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Schriftstellerin Heike Duken. Frank Hanewacker / Sedan Sieben
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Schriftstellerin Heike Duken.

Autobiografischer Roman

Heike Duken: „Denn Familie sind wir trotzdem“ – Lass uns heimfahren, Opa

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
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Im autobiografischen Roman „Denn Familie sind wir trotzdem“ von Heike Duken wird der SS-Großvater mit sehr zarten Strichen getuscht

Man darf sich die durchschnittlichen Nazi-Großeltern nicht als Monster vorstellen, nicht als lebende Leichen im Familienkeller, als maskierte Fremdlinge in der westdeutschen Nachkriegswelt. Sie prägten sie vielmehr, gebaren sie, waren sie. Wie viele – um mal nur von der Funktionselite zu sprechen – ehemalige SS-Leute schlüpften durch das lose Netz der Entnazifizierung, tauchten ein paar Jahre unter und saßen dann als Jedermänner wieder mit am Tisch?

Hunderttausende müssen es gewesen sein. Eltern einer neuen Generation, der sie aber wenig mitzugeben hatten außer ihrem gekränktem Stolz, dass es nichts geworden ist mit dem begüterten Leben im Osten oder – in den besseren Fällen – dem gelegentlichen Erschrecken über sich selbst nach dem soundsovielten Bier und Korn in der Nacht. Die einen zogen den Scheitel ihr Leben lang mit dem Lineal und bewahrten die Zyankalikapsel im Nachttisch auf, die anderen häuteten sich, so gut sie konnten, und versuchten, ihre Schuld mit Selbsthass zu begleichen. Keine Wurzeln und keine Flügel für die folgende Generation, erst die Enkel brachen oft die Starre.

Der Vater der Schriftstellerin Heike Duken war bei der Waffen-SS. Er muss fast 50 gewesen sein bei ihrer Geburt im Jahr 1966 und starb, als sie noch klein war. Jan Richard Duken, sie widmet ihm ihren zweiten Roman, „Denn Familie sind wir trotzdem“, der jetzt im Limes Verlag erschienen ist. Wie ihre Protagonistin Ina hat Duken Psychologie studiert, wie Inas Vater im Buch wuchs Dukens Vater mit seinem Bruder bei einem Onkel auf, der sich als Kinderarzt in der Euthanasie betätigte und seine Neffen mit brutalem Drill erzog. Und ganz wie Inas Großeltern im Roman waren Dukens Großeltern Weltreisende, die sich nicht mit zu vielen Kindern belasten wollten und froh waren, dass es einen Bruder und Schwager gab, der zwei von ihnen übernahm.

Der verlassene und gequälte, der indoktrinierte Sohn und Neffe, der zur SS geht – ist dies ein apologetischer Roman? Ist dies trotz all der übereinstimmenden Eckdaten überhaupt ein autobiografischer Roman? Der Vater im Buch stirbt nicht mit Anfang fünfzig, sondern wird alt, sieht seine Tochter aufwachsen und besucht mit der Enkelin, deren Vater ein jüdischer Israeli ist, ein Kriegsgräberfeld. Es handelt sich um die therapierte Form eines autobiografischen Romans – therapiert, nicht geheilt, denn heil ist hier zunächst nichts, sondern vielmehr hoch neurotisch, und das ist zumindest in literarischer Hinsicht auch gut so.

Heike Duken hat einen hellen, schnellen Stil und ein sicheres Gespür für Tonlagen und den richtigen Schwung. Sie erzählt die Geschichte nicht durch, sondern collagiert Szenen, Charaktere und Zeiten. Am Anfang fühlt man sich um ein Großes, Ganzes betrogen, aber andererseits erspart einem das auch den Kitsch.

Das Buch:

Heike Duken: Denn Familie sind wir trotzdem. Limes Verlag, München 2021. 320 S., 20 Euro.

Ina geht nach dem Abitur nach Israel, verliebt sich im Kibbuz, wird schwanger von einem jungen Mann, Ariel, der – oder dessen Familie? – sich mit einer Deutschen dauerhaft nicht verbinden will. Sie bekommt das Kind daher allein und schlägt sich unter finanziell und nervlich prekären Bedingungen durch, immer am Rande des Zusammenbruchs, einmal auch mittendrin.

Ina-Szenen wechseln mit Szenen im Haus des Nazi-Großonkels, mit Tagebucheintragungen von Inas Tochter Floriane, die darin Briefe an den ihr unbekannten Vater schreibt, mit Szenen aus dem Weiter-und Überleben von Inas Vater Paul, der ohne Bruder und mit einem Loch im Bauch aus dem Krieg zurückkommt und durch Vergessen Wiedergutmachung leisten will. Die Ina-Szenen sind, wen wundert’s, besonders prägnant. Ihr Ringen mit dem hyperaktiven Kind, den Lehrern, der Armut, ihr Hang zum Klauen und ihr nachhaltig gebrochenes Herz, ihr Einverständnis aber auch, an Ariel, den Israeli, keine Ansprüche stellen zu können, finanzielle sowieso nicht, aber auch keine emotionalen.

Das Opa-Enkelinnen-Gespräch am Ende, in dem Paul versehentlich verrät, dass er bei der Waffen-SS war, gerät allerdings zu so etwas wie einem romantischen Traum im bis dahin angenehm unromantischen Buch. Denn als Floriane Paul nach einem Zögern fragt, ob er Juden umgebracht hat, antwortet er: „Einen.“ Und Frauen vergewaltigt? „Nie.“ Ja, der SS-Opa wird hier mit sehr zarten Strichen getuscht. Aber was weiß man schon von anderer Leute Leben. Wer ist man, zu richten, wenn man nicht dabei war?

Wäre er ein besserer oder schlechterer Opa, hätte er gesagt „Tausend“? Wäre die Figur wahrer? Der Verweis auf Jan Richard Duken konkreter? Hätte die Enkelin den Opa einen Lügner nennen und ihn aus dem Auto (in dem das Gespräch stattfand) stoßen sollen? „Lass uns heimfahren, Opa“, sagte sie stattdessen. Sie ist hochschwanger, Paul schwer krank.

Gras wächst über die Narben

In der letzten Szene hat Florianes Tochter, die Urenkelin, Chatkontakt mit einer israelischen Großcousine: „Mein Opa ist auch dein Opa glaube ich Ariel Schalom mir hat keiner was erzählt aber ich habs rausgekriegt“. Gras wächst über alle Narben. Ina ist am Ende auch nicht mehr allein, sondern hat einen Jochen an ihrer Seite. Sie hat ihn in der Reha kennengelernt – in der Gesprächsgruppe der Hirnoperierten. In der Tat ist das ein Roman, dem es um Verständnis und Versöhnung mehr zu tun ist als um Anklage. Aber das sollte kein Grund sein, ihn nicht zu lesen.

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