Wetterau-Romane

"Das Haus" von Andreas Maier

Heimat! Andreas Maier legt mit "Das Haus" den zweiten Teil seiner Wetterau-Romane vor.

Von Astrid Kaminski

Heimat! Andreas Maier legt mit "Das Haus" den zweiten Teil seiner Wetterau-Romane vor.

Dehaam is dehaam! Das heißt bei uns: Daheim ist daheim“, erklärt der Autor Andreas Maier im ersten Teil („Das Zimmer“, 2010) seiner auf elf Bände angekündigten Provinzsaga über die Wetterau: Inzwischen gibt es den zweiten Band, der die Keimzelle dieses „Dehaams“ schildert und „Das Haus“ heißt.

Während der Ich-Erzähler im ersten Band seinen „geburtsbehinderten“ Onkel, den „Sehnsuchtsbolzen“, und dessen triebhaft dunkel aufgeladenes Zimmer in den Fokus nimmt, kümmert sich der zweite Band um den Ich-Erzähler, Andreas, selbst, ausstaffiert mit einer fünfköpfigen, in den 1970er-Jahren an den gesellschaftlichen Wurzeln noch angebräunten Familie.

Das besagte Haus wird im Kapitel „Drinnen“ beschrieben: riesige Eingangshalle, vollkommen untertunnelt von modelleisenbahnbestückten Hobby-Kellerräumen und benachbart von der beheizten Garagen-„Heimat“ fürs väterliche „Automobil“ und sein von der Mutter gefahrenes „Geschwister“. Jedoch wird für den Protagonisten weniger das Kleinbürgermonument zum Problem als die beinahe gesamte Mitmenschheit – vor allem männliche Schulkinder werden im zweiten, „Draußen“ überschriebenen Teil des Romans als uneingeschränkt verrohte, verdorbene, von Natur aus charakterlose und „Schwanz“-fokussierte Wesen dargestellt. Es ist also nachvollziehbar, dass aus dem Kindergartenverweigerer Andreas ein Schulverweigerer wird.

Etwas zu nachvollziehbar. Maiers Ansatz, sich auf das frühe Erleben zurückzubesinnen und die Welt vor der selbstbewussten Wahrnehmung zu schildern, festgesponnen in die elterliche Weltsicht und die kindliche emotionale Verarbeitung davon, ist spannend, die Umsetzung aber holzschnittartig.

Die Lust am lesenden Imaginieren vergeht dabei schnell. Auch in der erzählten Ambivalenz des erwachsenen Andreas zwischen Heimatgefühlen und Paradiesvertreibungstrauma hat sich der Leser schnell zurechtgefunden, und der Protagonist versinkt so nicht nur in einer dumpfen provinziellen Alltags-, sondern auch einer brütenden Themenmonotonie, die eher zäh als zwingend ist.

Baumaßnahmen gehören zu solchen Brutstätten. Der Erzähler beklagt sich mit Vorliebe über eine „Ortsumgehung“, die ihm schon in der Wetterau-Saga I Schmerzen bereitet hat, und die er „ihre Ortsumgehung“ nennt, mit der „sie meine Herkunft und alles, wovon ich schreibe, Zug um Zug ins Einstmals planieren.“ Das Straßenbauamt von heute ist also genauso böse wie die Schulkinder von einst, während Andreas, groß oder klein, ihren Taten defätistisch ausgeliefert ist.

Wer dem Autor Andreas Maier in Interviews und anderen Texten schon begegnet ist, fragt sich, inwiefern der Inhalt des Klagens einem fiktiven Ich-Erzähler zuzuordnen ist. Ab und an zu lamentieren macht zugänglich, aber das Dauerweinen in Dreieinheit von unbeflecktem Protagonisten, Ich-Erzähler und mutmaßlich auch Autor wird bald öde – vor allem, da ein bewegender Diskurs fehlt, und Maier zu seinem Alter Ego mit sprachlichen Mitteln – außer durch seltene, eher flache Humor-andeutungen – kaum Distanz aufbaut.

Sicher wird die Wetterau-Saga mit ihren Daten zwischen Mondfahrtfernsehen und Elvis-Presley-Besuch schon ihrer Ambition wegen einen Teil zum literarischen Deutschlandbild beitragen. Die Grenze zwischen Dokumentarischem, Fiktivem und Autobiografischem ist aber weder verschwommen noch klar genug. Als fiktive Figur ist der „Problem-Andreas“ zu eindimensional, als autobiografische zu wenig reflektiert.

Was die Stilmittelausrüstung angeht, hat Maier in „Das Haus“ die spätestens seit seiner Doktorarbeit veranlagte Thomas-Bernhard-Nähe wieder mehr zugelassen. Angesichts der geschilderten, wahrscheinlich noch nicht einmal historisch zu nennenden deutschen Mittelverdienerprovinz, in einer Gegend, in der Cappuccino vermutlich immer noch mit Sprühsahne gemacht wird, könnte einem tatsächlich ein bernhardsches Hassgewitter entfahren.

Aber Andreas Maier ist sanfter, und sein Interesse gilt anderen Stilmitteln wie der indirekten Rede, der Wiederholung, der psychosomatischen Hypochondrie. Auch die Fähigkeit, lange, durch viele Kommata abgetrennte Sätze in klarster und rhythmisch prägnanter Übersichtlichkeit zu strukturieren, erinnert an Bernhard. Sprachlich ist das sehr homogen, der Tonfall aber lauwarm. Auch der Wortgebrauch ist vielfach nicht so geschliffen und präzise, wie man es von den wie abgezählt wirkenden Sätzen des schmalen Buches erwarten würde.

Wie ein „Gemälde von Breughel“ liege das Bild seiner Angst vor Schule und Schulhof heute vor ihm, erzählt Andreas. Von welchem Breughel, alt oder jung? Und welches Bild? Das mit den Schlittschuhläufern? Mit den heiligen drei Königen? Mit dem heiligen Umgehungsstraßengegner? Die Auflösung vielleicht in Teil drei.

Andreas Maier: Das Haus. Suhrkamp, Berlin 2011. 200 Seiten, 17,95 Euro.

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