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Comic Lewis Trondheim

Ein Hase fürs Altpapier

  • Peter Rutkowski
    VonPeter Rutkowski
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Die Wiederauflage des Comics „Frühlingserwachen“ von 2001 lässt sich durch nichts erklären. Lewis Trondheims Stripzeichner-Stil ist darin einfach falsch.

Die „neunte Kunst“, die der Bilderzählung – vulgo: Comic – verbindet bekanntermaßen das Sehen der Malerei mit dem Erfahren des Kinos und dem Lesen der Literatur. Die Harmonie des sich gegenseitig beeinflussenden Miteinanders der drei machen einen guten Comic aus. Passt eines der drei nicht zu den anderen, so kann das beabsichtigte Satire sein. Meistens ist es das schiere Unvermögen des Autors oder seines Verlages.

Der Franzose Lewis Trondheim ist ein Satiriker. Und ein Comic-Autor („Autor“ vereint im Comic die Jobs von Texter und Zeichner), der sich durch besagtes Unvermögen auszeichnet. Aktuell wird das einmal mehr deutlich an der vom Verlag Reprodukt verantworteten Wiederauflage des original 2001 bei Carlsen erschienenen Bandes „Frühlingserwachen“, Nummer sechs der anthropomorphen „Haarsträubenden Abenteuer von Herrn Hase“. Es gibt Dutzende Comic-Autoren, darunter nicht wenige große Erzähler, die einer Wiederauflage oder gar einer Erstveröffentlichung im deutschen Sprachraum harren. Warum Reprodukt ausgerechnet eine so ärgerliche Papier- und Energieverschwendung auf sich nimmt – von der Verschwendung wertvoller Lesezeit ganz abgesehen –, wird wohl ein Mysterium der ökonomischen Irrungen und Wirrungen heutiger Comic-Veröffentlichungen bleiben.

Besser: eine "kritische" Ausgabe

Man hätte die Neuauflage begründen können mit einem biografischen Vorwort, verbrämt mit frühen Skizzen, alten Titelbildern und ähnlichem, unter Fans hoch gehandeltem Nippes. Die französisch-belgische Comic-Leitkultur tut dies seit einigen Jahren mit fetten gebundenen und sehr preiswerten Gesamtausgaben höchst erfolgreich.

Eine solche „kritische“ Ausgabe hätte die Qualität von „Frühlingserwachen“ keinen Deut gesteigert, aber wenigstens müsste sich der ansonsten extrem verdienstvolle Verlag Reprodukt nun hier nicht ein paar schriftliche Watschen abholen. Es wäre durchaus möglich, nun jedes weitere Wort der Kritik sein zu lassen. Schwamm drüber, Trondheims Fans werden ihn lieben, egal wie er kritisiert wird, alle anderen werden ihn ignorieren, so wie sie potenziell alle Comics – weil ja bloß „vulgäre Bunte-Bildchen-Hefte“ – ignorieren. Das geht aber aus dreierlei Gründen nicht.

Erstens: Der Titel. „Frühlingserwachen“ erinnert den beleseneren Menschen an einen schwerwiegenden Klassiker aus der Feder Frank Wedekinds. Trondheims „Erwachen“ ist aber Satire. Das muss man nicht unbedingt sofort erkennen.

Wegen des zweiten Grundes: Lewis Trondheims Zeichenstil. Hieran zeigt sich eines der Grundprobleme der Werke des französischen Satirikers, nämlich, dass er gar kein Comiczeichner ist, sondern ein Stripzeichner. Comic-Strips müssen zwingend von zeichnerischer Einfachheit sein, damit sie auf ihrem sehr beschränkten Platz den Spannungsbogen halten oder die Pointe entwickeln können. Trondheims simplizistische, atmosphärelose Darstellung eines von anthropomorphen Tieren bevölkerten Universums ist dafür ideal.

Lassen Sie die Finger davon

Für eine Geschichte, wie sie „Frühlingserwachen“ erzählt, ist Trondheims Stil tödlich. Erzählt wird in ihr vom ersten Erwachen der Liebe in einem viktorianischen Jüngling und von seiner Niederlage im Kampf um die Gunst der Angebeteten, weil er ein über-intellektualisierender, kindischer Schnösel ist. Als Texter zeichnet hier der Comic-Autor Frank Le Gall verantwortlich. Und das ist der dritte Grund, warum „Frühlingserwachen“ scheitert, warum man die Finger von diesem Comic lassen sollte.

Le Gall ist einer der brillantesten lebenden Vertreter des Comic; seine Saga um Théodore Poussin (im Deutschen: Theodor Pussel) atmet den Geist Joseph Conrads und Hugo Pratts. Bei ihm sind Sehen, Lesen und Erfahren aus einem Guss, aufs Harmonischste, Spannungsvollste vereint. Hätte Le Gall „Frühlingserwachen“ gezeichnet, nach einem Text Lewis Trondheims, dann wäre die Wiederauflage des Werkes ein Fest.

Das ist mitnichten das Wunschdenken eines missgünstigen, aller Realität fernen Kritikers. Das Duo Le Gall/Trondheim hat nämlich bewiesen, dass das funktioniert. 1995, also wenige Jahre vor „Frühlingserwachen“, zeichnete Le Gall im just neu gegründeten Alternativverlag „L’Association“ das von Trondheim getextete satirische Kleinod „Les aventures de la fin de l’épisode“. Der wunderbar verlängerte Witz der Aufklärung eines banal-anglophilen Sherlock-Holmes-mäßigen Kriminalrätsels auf 22 gerade mal Handteller-großen Seiten ist brillant. Weil der Witz gut ist, weil das Szenario stimmig ist und weil Le Gall gezeichnet hat.

In „Frühlingserwachen“ steht Le Gall gerade fürs Szenario. Das ist auch wirklich gut. Aber es müssen nunmal drei von drei Teilen gut sein und zusammenspielen, damit ein Comic gut ist. Trondheim aber hat „Frühlingserwachen“ gezeichnet. Und daher ist „Frühlingserwachen“ leider schlecht.

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