienkonstruktionen – die schaut an, als wären sie am Lebensende, als stünde es wirklich schlecht um sie, und fragt, ob ihr ihnen wenigstens über die Straße helfen könnt.“

Das also ist die subversive Vergeltung der „proletarischen Prinzessinnen“, so nennen sich Constanze und ihre Freundin. Im Buch ist das eine überstrapazierte Wendung, aber die beiden machen ihren Punkt dadurch klar: „Wir sind verwackelte Abziehbilder auf Haut. Wir sind fast nicht da. Wir kommen ja doch aus abwegigen Büchern. Wir sind Arbeiterkinder, die ihre Herkunft lange Zeit verschleiert haben. Aber nun sind wir offiziell Prinzessinnen mit Arbeitereltern.“

Durch die „lausig lange“, aber sehr gesprächige Woche begleiten sie merkwürdige weitere Gesellen, in erster Linie der Tod und das Unsichtbare Kind. Man gewöhnt sich aneinander, geht ins Fitnessstudio. „Auf dem Laufband neben uns schwitzt der Tod. Scheiße, sagt der Tod, ich kann ja gar nichts. Ich schaue erst Constanze an, dann den Tod, dann wieder Constanze und flüstere: Der kann ja wirklich nichts. Der Tod fällt nach fünf Minuten durchgeschwitzt vom Laufband. Die Trainerinnen und Trainer kommen gerannt. Er gehört zu uns, sagen wir, wir kümmern uns.“

Das Unsichtbare Kind hingegen beharrt darauf, geboren zu werden, aber die Frau mag nicht. „Du kannst die Entscheidungsschwierigkeiten deiner Generation nicht an mir auslassen“, sagt das Unsichtbare Kind. Um Argumente ist hier keiner verlegen. Und wie in einer erfrischen Screwball-Komödie siegt der Spaß nicht selten vor dem absolut vorhandenen Ernst der Lage.

Interessant natürlich, dass auch „Die Woche“ schön geschrieben ist, formal schön, mit einer akademischen Eloquenz, die ebenso penetrant sein kann wie das Herumreiten auf der Noblesse einer mittellosen Herkunft. Die Frauen sind informiert, Mary Beard, Donna Haraway, Lacan, Theweleit, aber auch das „Missy Magazin“ und sogar Ottokar Domma, es herrscht kein Mangel an Diskursbezügen, überhaupt an Bezügen. Die Erzählerin – inzwischen haben wir uns an das Wort gewöhnt – schaut sich am Antaios-Stand auf der Buchmesse um und ist enttäuscht von ihrem Anpassungs- und Zuneigungsdrang. Gegen Ende ragt noch der „immune“ Teil des Staates herein.

Es herrscht weitgehender Stillstand (meistens, aber nicht immer ist Montag), das ist eine Schwierigkeit, die formal dazugehört und ihren eigenen, unerwartet soghaften Reiz entwickelt. „Wir reden so vor uns hin und kommen in Schwung, während wir müder werden.“

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