Roman

Hauch der Schönheit

Alex Capus formuliert in „Das Leben ist gut“ seine Kleinstadt-Bar-Geschichten mit herzlicher Gelassenheit, feiner Selbstironie und der Gabe, der vielleicht banalen Vergänglichkeit Schönheit einzuhauchen.

Von Ulrich Seidler

Die drei Söhne werden groß, die Frau hat eine befristete Professur in Paris, an der Sorbonne, wohin sie, größtes Verständnis dafür, vorübergehend enteilt – der Vater und Mann, unser Erzähler namens Max, ist ein bisschen allein. Er führt eine Bar in seiner prosperierenden Heimatkleinstadt. Beim Flaschenentsorgen durchströmt ihn Melancholie. Angesichts eines „paläontologisch anmutenden Balletts“ von Baggern, die ein 60er-Jahre-Kaufhaus wegnagen, schickt er seine Gedanken in die Vergangenheit, zur ersten Jimi-Hendrix-Platte, die er dort gekauft hat, und zur hinreißenden Fleischverkäuferin mit roten Haaren, grünen Augen und Sommersprossen im Dekolleté. „Unterdessen ist sie wohl in Rente. Falls sie noch lebt.“

„Eigentlich bin ich ja Schriftsteller von Beruf und sollte nicht Altglas entsorgen, sondern Bücher schreiben. Aber erstens entsorge ich gern Altglas, und zweitens schreibe ich nicht immer gern Bücher. Das Altglasentsorgen ist ohne Zweifel eine sinnvolle Tätigkeit.“ Und das Bücherschreiben, lieber fiktiver Schriftsteller und Barmann namens Max? „Es gibt doch schon so viele Bücher“, lässt ihn der Bestsellerautor und Barbesitzer Alex Capus in seinem Buch „Das Leben ist gut“ sagen. „Zudem erscheint es mir an manchen Tagen, dass das Leben schon genug sei – dass es das Leben selbst sei, dem man Schönheit einhauchen müsse, statt es mit Kunst aufzuhübschen wie einen Weihnachtsbaum.“

Nach dem Altglasentsorgen wird Max den Warenbestand kontrollieren, Nachschub bestellen, die Kühlschubladen am Tresen auffüllen, Rechnungen bezahlen, Kleingeld besorgen, sich mit Wartungsarbeiten befassen und um 17 Uhr das Rollgitter hochschieben, um bis zur Polizeistunde um halb 1 die Gäste zu bedienen. Der Leser wird sie kennenlernen: Verschwörungstheoretiker Vincenzo, oder Sergio, der Vater von sieben Kindern, oder Miguel, der den ausgestopften Stierkopf wiederhaben möchte, der als Dauerleihgabe an der Wand von Max’ Sevilla-Bar hängt und nun aus Finanznöten helfen soll.

Spätestens hier googelt man und findet schnell die Homepage der Galicia-Bar im Schweizerischen Olten, wo der in der Normandie geborene Sohn einer Schweizerin und eines Franzosen aufwuchs. Ein Kulturprogramm mit Tangomusik und Lesungen sowie viele Schnappschüsse unter anderem von Capus mit einem Stierkopf zeugen von der lebhaften Gemütlichkeit und unabdingbaren Nützlichkeit dieser Einrichtung. Also: Alles einfach nur mitgeschrieben?

Ohne leider je selbst Gast in der Galicia-Bar gewesen zu sein, legen wir die Hand dafür ins Feuer, dass kein Wort gelogen ist, dass kein Dialog und kein Vorkommnis, die hier in ein mildes Licht getaucht werden, ausgedacht sind. Zu seinen genauen Beobachtungen fügt Capus immer auch lebensfreundliche Deutungen. Er sieht nicht einfach hin, sondern er liest, was er sieht – und formuliert es dann mit herzlicher Gelassenheit, mit Nachsicht, feiner Selbstironie und mit der Gabe, der vielleicht banalen Vergänglichkeit Schönheit einzuhauchen. „Ich liebe Dinge, die bleiben“ – als Schriftsteller trägt er Sorge dafür. Da kann er zum Beispiel Sommersprossen in Fleischerinnendekolletés vorübergehend für die Ewigkeit festhalten. Wobei die alles andere als banal sind.

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