+
1956: Heide Sommer vor dem Kirow-Stadion in Leningrad.

Erinnerungen

Heide Sommer: „Fünf Jahrzehnte als Sekretärin berühmter Männer“ – In der Mad-Men-Welt

  • schließen

Heide Sommer erzählt so diskret wie genau von ihrer Arbeit für Günter Gaus und Rudolf Augstein, Joachim Fest und Fritz J. Raddatz, Theo Sommer, Helmut und Loki Schmidt.

Sie wurde 1940 in Berlin geboren. „Für ein Studium haben wir das Geld nicht“, erklärte ihr Vater, ein Musiker, der Abiturientin. Mit 22 war sie Sekretärin in der politischen Redaktion der „Zeit“. Fast ihr ganzes Leben lang war sie Sekretärin. Von u.a. Rudolf Augstein, Joachim Fest, Günter Gaus, Fritz J. Raddatz, Helmut und Loki Schmidt, Theo Sommer, Carl Zuckmayer. Sie hatte dazwischen auch weniger illustre Arbeitgeber. „Lassen Sie mich mal machen“ ist der Titel ihrer Erinnerungen an die berühmten Chefs.

Es ist ein großartiges Buch über eine aussterbende Spezies. Es wird immer Chefsekretärinnen geben. Aber auch immer weniger. „Fünf Jahrzehnte als Sekretärin berühmter Männer“ ist der Untertitel. Wer Skandalgeschichten erwartet, wird enttäuscht werden. Loyalität und Diskretion stecken in der DNA einer Chefsekretärin. Ohne sie sind alle anderen Qualitäten, die sie hat, nichts wert. Heide Sommer kann sich die entsprechenden Stränge nicht einfach für ein Buch rausschneiden. Aber was sie als Skandalnudel nicht hergibt, macht sie mehr als wett durch ihre Intelligenz. Ich weiß, dass man so etwas nicht sagt. Aber ich muss es doch sagen, denn Heide Sommers Intelligenz erstreckt sich auch und gerade aufs Skandalöse.

Aber zunächst doch noch ein paar andere Bemerkungen. Sie hat Romane von Henry Roth übersetzt und eines der schönsten Bücher der vergangenen Jahre: Sy Montgomerys „Rendezvous mit einem Oktopus. Extrem schlau und unglaublich empfindsam: Das erstaunliche Seelenleben der Kraken“ und im März erschien „Einfach Mensch sein. Von Tieren lernen“ ebenfalls von Sy Montgomery. Auch Howard Zinns „Marx in Soho“ hat sie aus dem Englischen übersetzt. Stammen die kleinen Harzer Krimis mit „Berta und Augusta“ auch von ihr? Oder hat sie eine Namensvetterin?

Es gibt nichts, das Heide Sommer nicht kann

Sie, das wiederum weiß ich, lektoriert auch Bücher sehr bekannter Autoren. Darüber schreibt sie nicht in ihrem Buch. Es gibt nichts, davon gehe ich aus, das sie nicht kann.

Womit wir bei ihrer sehr spezifischen Form der Intelligenz sind. Es ist eine invasive Form. Sie dringt ein in ihr Gegenüber, macht sich vertraut mit ihm, lernt zu denken wie es. Sie schildert, dass sie bei Günter Gaus durch die Wand, die das Chef- vom Vorzimmer trennt, hindurch wusste, was er dachte. Wenn er dann die Tür öffnete, war sie schon vorbereitet. Heute hat man ein Wort dafür: Empathie. Ich glaube, es kommt nicht ein einziges Mal in ihrem Buch vor. Dafür gibt es einen einfachen Grund. Es hört sich zu gefühlig an, es fehlt der Abstand, den die Intelligenz braucht, um sich auch in der größten Nähe noch entfalten zu können.

Heide Sommer ist angewiesen auf Chefs, die sie mal machen lassen. Kontrollfreaks kann sie nicht brauchen, und sie können sie nicht brauchen. Je freier sie ist, desto besser erfüllt sie die Wünsche ihrer Auftraggeber. Es ist ein wenig wie bei einer guten Übersetzung. Ohne Freiheit gibt es da keine Treue.

Wer jetzt denkt, er bewege sich auf dem dünnen Eis einer gefälligen Lebensphilosophie, der schreibe sie bitte nicht Heide Sommer zu. Sie kommt von mir. Heide Sommer ist immer am Thema. Sie beschreibt die Wandlungen des Bürolebens des vergangenen halben Jahrhunderts. Nicht nur die qualmenden Männerrunden jener frühen Jahre, sondern auch die damit verbundenen Technologien. Wir starten mit ihr in einer Welt, in der Schreibmaschinen noch schwergewichtige Apparate waren, in denen es noch kein Tippex gab und Diktiergeräte so gut wie keine Rolle spielten.

Die Herren baten zum Diktat. Sie waren brillant oder sie waren es auch einmal nicht. Wichtig war, dass der Text, den die Sekretärin ihnen am Schluss gab, es war. Er war der Spiegel, in dem sie sich wiedererkennen wollten. Die Vorstellung, alles drehe sich um Effizienz, ist falsch. Sie mag die Voraussetzung für alles sein, aber ohne Narzissmus und dessen Befriedigung läuft nichts auf der Welt. Nur Psychopathen brauchen nicht das Gefühl, geschätzt oder gar geliebt zu werden.

Heide Sommer schildert sehr genau die Nähe, die zwischen einer Sekretärin und ihrem Chef entsteht, ohne zu erschrecken vor der damit immer verbundenen Erotik. Theo Sommer heiratete sie, und sie bekam Kinder von ihm. Eine Weile verschwand sie in der Ehe. Das ist keine Institution, in der es heißt „Lassen Sie mich mal machen.“ Es sei denn, man trennt die Bereiche. Aber Heide Sommers Intelligenz ist invasiv. Getrennte Bereiche sind ihre Sache nicht.

Über die Arbeit mit Günter Gaus schreibt sie: „Seine Artikel schrieb er wie Augstein mit der Hand, und er tat das, wie dieser, in der alten deutschen Sütterlin-Schrift. Da unlesbar, weil ein Spiegel seiner Verklemmtheit, musste er mir seine Texte nach der Niederschrift noch ins Stenogramm diktieren.“ Das ist die vom Stand der Technologie geschaffene Ausgangssituation. Sie hat Konsequenzen: „Wie Jahre zuvor mit Theo entstand auch hier in der physischen Intimität der Diktatsituation diese leicht erotische Spannung, die wir nicht ernst nahmen, die uns aber ein Flirtlächeln ins Gesicht zauberte und den Arbeitseifer enorm ankurbelte.“ Erotische Spannung erhöht den Arbeitseifer.

Das ist eine Erfahrung. Eine Erfahrung ist freilich auch, dass man die Spannung nicht beliebig erhöhen kann und der Arbeitseifer steigt immer weiter mit. Ganz abgesehen davon, dass man nicht davon ausgehen kann, dass die eigene erotische Spannung immer der des Gegenübers entspricht.

Heide Sommer erzählt weiter: „Gaus wanderte beim Diktieren im Zimmer auf und ab, immer wieder die gleichen Schritte um die Sitzgruppe aus Leder herum. Ich saß niedrig im Besuchersessel, die Beine übergeschlagen, den Kopf Richtung Block geneigt. Ab und zu, ganz selten, wenn er beim Umherwandern an mir vorbeikam, strich er mir sacht mit der Hand über den Nacken und beobachtete interessiert die Wirkung, die das auf mich hatte. Und es hatte eine Wirkung, das war für ihn deutlich zu erkennen, doch lag das eher an meinem sensiblen Nacken als an ihm. Wir machten nichts draus, es blieb bei der leeren, verspielten Geste, einem Hauch von Nichts.“

Keine tiefen Blicke mehr, sondern zarte Handlungen, kleine, gezielte Übergriffe, von oben nach unten. Heide Sommer schützte sich, indem sie Gaus von oben betrachtete: „Ich fühlte mich weder bedrängt noch beleidigt und spürte, dass er, der enorm Eitle, stets Unsichere, nach Lob und Bestätigung Lechzende, das nur machte, um seine eigene innere Anspannung, den Druck, ob der Artikel gelingen würde, abzubauen. Die kurzen Berührungen waren seine Blitzableiter, die Blicke eher fragend, Zustimmung erheischend.“

Wie viel Druck durfte er abbauen? Welchen Druck? Wo war die Grenze? Natürlich ist eine Sekretärin nicht dazu da, dem Chef beim Druckabbau behilflich zu sein. Dergleichen gehört in keine Arbeitsplatzbeschreibung, in keinen Arbeitsvertrag. Andererseits geht es bei aller Kommunikation nie nur um Mitteilung, sondern immer auch um Spannungsauf- und Spannungsabbau. Wer es bei sich nicht bemerkt, der sehe sich bei seinen Mitmenschen um oder betrachte auf Youtube einen Bonobo-Film. Oder besser noch: er lese Heide Sommers Expeditionsberichte aus der bundesrepublikanischen Mad-Men-Welt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion