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Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen.

Silvia Bovenschen

Sie hatte recht, sich Zeit zu nehmen

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Zum Tod der Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Silvia Bovenschen.

Silvia Bovenschen war über lange Jahrzehnte eine Essayistin, die sich viel Zeit zu nehmen schien für ihre klugen, angriffslustigen, niemals aggressiven, aber immer das, worum es ihr ging, plastisch herausarbeitenden Texte. Die im März 1946 in Bayern geborene schöne Frau wuchs in Frankfurt auf und war schon als Schülerin nicht nur beim Studententheater dabei, sondern besuchte auch die Vorlesungen Adornos und das Café Laumer. Hier traf sie sich mit Suhrkamp-Lektoren und -Autoren. Sie studierte Germanistik, Soziologie und Philosophie. Immer ein wenig von oben herab. Denn sie diskutierte von Anfang an mit den klügsten Köpfen der Bundesrepublik, und wenn Herbert Marcuse in die Stadt kam, dann eben auch mit ihm. 

Sie kannte nicht nur die Bücher, sondern auch die Autoren. Die Studentenbewegung erlebte sie mit, als wäre sie schon zehn Jahre älter. Jeder kannte sie. Viele waren in sie verliebt. Sie war, wenn ich mich richtig erinnere, Mitte Zwanzig, als sie erfuhr, dass sie Multiple Sklerose hatte. Auf ihrem 60. Geburtstag hielt sie eine kleine Rede, in der sie sagte: „Niemals hätte ich gedacht, dass ich diesen Geburtstag erleben würde.“ Sie sagte es lächelnd. Nicht triumphierend, aber doch stolz. Sie verbrachte immer wieder Monate in Krankenhäusern, wurde vielmals operiert. MS war nur eine der sie plagenden Krankheiten. Es war, als hätten tausend Teufel sich auf sie gestürzt, um ihr ihre Kraft, ihre Intelligenz, ihre Schönheit, ihre Lebenslust zu rauben. Es gelang ihnen nicht. Silvia Bovenschen starb am 25. Oktober im Alter von 71 Jahren.

Sie hatte recht, sich Zeit zu nehmen. Sie hatte sie. 1979 erschien ihre Dissertation im Suhrkamp-Taschenbuch: „Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen.“ 

Es wurde ein Bestseller. Mehr als das: ein Vademecum der neuen Frauenbewegung. Trotz des Untertitels. Danach kamen kleine Aufsätze, hier ein Vortrag dort eine Einleitung. Nichts, was dem Gewicht, der Bedeutung der „Imaginierten Weiblichkeit“ gleichkam. Silvia Bovenschen schien eine Autorin des einen Buches zu sein. Wer sie besuchte, der erlebte sie an allem interessiert, über alles informiert und mit großer Lust Lob und Tadel freimütig verteilend. 

Ein großer Publikumserfolg war im Jahre 2006 „Älter werden“. Es ist das Buch, mit dem Silvia Bovenschen zur Autorin wurde. Der Untertitel versuchte nicht mehr das Buch einzugemeinden in einen Wissenschaftsbetrieb, dem sie doch von Anfang an auch schon entlaufen war. Er lautete „Notizen“. Das klang noch nach: Vorsicht: keine Theorie! Danach endlich schrieb Silvia Bovenschen auch Romane. Ihr letzter wird demnächst bei ihrem Verlag S. Fischer erscheinen. Er trägt den Titel: „Lug und Trug und Rat und Streben“. Sie, die große Musikliebhaberin, hat in dem „Streben“ sicher auch das Sterben mit anklingen lassen.

Theorie war eines der Zauberwörter der Jugend von Silvia Bovenschen. Sie sah sich lange, verstärkt durch den Erfolg ihres ersten Buches, als Theoretikerin. Sie liebte es, Durchblick zu haben. Sie tat viel dafür. Sie war auch so gut darin, dass sie mehr als fünfzig Jahre brauchte, um zu begreifen, dass sie eine Erzählerin war. Jahrzehntelang glaubte sie, ihr Vergnügen daran, Geschichten zu erzählen, die sie erlebt, die man ihr zugetragen hatte, sei eine Frivolität, die sie von der eigentlichen Arbeit abhielte. Ihr Hunger auf Geschichten erschien ihr gerechtfertigt nur als Versuch eine möglichst breite „empirische Basis“ für noch zu erarbeitende Theorien zu sein. Als sie sich davon befreite, wurde sie – immer schwerer erkrankend – eine fleißige Autorin. Sie hatte sich lang genug Zeit genommen, jetzt legte sie los.

Ich glaube, ohne das Vorbild ihrer jahrzehntelangen Freundin, der großartigen Malerin Sarah Schumann, die ihr zeigte, dass man jeden Tag sich hinsetzt und arbeitet und dass nur so ein Werk steht, hätte Silvia Bovenschen den Sprung in die Erzählung nicht geschafft. Dass er ihr gelang, war ihr spätes Glück.

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