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Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhaus Frankfurt: „Ich bestellte das Allerbilligste auf der Speisekarte: ein gekochtes Ei“

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Von: Judith von Sternburg

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„In Metropolen zu leben heißt, in Möglichkeiten zu leben“, sagt Hauke Hückstädt, „das Literaturhaus ist eine davon.“
„In Metropolen zu leben heißt, in Möglichkeiten zu leben“, sagt Hauke Hückstädt, „das Literaturhaus ist eine davon.“ © Christoph Boeckheler

Hauke Hückstädt spricht im Inteview über erste Lese- und Lesungserfahrungen, frühe Formen des Widerstands dagegen, die Suche nach dem eigenen Weg – und 30 Jahre Frankfurter Literaturhaus.

Herr Hückstädt, was war Ihr erstes Lieblingsbuch?

Mein erstes Lieblingsbuch?

Genau, ein Kinderbuch, nehme ich an.

Ah, verstehe. „Der Josa mit der Zauberfiedel“, ein frühes Buch von Janosch. Josa kann mit der Zauberfiedel Großes klein fiedeln, und ich glaube auch umgekehrt, indem er die Töne rückwärts spielt. Tolle Bilder. Alle kennen den Tigerenten-Janosch, die frühen Bücher sind aber leider viel zu unbekannt. Mir fällt noch ein anderes ein. „Das Auto hier heißt Ferdinand und steht an einem Bergesrand. Da kommt das Taxi 7, den Ferdinand zu schieben.“ Das schafft es aber nicht, dann kommt der Traktor und noch ein Feuerwehrauto. Das Auto Ferdinand fällt schließlich in einen Teich. „Da stand ein Pferd am Wegesrand und rettete den Ferdinand.“

Sie haben ein gutes Gedächtnis.

Bisschen geschummelt, durch die eigenen Kinder holt man das wieder hervor. Ich erinnere mich aber auch noch an einen Limerick aus einem alten DDR-Buch, den ich sehr mag, obwohl das Buch nicht schön war. „Es bläst meine Großtante Hete sehr fröhlich und falsch die Trompete. Oft knurrt Onkel Max: Das Ding, ich zerhack’s. Ach, wenn er’s doch täte-retätä.“ Das hat sich mir sehr eingeprägt.

Ich kann das nur nach dem Gehör aufschreiben, keine Spur ist mehr davon zu finden. Wie sind Sie nach diesen ersten Höhepunkten dauerhaft zum Leser geworden?

Durch das Inhalieren von Büchern und Schallplatten von klein auf. Aber meine Lese- war auch eine Schreibsozialisation. Ich habe mit 14 Jahren das Land verlassen, in diesem Fall die DDR, und bin in ein komplett anderes Land gekommen, das mir fremd war. Und ich schrieb seither, mindestens bis zum Mauerfall, Briefe. Täglich. Natürlich habe ich auch viel gelesen, mich in den Autoren wiedererkennen wollen, vor allem in den verbannten und exilierten Dichtern. So fand ich den Weg zu Joseph Brodsky, zu Reiner Kunze, und so habe ich auch immer gerne Briefe gelesen. Ich hatte eine ganze Zeit lang die Taschenausgabe der Briefe von Max Beckmann in der Tasche.

Schreiben Sie heute noch viele Briefe?

Sehr viele. Heute nennt man sie E-Mails. Wie in vielen Berufen ist man auch hier täglich einer Lawine von E-Mails ausgesetzt. Dieser Lawine halbwegs stilvoll zu begegnen, ist ein wesentlicher Teil meines Berufs. Ich schreibe den ganzen Tag Depeschen.

Waren Sie früher selbst ein Lesungsbesucher?

Ich erinnere mich an einen Besuch in einem Lese-Café irgendwo in Hannover. Ich fand es abstoßend und verschnarcht, was die älteren Herrschaften da machten, außerdem hatte ich überhaupt kein Geld. Also bestellte ich das Allerbilligste auf der Speisekarte: ein gekochtes Ei. Das machte sonst niemand, das fiel auf, und es war offenbar meine Form des Widerstands.

Man wird Literaturvermittler aus Missmut über das Vorgefundene?

Ich interessierte mich für viele Dinge. Und ich hatte ein Buch veröffentlicht und wollte schon auch als Autor gelten, merkte aber, dass der Aufwand, einen Gedichtband zu schreiben, in meinem Fall in keinem Verhältnis zum Ertrag stand. Ich hätte mehr und schneller schreiben müssen, hatte aber Angst, dann Kunstgewerbe zu machen. An der Uni gab es Veranstaltungen, die anders waren als die Lesungen, die ich kannte. Das gefiel mir, schnoddriger Ton und widmungsvoll. Allerdings wurden hier zum Beispiel keine Lyriker, keine Lyrikerinnen, keine Filmemacher eingeladen. Das übernahm ich dann, lud Charles Simic, Adam Zagajewski, Ulrike Draesner, Barbara Köhler, Dominik Graf oder den Kameramann Benedikt Neuenfels ein. Das war mein Einstieg.

In diesen Jahren wurden in dichter Folge auch die Literaturhäuser aufgemacht. 1986 das erste in Berlin, dann Hamburg 1989, dann Frankfurt 1991. Was war der Impuls?

Es war auf jeden Fall eine gute Zeit der Kulturpolitik in Deutschland. Dem alten Westdeutschland ging es gut, man war sich so sicher, dazu kam eine reiche, starke Verlagslandschaft. Man verknüpfte die alte Salonidee mit der neuen Idee von repräsentativen Gebäuden und lässiger Gastronomie. Das Frankfurter Literaturhaus habe ich dadurch übrigens auch schon als hannoverscher Student kennengelernt, während einer Buchmesse.

Ich war etwas überrascht, wie spät die Häuser gegründet wurden. Das war vermutlich kein „Kultur für alle“-Anspruch mehr, eher etwas Bildungsbürgerliches.

Es ging um Debattenkultur, dazu kam in den großen Städten aber sicher auch ein kulturpolitisches Selbstverständnis. Es waren die Jahrzehnte, in denen man sich noch auf drei, vier Bücher einigte, die irgendwie alle auf dem Nachttisch hatten. Meistens Walser, Grass, Enzensberger. Man hatte Theater, Tanz, Oper, Museen, Bildende Kunst, nun kam noch ein Literaturhaus dazu. Das hat sich seither sehr verändert, da folgte ein Öffnungsprozess.

Inwiefern?

Die Verlage, mit deren Programmen wir als Novitätenkarussell eng verbunden sind, haben sich pluralisiert, sind diverser geworden, die Sachbücher haben in alle Richtungen die Finger ausgestreckt. Es gibt viel mehr Independents. Oder denken Sie allein an die wachsende Bedeutung der Graphic Novel. Es gibt außerdem ein neues Bewusstsein dafür, wie wichtig Bücher für Kinder sind. Partizipation des Publikums ist ein Schlagwort. Und man kann zusammen Partys feiern, was wir hier seit vielen Jahren machen. Ich nenne das „begehbares Feuilleton“. Deutschland hat sich in den letzten dreißig Jahren zum Weltmarktführer für Literatur unter Livebedingungen entwickelt. Von der Schweiz und Österreich abgesehen, gibt es so etwas sonst nirgendwo: wie hier zugehört wird, wie Literatur vermittelt wird, die Vielfalt der Orte, der Festivals.

Ist das eine aufsteigende Kurve, jetzt mal vor Corona gesehen?

Wir sind hier angetreten mit dem Anspruch, dass das Haus der Stadt entsprechen muss. Und wir haben in den letzten Jahren viel Zuspruch dafür bekommen, dass wir so offen wirken und auch, wie ich denke, sind. Offenheit fängt am Kartentelefon an und endet nicht am Eingang, wo bei uns das Team steht, nicht outgesourctes Abreißpersonal. Unser Publikum ist sehr vielfältig je nach Veranstaltung, und das Programm wird so genutzt, wie wir es uns wünschen. In Metropolen zu leben heißt, in Möglichkeiten zu leben. Das Literaturhaus ist eine davon, es gibt Dutzende andere. Das ist Frankfurt, ich bin froh darüber.

Zur Person

Hauke Hückstädt, 1969 in Schwedt/Oder geboren, hat nach seiner Übersiedelung aus der DDR zunächst eine Tischlerlehre gemacht, dann Abitur und anschließend Germanistik und Geschichte studiert. Er hat als Literaturkritiker gearbeitet, Lyrik veröffentlicht, darunter den Band „Neue Heiterkeit“ (2001), war beim Literarischen Salon Hannover tätig und anschließend Leiter des Literarischen Zentrums Göttingen. 2010 übernahm er die Leitung des Frankfurter Literaturhauses, als Nachfolger von Maria Gazzetti, die das Haus seit 1995 geleitet hatte.

Das Literaturhaus Frankfurt, 1989 aus der Bürgerschaft heraus gemeinsam mit Kulturdezernent Hilmar Hoffmann geplant, wurde 1991 in einer Gründerzeitvilla in der Bockenheimer Landstraße 102 eröffnet. 2005 zog es in den nach historischen Vorlagen wiedererrichteten Bau der Alten Stadtbibliothek am Mainufer, Schöne Aussicht 2.

Das 30-jährige Bestehen wurde im vergangenen Jahr wegen der Pandemie übersprungen. Jetzt wird nachgefeiert: Am Sonntag mit einem Kinderbuchnachmittag mit Philip Waechter („Ein Tag mit Freunden“), am Montag mit einer Lesung aus Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“, am Mittwoch kommen Petra Gerster und Christian Nürnberger über ihr gemeinsames Buch „Vermintes Gelände“ ins Gespräch. Die Termine am Montag und Mittwoch werden auch im Netz angeboten. www.literaturhaus-frankfurt.de

Da fällt einem gleich wieder ein, dass Uwe Tellkamp nicht in Frankfurt leben will.

Uwe Tellkamp schießt sich gerade selbst zum Mond, ich weiß nicht, was das soll. Ja, ich habe das auch gelesen, aber Frankfurt ist souverän genug, um sich nicht darum zu kümmern. Das Große an Frankfurt ist gerade, dass es das eine Frankfurt auch gar nicht gibt. Wenn ich am Bahnhof ankomme und in die U4 steige, liebe ich genau dieses Kuddelmuddel aus oll und schick, und alle kommen miteinander aus.

Es lief also, und dann kam Corona. Wie wird es weitergehen?

Prognosen traue ich mir nicht mehr zu. Wir werden wohl mit Bedrohungen leben müssen, und wenn nicht mit diesem Virus, dann kommt irgendetwas anderes um die Ecke. Hier im Haus haben wir nach dem ersten Schock auf Digitalisierung gesetzt. Und wir haben uns entschieden, das selbst zu machen, ein interessanter, erfolgreicher Lernprozess. Den Umständen entsprechend waren es zwei extrem erfolgreiche Jahre für uns. Jetzt erleben wir, was alle erleben. Die Stimmung ist etwas gedämpft. Jedenfalls: Es ist Frühling und irgendwie „Freedom“, und ich würde mal sagen, so 30 Prozent der Leute sind derzeit offline und sitzen im Biergarten. Aber wir sind zuversichtlich. Viel wird davon abhängen, wie der Herbst und Winter 2022 wird. Klassische Kulturmonate.

Gibt es auch den Moment, in dem man denkt: Was tun, wenn die Leute nicht mehr zurückkommen?

Nee, dafür war es zu gut. Die Pandemie, die noch nicht vorbei ist, hat auch in dieser Branche Spuren hinterlassen, aber ich glaube nicht, dass wir jetzt in eine komplett neue Welt starten. Wir waren alle in einer Aufwärtsspirale, mehr Publikum, mehr Auslastung, mehr Einnahmen. Die Pandemie war wie ein Axtschlag. Aus dem reinen Wachstumsdenken herauszukommen, wäre jedoch ohnehin nicht verkehrt. Alle, von den Berliner Philharmonikern über die großen Bühnen hier in der Stadt bis auch zu uns, haben sich in ihren Selbstdarstellungen auf den Publikumszuwachs berufen, das war einfach darzustellen, jeder verstand es. Und selbstverständlich wählt das Publikum mit den Füßen. Aber es gibt auch die Qualität, es gibt die Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit?

Dazu gehört die kulturelle Bildung, alle Angebote für Kinder und Jugendliche. Dafür vermissen wir noch die politische Unterstützung. Wir machen diesbezüglich schon viel, aber wir müssen mehr anbieten. Die Begegnung mit Autorinnen, Autoren muss ganz selbstverständlich zur Bildungsbiografie eines Frankfurter Kindes oder Jugendlichen gehören. Wie der Verkehrsgarten.

Warum ist die Unterstützung denn so schlaff? Kinderveranstaltungen im Literaturhaus sind doch praktisch immer ausverkauft.

Verstehen wir auch nicht.

Wir reden dabei über städtische Förderung?

Genau. Die Stiftungen, die hier am Ort in Frage kommen, sind alle bei uns im Boot, seit vielen, vielen Jahren, jetzt geht es um die städtische Seite. Da werden wir auch nicht locker lassen und weiter unsere Anträge schreiben. Die neue Koalition hat das alles in ihrem Koalitionsvertrag stehen, dem bisher aber noch keinen Nachdruck verliehen.

Kommen wir noch einmal kurz auf Bücher zurück. Drei Titel für die Insel, bitte.

Bin ich auf der Insel alleine?

Völlig, und Sie haben total viel Zeit zum Lesen.

Also auf jeden Fall der Gedichtband „An Urania“ von Joseph Brodsky. Dann nenne ich noch Michal Ksiazek, „Straße 816“, großartiges Buch. Ksiazek wandert eine Straße an der polnischen Grenze zu Belarus und der Ukraine entlang und schreibt über Pfützen, Vögel, alte Bushaltestellen. Sehr poetisch, ornithologisch, europäisch und undogmatisch. Zwei Männer. Jetzt nehme ich noch Inger Christensen, „Alphabet“. Das kann man sehr, sehr oft lesen.

Das Buch der Saison aus Ihrer Sicht?

Die ist noch nicht vorbei. Aber ein Buch, von dem wir noch viel hören werden, ist Fatma Aydemirs „Dschinns“. Starker Stoff, äußerst relevante Themen, gut geschrieben. Ach, zufälligerweise ist die Autorin nächste Woche zu Gast bei uns.

Und jetzt bitte noch der Klassiker, den Sie nicht gelesen haben und bei dem Sie das reut.

„Krieg und Frieden“ habe ich nicht gelesen, dabei ist es immer wieder eine Referenz, gerade derzeit. Dominik Graf hat gesagt: Es gibt Filme, die sind so gut, die muss man gar nicht sehen. So halte ich es auch mit einigen Klassikern. Die Zeit der Universalisten ist vorbei. Die werden auch nicht mehr wiederkommen. Um Programm zu machen, muss man ein weites Herz haben, von sich absehen können, Widersprüche und andere Meinungen zulassen können. Wir sind alle immer noch entsetzt darüber, dass es so divergierende Meinungen und Haltungen gibt in diesem Land. Wahrscheinlich müssen wir alle lernen, weniger empört miteinander umzugehen. Zuhören und widersprechen, darauf kommt es an. Ausschlusskultur wollen wir hier so wenig wie möglich betreiben und befördern.

Interview: Judith von Sternburg

Das Literaturhaus Frankfurt. Foto: Rolf Oeser
Das Literaturhaus Frankfurt. Foto: Rolf Oeser © Rolf Oeser

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