Harter Mann mit Katzen

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Bei dtv darf Charlie Resnick wieder ermitteln

John Harveys "erster Fall für Detective Inspector Charlie Resnick" erscheint nicht zum ersten Mal auf Deutsch (das war 1993), aber wenn dtv ihn nun wiederauflegt, dann mit der Absicht, ihm weitere Resnick-Romane folgen zu lassen. Harvey, geboren 1938, beendete die Serie 1998, weil, wie er auf seiner Homepage schreibt, er von Nottingham weggezogen sei und die Stadt nicht mehr "in den Knochen" habe.

Dass "Verführung zum Tod" (Original: "Lonely Hearts") tiefe Wurzeln in einer realen Stadtgesellschaft hat, ist spürbar. Doch Harvey ist, egal was in seinen Knochen steckt, kein "Regionalkrimi"- Autor. Das Namedropping von Straßen und Plätzen, Clubs und Cafés ist ihm nicht wichtig. Dafür sind es polizeiliche, psychologische, soziologische Plausibilitäten. Sein Charlie Resnick ist kein Überflieger mit Intuition, eher ein zäher Faktenausbuddler, der sich, manchmal herzlich schlecht gelaunt, durch seine Arbeit beißt. Und abends von Jazz, seinen vier Katzen und einer Sozialarbeiterin trösten lässt. Die hat Einblick in einen etwas anderen Teil des Elends - Sucht, häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch - und ermöglicht es Harvey, das Porträt einer durchschnittlichen westlichen Stadtgesellschaft zu vervollständigen.

Für sein so herbes wie facettenreiches Bild braucht er weniger Leinwand als viele seiner Kollegen. Er malt keine Landhaus-Interieurs aus, er erzählt meistens durch Dialoge, er fasst auch diese ziemlich knapp. Er schreibt präzise, bedacht, nüchtern. Und das trotz vierer Katzen mit Kitschpotential - das ist eine Kunst.

John Harvey:

Verführung zum Tod. Aus dem Englischen von Mechtild Sandberg-Ciletti. dtv, München 2009, 394 Seiten, 8,95 Euro.

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