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Hauptsache, da sind Flügel dran

Der holländische Altmeister als Schlitzohr: Heute erscheint Cees Nootebooms Roman "Paradies verloren", in dem uns die Engelsmacht nahe gebracht wird

Von MARTIN LÜDKE

Noch ein Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion um die Säkularisierung religiöser Gehalte? Sicherlich. Aber: erst einmal und vor allem eine Liebesgeschichte. Weit hergeholt? Oh, ja! Aber hautnah herangebracht. Die Geschichte einer großen, unstillbaren Sehnsucht. Kompliziert? Aber einfach zu lesen. Auch wenn sich der Anfang erst vom Ende her erschließt. Alles glasklar. Cees Nooteboom bündelt in seinem neuen Büchlein Paradies verloren noch einmal alle Motive seines Schreibens. Die vom ihm zitierte Einsicht von Groucho Marx - "Wir standen am Rand des Abgrunds, aber wir machten einen Schritt nach vorn" - dokumentiert die Ernsthaftigkeit, mit der er spielt.

Der holländische Großmeister präsentiert ein Alterswerk, das ihn auf der Höhe seines ganzen Könnens zeigt. Mit Anmut und mit Übermut kommt er hüpfend über die Berge, mit einer schwebenden Leichtigkeit und so, als wäre es ihm alles gerade erst eingefallen, entwickelt er in dieser Erzählung, die uns, wohl etwas vermessen, als Roman verkauft wird, aus einem kleinen Unterschied ein grandioses Stück Literatur. Der kleine Unterschied wird sichtbar in dem Vergleich zwischen der biblischen Schöpfungsgeschichte und John Miltons Verlorenem Paradies. Hier vertreibt Gott noch eigenhändig Adam und Eva aus dem Paradies, als Wachen setzt er die Cherubim vor den Eingang. Im 17. Jahrhundert verpflichtet der englische Dichter dagegen einige Engel als Rausschmeißer.  

Das heißt, er polstert die Schöpfungsgeschichte nachträglich auf. Zwischen Gott und die Menschen treten Wesen, die nicht nur Transport- und Botendienste übernehmen müssen, sondern, mit zunehmender Entfernung von ihrem Ursprung, unsere Phantasie beflügeln und so zum Inbegriff menschlicher Sehnsüchte werden konnten. In dem Maße, in dem sich die Transzendenz verflüchtigt, wird sie uns, nicht nur in Gotteshäusern und auf Gottesackern, sondern auch in den Schnitzereien des Kunsthandwerks, auf Medaillons und Amuletten, greifbar vor Augen gestellt.

Weil wir sie wollen

"Weil wir wollten, dass es sie gibt, haben wir die Engel erschaffen - um zuweilen für einen Moment glauben zu dürfen, es sei möglich, uns mit wenigen Flügelschlägen über das Leben auf der Erde zu erheben und in den Bereich der Zeit ohne Zeit zu fliegen", schreibt Nooteboom an anderer Stelle. Er könnte sich auf eine Darstellung der Poesie berufen, die Raffael in der Sixtinischen Kapelle unter den vier Fakultäten, Theologie, Poesie, Philosophie, Recht, in der Gestalt eines Engels erscheinen lässt. Doch damit will er sich nicht begnügen. Eine seiner beiden weiblichen Protagonisten, beide haben Kunstgeschichte studiert, wird, wegen ihres "Engelticks", auf die Renaissance verpflichtet: Nicht nur Raffael, auch Botticelli und Giotto. "Hauptsache, es sind Flügel dran."

Die feine Webart des Textes zeigt sich auch in der mehrfachen Determination aller Motive. So geht es in dem neuen Buch noch einmal um seine alte, große Frage: die Differenz von Schein und Sein. Damit hatte sich der junge Nooteboom einst an die Tradition der europäischen Moderne angeschlossen. Jetzt nimmt er sie wieder auf, um sie, ebenso drastisch wie realistisch, endgültig zu beantworten. Auf das Adorno-Motto, das der Folgenden Geschichte vorangestellt war, wird noch einmal angespielt, und dann verklingt es: "Scham sträubt sich dagegen, metaphysische Intentionen unmittelbar auszudrücken".

Die metaphysischen Intentionen sind unterdessen, wie uns Nooteboom charmant, fast witzig demonstriert, auf den Hund gekommen. Bei einem Kulturfestival in der australischen Stadt Perth treten, ordentlich honoriert, Engel leibhaftig auf - als Event gefeiert. Die Leute haben ihren Spaß. Nooteboom moralisiert nicht, er urteilt nicht einmal. Er beschreibt nur, listig, immer sanft ironisch. Und er zeigt: Die Bedürfnisse sind noch nicht abgetan. Es bleibt das alte Dilemma. Der Glaube an einen Gott, der über den Wolken thront, mag zu einer lächerlichen Vorstellung geworden sein. Magie, die als Vorstufe von Religiosität erscheinen könnte, wird als Schwundstufe präsentiert. Trotzdem suchen wir nach dem großen Sinn-Spender. Zur Not kaufen wir auch Kitsch. Nooteboom bietet uns im Ernst seine Engel an, die aber keine sind, und verweist damit zurück auf die Kunst(-Geschichte).

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlich existierenden Personen sei in diesem Roman ausgeschlossen, behauptet der Autor und warnt gleichzeitig die Leser vor dem "Wirklichkeitsverlust" des fiktiven Personals. Allerdings räumt er ein: "Das Angel Project in Perth dagegen hat es wirklich gegeben." Was dort geschah, erfahren wir erst am Ende der Geschichte. Hinzu kommt nun noch eine Art Rahmenhandlung, in der sich unser Erzähler als Autor präsentiert und zugleich, Autoren sind schließlich die irdischen Vertreter des Allmächtigen, auf das vom ihm geschaffene Geschöpf trifft. Dieses Verfahren mag als tollkühn erscheinen, dabei erweitert es doch nur den Horizont. Denn auf solch spielerische Weise verweist Nooteboom auf den Ursprung der ästhetischen Moderne: Charles Baudelaires Gedicht "À une passante".

Der Großstadt-Engel

Leicht und edel, wie eine "Statue", taucht dort eine flüchtige Großstadtschönheit als engelhafte Erscheinung vor dem Betrachter auf, ein Bild in der Menge der damals entstehenden modernen Massengesellschaft, das, kaum wahrgenommen, wieder im Gemenge verschwunden ist. Damit hatte Baudelaire wohl auch den Moment getroffen, in dem die himmlischen Heerscharen ihren einstigen Auftrag an eine Kultur(-Industrie) abgegeben haben und nun nur noch flüchtig, gleich ob als Engel oder in anderer Gestalt, an das Versprechen erinnern, das wir (wohl noch immer) mit der Schönheit verbinden. "Ein Blitz … und dann die Nacht!", heißt es bei Baudelaire.

Exakt diese Erscheinung liegt der Struktur der Nooteboom'schen Erzählung zugrunde, so einfach wie kompliziert. Am Ende versteht sich alles wie von selbst. Bis dahin fragt man sich allerdings immer wieder, wie das alles zusammenhängen könnte. Ich werde aber einen Teufel tun, Ihnen, den Lesern, etwas über den Gang der Handlung und damit die Lösung des Rätsels zu verraten. Nicht nur die äußere Spannung, sondern auch die wundersame Balance zwischen Handlung, Stoff und Gehalt würde so zerstört. Nur so viel lässt sich sagen:

Alles beginnt in Sao Paulo, Brasilien. Eine junge Frau, Alma, erfährt, und das leibhaftig, die Hölle. Sie verspricht sich vom "Sickness Dreaming Place" Hilfe, also von den Traumpfaden der australischen Ureinwohner, von denen sie seit den gemeinsamen Kindertagen mit ihrer ebenfalls deutschstämmigen Freundin Almut immer wieder geschwärmt hatte. Die beiden jungen Frauen machen sich auf die Reise, müssen aber bald erkennen, dass ihr Australien zur "Fiktion" geworden ist. In Perth, bei einem großen Kulturfestival, erhalten sie beide einen Job. Sie werden - geniale Idee - als Engel verpflichtet. In dem zweiten Teil der Erzählung fährt der holländische Literaturkritiker Erik Zondag in ein österreichisches Sanatorium, um kräftig abzuspecken, wie es einst Nootebooms deutscher Verleger alle Jahre wieder am Bodensee, ebenfalls mit "Blick auf die Berge", zu tun pflegte. Bei dieser Kur wird er nun ein zweites Mal in seinem Leben mit einer Aussage konfrontiert, die den Gehalt dieser Erzählung wie eine Muschel die Perle umschließt: "Engel gehören nicht zu den Menschen."

Und doch (ge-)brauchen wir sie, um uns immer mal wieder ein Stückchen über die Realität zu erheben. Sie beflügeln uns buchstäblich. So ist Erik Zondag auf das Versprechen, an das er glauben wollte, hereingefallen - wie wir mit Vergnügen auf das Schlitzohr Cees Nooteboom hereinfallen. Denn natürlich wissen wir, seit St. J. Lec, dass wir ins Paradies mit dem Leichenwagen fahren. Trotzdem mag uns nur der Gedanke trösten, dass am Wegesrand, spätestens wenn wir den Friedhof erreicht haben, Engel Spalier stehen werden.

Cees Nooteboom: "Paradies verloren."Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005, 159 Seiten, 16,90 Euro.

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