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Hegemonie auf Dauer

Malcom Sylvers sieht keinen Wirtschaftsabstieg der USA

Von Frank Niess

Es ist noch gar nicht so lange her, da haben renommierte Fachleute vom Massachusetts Institute of Technology den Niedergang der Vereinigten Staaten konstatiert. In der Tat war der statistisch erhärtete Befund, den sie Ende der achtziger Jahre vorlegten, Besorgnis erregend. Denn nicht nur bei traditionellen Erzeugnissen wie Stahl, sondern auch in zukunftsträchtigen Sparten, bei Halbleitern und Werkzeugmaschinen beispielsweise, waren die USA zurückgefallen. Das Wachstum der Produktivität hatte merklich nachgelassen, ein "technologischer Stillstand" drohte. In der Handelsbilanz und im Bundeshaushalt hatte sich ein "doppeltes Defizit" von gigantischen Ausmaßen aufgetan. Erstmals seit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen waren die Vereinigten Staaten zum Schuldnerland geworden.

Inzwischen ist von einer "amerikanischen Renaissance" die Rede. Die USA sind zwar nicht mehr die Nummer eins auf allen möglichen wirtschaftlichen Gebieten. Aber sie erstellen noch immer fast ein Fünftel der Weltproduktion und 15 Prozent der Weltexporte für Industriegüter. In seinem faktenreichen Buch erklärt der New Yorker Malcolm Sylvers, Professor an der Universität Venedig, ausführlich, warum es bei der Hegemonie der USA bleiben wird. Immerhin verfügen die Vereinigten Staaten über 11,3 Prozent beziehungsweise 16,3 Prozent der Weltproduktion an Erdöl und Getreide. Sie beherrschen seit dem Zweiten Weltkrieg die strategischen Sektoren: Landwirtschaft, Energie, Telekommunikation und Luftfahrt. Schier unumstößlich ist ihre Vorherrschaft im Finanzbereich. Die Schwierigkeiten des Landes im internationalen Handel werden durch die besondere Stellung des Dollars kompensiert. Die USA können sicher sein, dass die internationalen Institutionen UNO, IWF oder WTO keine Beschlüsse fassen, die Washington nicht genehm sind.

Kurzum: Sie besitzen die strukturelle Macht, um ihre hegemoniale Stärke zu bewahren. Dies auch dank ihrer Dynamik, die der marxistisch inspirierte Autor nicht leugnet, wenngleich er die sozialen "Flurschäden", die der Neoliberalismus in den USA, aber auch weltweit, im Zeichen der Globalisierung anrichtet, harsch beim Namen nennt. Der Preis, den die kleinen Leute für die "wilde Umstrukturierung" in den achtziger Jahren, im "Jahrzehnt der Gier", bezahlen mussten, war hoch. Zielten doch die Bestrebungen der Unternehmer in erster Linie auf eine radikale Kostensenkung, vor allem der Arbeitskosten. Lohnkürzungen, Entlassungen und schlechtere Arbeitsbedingungen waren die Konsequenz.

Sylvers zeigt am Beispiel von Mittelschicht und Arbeiterklasse, also drei Vierteln der Bevölkerung, wie sehr sich deren soziale Lage verschlechtert hat. Das Durchschnittsgehalt ist zwischen 1975 und 1995 merklich geschrumpft. Mit der Folge, dass 40 Millionen Amerikaner zur Gruppe der "working poor" gehören, für die ein einziger Job nicht mehr genügt, um eine Familie zu ernähren. Die Gefahr, in die Armut abzugleiten, ist groß. Vor allem für die ethnischen Minderheiten, speziell für die Afroamerikaner, deren Gemeinschaften der Autor im "sozialen Verfall" begriffen sieht. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich weiter aufgetan. In Großbritannien verdient ein Geschäftsführer durchschnittlich 35 Mal mehr als seine Arbeiter, in Japan nur 17 Mal, in den USA dagegen 109 Mal.

Sylvers, der Geschichte und Außenpolitik der USA lehrt, beschreibt ausführlich das amerikanische Regierungssystem. Wobei er den Think tanks, von denen es ungefähr 1200 gibt, und den Pressure groups wie den Gewerkschaften - die allerdings seit der "Deindustrialisierung" an Einfluss verloren haben - besondere Aufmerksamkeit widmet. Es folgen Betrachtungen über die Innen- und Außenpolitik der Republikaner und Demokraten, von Bush senior über Clinton bis zu George W. Bush. Von so manchen Differenzen abgesehen stimmte doch deren Außenpolitik in den Grundzügen überein. Sie haben keinen Zweifel daran gelassen, dass sie den hegemonialen Status der USA erhalten wollten. Und der monströse Militärapparat stellte sicher, dass sie dies auch konnten.

Der Autor betrachtet sein Werk "als einen bescheidenen Beitrag zur Entwicklung einer kritischen Theorie unserer Gesellschaft", am Beispiel USA. Das Buch ist klar gegliedert, verständlich geschrieben und so gründlich auf den Forschungsstand bezogen, dass es auch als Einführung in die Zeitgeschichte und das politische System der USA gelesen werden kann.

Malcolm Sylvers: Die USA. Anatomie einer Weltmacht. Zwischen Hegemonie und Krise. Aus dem Amerikanischen von Evelyn Barth. PapyRossa Verlag, Köln 2002, 333 Seiten, 16,90 €.

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